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America's Cup: Möge mein Geld mit euch sein

Nur noch wenige Tage, bis das neuseeländische Emirates-Team gegen die Schweizer Alinghi im America's Cup Finale antritt. Beide Teams bereiten sich in geheimen Sitzungen auf den großen Kampf vor. Geheime Sitzungen? Nicht für uns. Heute: die Schweizer.

Eine Satire von Roberto Lalli delle Malebranche

Unser Autor beschreibt auf satirische Weise in einem fiktiven Text, wie seiner Meinung nach eine Teamsitzung des Schweizer Alinghi-Teams ablaufen könnte. Vor vier Jahren fand das America's Cup-Finale ebenfalls zwischen Alinghi und den Neuseeländern statt. Alinghi siegte klar mit 5:0.

Genau 12 Uhr mittags, die Basis von Alinghi im Yachthafen von Valencia. Milliardär Ernesto Bertarelli betritt den Raum, in welchem die schweizer Mannschaft gerade ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgeht und die Börsennachrichten aus aller Welt studiert. An der Wand hängen die Großaufnahmen von Euro-, Dollar- und Yen-Scheinen.

Ernesto Bertarelli trägt ein einfaches Paar diamantenbesetzter Beckham-Jeans und ein T-Shirt mit der Aufschrift THE WINNER TAKES IT ALL! Sofort springt Sportdirektor Jochen Schümann auf und ruft: "AAACHTUUUNG!". Die Männer stellen sich augenblicklich in eine Reihe auf und nehmen Haltung an, aber Bertarelli winkt generös lächelnd ab.

"Männer, nicht so förmlich, ihr wisst doch, ich bin einer von euch. Ich esse seit vier Jahren genau wie ihr mit Plastikgabel und Plastikmesser meine Austern, trinke genau wie ihr meinen Champagner aus dem Pappbecher und stehe genau wie ihr jeden Morgen um 8 Uhr im Fitness-Raum, bevor ich mich dann um neun wieder hinlege. Diese entbehrungsreichen Jahre haben uns zusammengeschweißt, und wir sind heute eine Seele, ein Körper und eine Stimme, meine Stimme. Und deshalb, Männer, will ich mich kurz fassen und euch nur eine einzige Frage stellen: Warum sind wir hier in Valencia, was hat uns hierher geführt?" "DAS GELD!!!", rufen alle Segler wie aus einem Mund, "DAS GELD!!!"

"Sehr richtig, DAS GELD! Das Geld will, dass wir den Cup verteidigen und es VERMEHREN, das Geld will, dass ihr euer Bestes gebt und gewinnt, und ihr wisst, dass das Geld keinen Spaß versteht. Schümann hebt das Schild mit der Aufschrift SPONTANER APPLAUS! und spontaner Applaus brandet auf. "Männer, wo wart ihr, bevor ich DAS GELD zu euch brachte?" "In der Gosse, Chef!" "Richtig. Und wo landet ihr, wenn ihr verliert und ich DAS GELD wieder von euch fortnehme?" "In der Gosse, Chef?" "So ist es. Also enttäuscht mich nicht, Männer, bitte, bitte nicht."

Schümann hebt das Schild mit der Aufschrift SCHWUR und alle Männer rufen, wie aus einem Mund: "Das geloben wir dir feierlich, das schwören wir, der Cup bleibt unser!" Ernesto Bertraelli ist ergriffen, er blickt in die Runde, sieht jeden einzelnen seiner tapferen Segler an und es glitzert in seinen Augen. Ein Staubkorn ist unter eine seiner Kontaktlinsen geraten, und sofort zücken die Männer ihre seidenen Taschentücher und umringen ihren Führer. "Nimm meines!", "nein, nimm meines!", "nein meines, Herr!", rufen sie.

Ernesto Bertarelli wischt sich eine Träne von der Wange und blickt sich um. Sein Gesicht drückt Erhabenheit, Ruhe und Kraft aus, seine Stirn wölbt sich unter den Gedanken, die kein Irdischer kennen oder auch nur ahnen kann. Gebannt und mit weichen Knien warten die Männer auf seine nächsten Worte. Dann endlich spricht er: "Was ich euch jetzt anvertraue, ist ein großes Geheimnis, aber ihr seid mein Vertrauen wert, das weiß ich. Das hier, Männer, ist erst der Anfang. ALINGHI, dieser Name ist für die Ewigkeit gedacht, nicht für eine Cup-Verteidigung, sondern für unzählige!" Bertarelli ballt die Fäuste. "Wir werden den America´s Cup bis in alle Ewigkeit beherrschen, hört ihr, bis in alle Ewigkeit! Wir stehen erst am Anfang!

Wir werden in die Formel 1 gehen, in den Handball, Basketball, Volleyball und Wasserball, in die Leichtathletik, wir werden ins Dopinggeschäft der Tour de France einsteigen, in den Rudersport, der rhythmischen Sportgymnastik, ja sogar ins Synchronschwimmen. Von allen Anzeigetafeln dieser Welt wird das Wort ALINGHI leuchten, bis wir dereinst alle Pokale dieser Welt unser eigen nennen werden und natürlich auch alle Übertragungsrechte. Glaubt mir, es kommt der Tag, da es kein Land, keine Stadt, kein Dorf mehr ohne eine Schweizer-Gasse, eine Alinghi-Straße und eine Bertarelli-Allee geben wird!"

Schümann hebt das Schild ERGRIFFENHEIT, und die Männer heben ergriffen ihre Hände mit den Taschentüchern. Viele weinen, andere beten, einige lassen sich zu Bertarellis Füssen nieder und halten sich an seinen Knien fest. "Wer sind die Kiwis denn schon? Ein kleiner Witz soll euch das veranschaulichen: Ein Neuseeländer will in einer Bank in Zürich Geld einlegen. 'Wie viel wollen sie denn einzahlen?', fragt der Kassier. Flüstert der Mann: 'Drei Millionen.' 'Sie können ruhig lauter sprechen', sagt der Bankangestellte, 'in der Schweiz ist Armut keine Schande.'"

Schümann hebt das Schild mit der Aufschrift JAUCHZEN & JUBELN und die Männer von Alinghi jauchzen und jubeln und umtanzen ihren ebenso genialen wie humorvollen Anführer. Bis Bertarelli sich schließlich losreißt, denn tausend Pflichten harren noch seiner. "Möge das Geld mit euch sein!", ruft er noch, bevor er, einem jungen Gott gleich, entschwindet.

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