America's Cup Milliardärsappell


Der America's Cup braucht die Milliardäre, und die Milliardäre brauchen hochkarätige Segler. Im Zweifel muss jedoch der Segler dem Milliardär weichen. Und zwar selbst dann, wenn es sich um eine Segellegende wie Jochen Schümann handelt.
Von Roberto Lalli delle Malebranche, Valencia

Es gibt da einige Dinge, die der Alinghi-Eigner Ernesto Bertarelli, 42, gar nicht mag: Etwa wenn Journalisten seine Kinder fotografieren wollen oder in ihren Artikeln seine Superyacht VAVA erwähnen. Der in Rom geborene Schweizer reagiert in solchen Fällen ziemlich unwirsch. "Das ist mein Privatleben, und das geht niemanden etwas an." Die Medienscheu Bertarellis geht so weit, dass er in einem seiner seltenen Interviews zunächst zwar den Kauf eines Ferraris zugibt, sich dann aber hartnäckig weigert, die Farbe seines Spielzeugs zu verraten.

Jahrmarkt der Eitelkeiten

Bertarellis Versteckspiel mit der Presse wäre nicht weiter tragisch, wenn er nicht gleichzeitig der wichtigste Mann im America's Cup, dem drittwichtigsten Sportwettbewerb auf diesem Planeten wäre. Bertarelli lenkt nicht nur das Geschick des Defender-Bootes Alinghi, das den Cup 2003 zum ersten Mal nach Europa holte. Sein Freund aus Kindertagen, Michel Bonnefous, ist der Chef des America's Cup Managment, jener Organsisation also, die den Wettbewerb der Herausforderer, den Louis Vuitton Cup, organisiert. Kein Wunder also, dass hier in Valencia auch Interesse an der Person Bertarelli besteht, zumal diese in der Geschichte des Cups beispiellose Macht dem Vollzeit-Milliardär nicht zu genügen scheint. Bertarelli sieht sich auch als Segler, privat mit einer Farr 40 und öffentlich als Teammitglied der Alinghi: Dort hatte er bisher die Position des Runner inne, eine Aufgabe, für die der schmächtige Milliardär jedoch wenig geeignet erscheint. Denn der Runner ist an Bord einer America's Cup-Yacht für den Mast und für das Trimmen des Großsegels zuständig, und vor allem das Bedienen der Winschen erfordert eine hohe körperliche Fitness und somit einen großen Trainingsaufwand.

Stolz und Vorurteil

Kein Problem für Ernesto Bertarelli. Ganz offenbar besteht die Lösung des Dilemmas für ihn nicht etwa in einem Verzicht, ab dem 23. Juni an Bord der Alinghi um den America's Cup zu segeln, sondern in einem Wechsel auf eine andere Position. Und sehr wahrscheinlich wird es ausgerechnet der Segel-Star Jochen Schümann sein, der während der entscheidenden Regatten von Bord gehen wird, um dem milliardenschweren Ehrgeizling Platz als Afterguard zu machen. Denn der Sportdirektor war bei den Schweizern zuletzt nur noch offiziell einer von drei Steuermännern und ohnehin nicht die erste Wahl hinter dem Rad, das im Finale wohl eher vom US-Amerikaner Ed Baird bedient werden dürfte.

Eine Geschichte ohne Helden

Sollte Jochen Schümann mit dem Gedanken spielen, beim nächsten America's Cup eine deutsche Kampagne anzuführen, wird er für den Fall der Fälle wahrscheinlich gelassen auf die Anwandlungen seines Noch-Brötchengebers reagieren. Auf der anderen Seite ist der dreifache Olympiasieger bekanntlich ein extrem ehrgeiziger Sportler und ein ausgezeichneter Steuermann und Stratege dazu, hat er doch in den Alinghi-Trainingsregatten den Über-Skipper Russell Coutts mehr als einmal hinter sich gelassen. Aber Coutts hat sich ja mit Bertarelli überworfen und musste Alinghi verlassen, und außerdem braucht der America's Cup Milliardäre eben dringender als Helden, oder etwa nicht?


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