HOME

Interview Jochen Schümann: Die See, der Tod und das Geld

Jochen Schümann ist Deutschlands erfolgreichster Segler und Sportdirektor beim America's Cup-Titelverteidiger Alinghi. stern.de traf den Segel-Star in Valencia und sprach mit ihm über die Gefahren seines Sports, riesige Geldverschwendung und das teure Hobby exzentrischer Milliardäre.

Von Roberto Lalli delle Malebranche

Herr Schümann, das letzte Mal, als wir uns bei einem America's Cup trafen, waren Sie ein kaum beachtetes Mitglied von FAST 2000, einem Schweizer Außenseiter-Team ohne Geld und ohne Chancen. Das war 1999 in Auckland. Hätten Sie es damals für möglich gehalten, dass Sie mir heute als Sportdirektor des Defender-Bootes gegenüber sitzen würden?

Nein, sicher nicht! Damals hatten wir kein Geld, kein gutes Team und wir waren insgesamt sehr schlecht vorbereitet, so dass wir nach einem Mastbruch noch nicht einmal mehr die zweite Round Robin-Runde zu Ende segeln konnten. Ich war schon zu Weihnachten wieder zuhause, also noch vor Beginn des eigentlichen America's Cup, und hatte von der ganzen Veranstaltung ehrlich gesagt ziemlich die Nase voll. Einmal und nie wieder, dachte ich damals. Dass es dann aber doch anders kam, lag an meinen guten Kontakten zu den Schweizern. Als die Idee zu Alinghi geboren wurde und sie mich kontaktierten, war mir schnell klar, dass dieses Team alles mitbrachte, was meiner eigenen Denke entgegenkam. Und der Erfolg von Alinghi hat ja dann auch gezeigt: Wenn man die Sachen richtig macht, hat man auch im America’s Cup Erfolg.

Sind die Teams bei diesem Wettbewerb wirklich so ausschlaggebend? Die Südafrikaner von Shosholoza zeigen doch gerade, dass auch ziemlich unerfahrene Segler Erfolg haben können, solange nur ihr Boot schnell ist.

Wissen sie, es heißt ja nicht umsonst, dass der America’s Cup keine Auktion ist. Geld und Zeit alleine genügen nicht, es kommt schon darauf an, dass die richtigen Leute mit beidem auch das Richtige machen.

Mit den richtigen Leuten meinen Sie jetzt aber nicht nur das Segel-Team an Bord, oder?

Genau. Ich meine damit das Design-Team, die Segelmacher, die Logistiker, also all die Menschen, die dafür sorgen, dass du die Möglichkeit hast, deine Stärken als Segler zu nutzen oder eben nicht. Das Ganze ergibt idealerweise eine Einheit, das kann man eigentlich nicht auseinander dividieren. Wenn beim America’s Cup zwei insgesamt in etwa gleich starke Teams aufeinander treffen, wenn also die Stunde der Wahrheit schlägt, kommt es sehr wohl darauf an, was das Segelteam kann.

Bleiben wir noch einen Augenblick bei Shosholoza. Sie betonen in ihren Interviews immer wieder Werte wie Ehrgeiz und Siegeswille, aber privat verbringen Sie eine ganze Menge Zeit auf der Basis der eher spontanen Südafrikaner. Brauchen Sie manchmal einen emotionalen Ausgleich zur kühlen Perfektion, die das Team Alinghi umgibt?

Nein, sicher nicht. Das liegt eher daran, dass ich zu T-Systems, dem Hauptsponsor von Shosholoza, ein sehr gutes Verhältnis habe, denn die sponsern ja auch den Deutschen Seglerverband und unsere Olympiaboote. Den Eindruck, den die Presse von uns so oft vermittelt, nämlich dass Alinghi sozusagen als Koloss in der Brandung emotionslos seinen Weg macht, ist völlig falsch. Wir sind mit viel Spaß dabei, wir sind sehr transparent und wir haben immer versucht, den America’s Cup für so viele Menschen wie möglich interessant zu machen. Und gleich vorweg, bevor auch Sie mir die Frage stellen: Dass es bisher mit dem Wind nicht so geklappt hat, ist nicht unsere Schuld! (lacht)

Apropos Fragen, die Ihnen gerne gestellt werden: Es gibt ja auch solche, die kein Journalist stellt, Fragen, die irgendwie tabu zu sein scheinen. Etwa die nach der Gefährlichkeit ihres Sports. Der letzte Tote in der Formel 1 war Ayrton Senna 1994, aber beim America’s Cup...

... war es ein Mitglied des spanischen Teams im Jahr 2000 in Auckland. Aber an den Tod denke ich persönlich beim Segeln überhaupt nicht. Wissen Sie, damals hat ja weder er noch einer seiner Kollegen an Bord einen Fehler gemacht. Das Material auf unseren Booten ist derart mit Energie aufgeladen, dass, wenn einmal etwas reißt, jemand getroffen werden kann und im schlimmsten Fall, wie damals geschehen, einfach verblutet. Aber es ist wie in vielen anderen Sportarten auch: Normalerweise ist es nicht gefährlich, und doch kann es manchmal gefährlich werden. Nur ist Segeln deshalb noch lange nicht eine besonders riskante Sportart.

Ein anderes Tabuthema im America's Cup ist die Religion. Segler gelten zwar als abergläubisch...

Nein, sind sie nicht, aber sie wissen, dass die Erde eine Scheibe ist! (lacht)

Dann spielen also weder Religion noch Aberglaube irgendeine Rolle?

Also ich selbst bin nicht religiös, und ich bin auch nicht Anhänger irgendeiner Religion. Aber wir alle hier haben, glaube ich, schon großen Respekt vor den Naturgewalten. Ich selbst nehme einfach die Fakten, die es in der Welt gibt, zur Kenntnis und versuche dabei nicht zu vergessen, dass wir nur einen begrenzten Einfluss auf sie nehmen können.

Das klingt für mich wie eine sehr technische Sicht der Welt und der Natur. Was sehen Sie eigentlich, wenn sie draußen auf dem Meer sind: einfach nur Variablen, die ein Boot schneller oder langsamer machen?

Sehen Sie, ich bin eigentlich nur zufällig Segler geworden. Mir geht es primär um den Sport. Ich suche den Wettbewerb, das ist es, worum es mir geht, und wenn ich mal Urlaub mache, was nicht oft geschieht, dann verbringe ich ihn auch nicht am Meer. Ich gehe dann nicht Fischen oder so, sondern gehe lieber in die Berge Wandern oder Radfahren.

Da ist also keine Sehnsucht nach dem Meer in Ihnen, kein Ruf, der Sie immer wieder zum Meer zieht?

Nein, überhaupt nicht.

Können Sie eigentlich schwimmen? Die Cup-Legende Dennis Conner kann es ja angeblich nicht.

(lacht) Doch, kann ich, ich bin sogar ein ganz guter Schwimmer.

Wenn Sie heute auf ihre lange Karriere zurückblicken, gab es da einen besonders schweren Augenblick und einen ganz besonders schönen, Momente, an die Sie heute noch denken?

Ich glaube, es ist sehr schwer, sich an die ganz großen Augenblicke zu erinnern. Wenn ich gefragt werde, fallen mir eher die weniger glücklichen ein. Bei mir ist das etwa meine Silbermedaille bei den Olympischen Spielen von Sydney 2000, wo ich hätte Gold gewinnen wollen, können und müssen, aber es zum Schluss dann doch jemand anderem überlassen musste. Das ist zwar sozusagen Elend auf höchstem Niveau, aber dennoch liege ich manchmal nachts wach und denke darüber nach.

Dann stimmt es wirklich, was man von Ihnen sagt, dass Sie nämlich ein sehr ehrgeiziger Mensch sind. Nach so vielen Jahren ärgern Sie sich immer noch über eine verpasste Goldmedaille!

(lacht) Wissen Sie, ich bin so ein Mensch, der gerade die Dinge, die gut gelaufen sind, beiseite packt und eher über die weniger guten nachdenkt. Das Gold damals war machbar, und wenn ich bestimmte Dinge anders gemacht hätte, hätte ich es mir auch holen können.

Sind Sie jemand, der glaubt, dass man nur alles für den Erfolg tun muss, um ihn dann auch zu haben?

Also, ich glaube jedenfalls nicht, dass Erfolg in erster Linie vom eigenen Talent abhängt.

Dann haben Sie ihr Leben schon immer genau durchgeplant und auf den Erfolg ausgerichtet?

Wenn ich ein Ziel vor mir sehe, gibt es für mich kein Zurück. Das hat mich schon in Auckland 2000 von meinen Mannschaftskameraden unterschieden. Viele von denen sind damals mitten in der Kampagne einfach abgesprungen, als es die Probleme mit der Bezahlung und mit dem Material gab. Ich hab damals gesagt: Wir sind hier um zu Segeln, und ob wir nun bezahlt werden oder nicht, spielt eigentlich keine Rolle. Was wir begonnen haben, sollten wir auch zu ende bringen.

Aus einer Art Seglerehre heraus?

Das ist, denke ich, eher ein Wert an sich und hat nicht unbedingt etwas mit Segeln zu tun.

Jochen, mich als Italiener erinnert der America's Cup ein wenig an das Rinascimento. Die Fürsten von heute heißen zwar nicht mehr Medici und Sforza, sondern Bertarelli und Ellison, aber dennoch halten sie sich eine Art Hofstaat, zu dem auch Top-Segler wie Sie gehören. Wie sehen Sie das?

Ich glaube, das ist ganz normal und gut. Ohne Alinghi und dem Geld hinter Alinghi hätte ich persönlich nie Segelprofi werden können. Als Olympiasegler habe ich sicher schon genau so professionell gedacht und gearbeitet wie heute, aber meinen Lebensunterhalt konnte ich mit dem Segeln damals nicht bestreiten. Dass es überhaupt High-Tech-Yachten gibt, auf denen Topleute wie ich gebraucht werden, verdanken wir ja den wohlhabenden Menschen dieser Welt. Der America's Cup speziell ist schon immer durch sehr reiche Individualisten geprägt worden, und das ist heute noch so. Obgleich seit etwa zwanzig Jahren immer mehr Sponsoren-Geld von der Industrie dazu kommt.

Und das ist gut?

Ich denke schon. Ich glaube, dass beide Trends zusammen passen. Unser Eigner Ernesto Bertarelli bringt hier sein eigenes Geld sozusagen privat ein, aber wir haben auch einen sehr professionell arbeitenden Sponsor wie UBS. Viele Unternehmen sehen im Sport die Möglichkeit, bestimmte Werte zu vermitteln, und wenn sie dabei bleiben, funktioniert das auch. Uns kommt das entgegen. Ich sehe das positiv.

Die Welt des America's Cup ist eine Art Insel der Gesunden, Reichen und Schönen in einer Welt, in der es mehr denn je Hunger, Krieg und Gewalt gibt. Passt ein solcher Wettbewerb überhaupt in die heutige Zeit?

Ich denke, es ist eher umgekehrt. Da sind ganze Erdteile, die hinter der Entwicklung, die die Welt genommen hat, zurückgeblieben sind, was ungesund ist. Ich glaube, dass all das, was die Menschheit geschaffen hat, all die Schätze in der Kunst, der Kultur und in der Wissenschaft, einer Sehnsucht nach Perfektion entspringen. Und vielleicht ist es ja genau diese Suche nach neuen Horizonten, die die Menschheit als Ganzes auch heute noch voranbringt. Dabei dürfen wir aber natürlich nicht die Anderen vergessen, die, die zurückgefallen sind. Ich weiß, dass Ernesto Bertarelli nicht gerne darüber spricht, aber natürlich gibt auch er eine ganze Menge Geld aus, um es Menschen in Not ein wenig einfacher zu machen.

Also ist der America's Cup keine Verschwendung von Geld, das anderswo vielleicht besser angelegt wäre?

Darüber lässt sich ganz sicher streiten, aber ich denke, dass vom America's Cup auch eine ganze Menge positive Aspekte ausgehen. Klar tun wir hier nichts gegen den Hunger in Schwarzafrika, das kann man wirklich nicht sagen, aber ich glaube, dass alle Menschen durch den Cup Motivation tanken können, etwas mitnehmen können. Und das gibt ihnen dann die Kraft für neue Geschäfte, klar, aber eben auch für andere, wichtigere Dinge. Außerdem ist die Grenzziehung schwierig. Was ist etwa mit einem Pop-Konzert, das keine Spendenveranstaltung ist? Ist es ok, dafür hundert Euro auszugeben oder nicht? Ich frage mich schon oft, wenn ich die Nachrichten im Fernsehen sehe: In was für einer Welt leben wir eigentlich, was ist eigentlich noch normal?

Sind Sie ein politischer Mensch, können Sie das als Segler überhaupt sein?

Durch meinen Werdegang als Ostdeutscher bin ich wahrscheinlich politischer als viele andere Menschen, aber beim Segeln selbst spielt das tatsächlich eine eher untergeordnete Rolle.

Letzte Frage, Jochen: Wer gewinnt den America's Cup 2007?

Ich denke, Alinghi. Wir haben sehr hart gearbeitet, wir sind ein gutes Team, und damit liegt es eigentlich nur noch an uns: Wenn wir keine Fehler machen, haben wir alle Chancen, den Cup erfolgreich zu verteidigen.

Gibt es ein Herausforderer-Team, bei dessen Anblick das Adrenalin etwas schneller durch ihren Körper fließt?

Nein. Wir haben aber großen Respekt vor allen guten Teams, und das sind aus meiner Sicht mindestens sechs.

Gibt es wenigstens einen Wunschgegner?

Ja, ein europäisches Team! Denn dann würde der Wettbewerb auf jeden Fall hier in Europa bleiben.

Wissenscommunity