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Audi MedCup: Team Germany startet mit "Platoon" durch

Des einen Leid ist des anderen Freud: Weil der America's Cup seit knapp einem Jahr von Gerichtsstreitigkeiten zwischen Verteidiger Alinghi und dem US-Segelrennstall BMW Oracle Racing gelähmt wird und brach liegt, haben die Cup-Profis nun mit dem Audi MedCup eine anspruchsvolle Spielfeld-Alternative gefunden.

Von Tatjana Pokorny

Als einzige deutsche Yacht mischt die Hamburger "Platoon" in der neuen Champions League der Segler mit und hat potente Verstärkung bekommen: Deutschlands Segel-Ikone Jochen Schümann und sein Team Germany sind an Bord gegangen. Und mit ihnen kamen gleich noch Audi und Adidas dazu. Die Konstellation ist einzigartig, das Momentum enorm: Da trifft ein ambitionierter und finanziell unabhängiger Eigner einer Hightech-Yacht auf ein arbeitsloses and erfolgshungriges America's Cup-Team. Beide wollen mehr als sie haben und tun sich zusammen. Das Projekt heißt "Platoon powered by Team Germany" und reizt die deutsche Wirtschaft derart, dass mit Audi und Adidas gleich zwei Branchenriesen mit einer insgesamt vermutlich siebenstelligen Euro-Summe zu den Segelprofis ins Boot gestiegen sind.

Für Jochen Schümann sind damit mehrere Träume in Erfüllung gegangen: Er kann trotz vorläufigem Aus für das deutsche America's Cup-Team wieder durchstarten und sein Kernteam auf höchstem Niveau weiterbilden. Das Ganze unter schwarz-rot-goldener Flagge. "Ich wollte immer zurück und für Deutschland starten", sagt der dreimalige Olympiasieger und zweimalige America's Cup-Gewinner, der sieben jahre für das Schweizer Dreamteam Alinghi arbeitete. Die Freude über die Chance, die "Platoon"-Eigner Harm Müller-Spreer Schümann und seinen Mitstreitern zur qualitativ hochwertigen Überbrückung der Zwangspause im America's Cup bietet, ist faszinierend.

Supersegler Schümann kämpferisch

Gemeinsam wollen der Eigner und Jochen Schümann dem deutschen Hochseesegelsport wieder mehr internationale Klasse verleihen. "Wir waren mal wer in den Siebziger, Achtziger und Neunziger Jahren. Yachten wie Rubin, Pinta und Container haben international Maßstäbe gesetzt. Dahin wollen wir zurück", sagt Schümann kämpferisch und das ist noch nicht alles. Er verfolgt nachhaltig seine Idee vom Aufbau eines dauerhaften deutschen Profirennstalls. Der 54-Jährige weiß, dass er nur mit einer soliden Plattform noch einmal erfolgreich auf America's Cup-Jagd gehen kann.

Trendwende bei Adidas

"Team Germany, der Supersegler Schümann und diese neue deutsche Herausforderung haben uns gereizt", erklärt Audis Sportmarketing-Leiter Bernd Quinzer den Einstieg seines Konzerns in die bislang in Deutschland eher unbekannte Bootsklasse TP52, die ihren Namen in Anlehnung an die Regatta Transpac erhalten hat, und die Mittelmeerserie Med Cup, die seit Jahresbeginn Audi MedCup heisst. Vergebens haben in den vergangenen Jahren Erfolgsmanager wie Ocean Race-Sieger Mike Illbruck, Unternehmen wie T-Systems oder auch das erste deutsche America´s Cup-Team in der Audi-Zentrale in Ingoldstadt vorgesprochen. Es ist Jochen Schümann, der jetzt den Ausschlag für das Jawort des Automobilkonzerns gegeben hat. Der Seglesport ist nun nach dem Skisport blitzschnell zur Nummer zwei im Audi-Sportsponsoring aufgestiegen.

Als Schümann vor vier Jahren - damals noch erfolgreich in Diensten von Alinghi - Freunden anvertraute, dass er so gerne einmal Adidas zum Segeln bringen würde, konnte er nicht ahnen, dass auch dieser Wunsch wahr werden würde. Nachdem Reit- und Segelsport seitens Adidas bislang stets ignoriert wurden, läutete Herzogenaurach jetzt die Trendwende ein und will als Ausrüster und Co-Sponsor sogar eigene Segelbekleidung entwickeln. Ein Schümann macht es möglich.

"Eine herausragende Figur"

Die Weichen sind auf Erfolg gestellt. Harm Müller-Spreer sagt: "Wir wollen in die Weltspitze segeln. An Mannschaft und Material werden wir sicher nicht scheitern." Doch die Konkurrenz hat es in sich. Vier weitere America's Cup-Teams sind unter den insgesamt 20 Mannschaften aus neun Ländern, die in der Saison 2008 um die Meisterschaft im Med Cup kämpfen. Top-Favoriten sind Segelsuperstar Russell Coutts und Software-Milliardär Larry Ellison, die mit der TP52 "BMW Oracle Racing" in die hochkarätige Mittelmeer-Serie starten. Abwechselnd wollen Müller-Spreer und Schümann das Steuer der "Platoon" in die Hand nehmen. "Ich bin nicht der klassische Eigner, der sich von einer Profi-Crew durch die Gegend schippern lässt", stellt der Hamburger Bau-Investor Müller-Spreer sachlich fest. Er muss sich in Segler-Kreisen nicht hinter seiner Autorität als Eigner verstecken, hat selbst drei mal den Gold Pokal der Drachensegler - vergleichbar mit einer Weltmeisterschaft - gewonnen und dabei auch Olympiasieger wie Russell Coutts geschlagen.

Müller-Spreers uneingeschränkte Bewunderung gilt aber Jochen Schümann: "Der ist einer der souveränsten und besten Segler, die diese Welt zu bieten hat. Er segelt wie ein Schachcomputer, kann wahnsinnig schnell Situationen erkennen, analysieren und entscheiden. Er ist eine herausragende Figur."

International Campaign - German Brain

Mit Schümann kommt ein deutsches Quartett an Bord: Aus Hamburg der zweimalige Weltumsegler und America's Cup-Teilnehmer Tim Kröger sowie Trimmer Matti Paschen. Aus Bremen Ocean Race-Sieger Toni Kolb und aus Cuxhaven Jan Schoepe. "Das sind zur Zeit alle deutschen Segler, die in dieser Klasse auf Weltklasseniveau segeln können." Schümann will, dass es künftig mehr als nur diese vier gibt und setzt auf die Vorbildfunktion der "Platoon". Er umschreibt das Projekt, das möglichst bald wieder in eine America's Cup-Teilnahme münden soll, am liebsten mit "International Campaign - German Brain". Damit wurde auch für Tim Kröger ein Traum wahr. Ähnlich wie Schümann hat der 43-jährige Profi zuletzt mehr als zehn Jahre für internationale Teams gearbeitet. "Mit Platoon ist es als würde ich nach einer langen spannenden Reise endlich wieder in meinen Heimathafen einlaufen. Eigner und Yacht sind aus Hamburg, segeln sogar für meinen Club, den Norddeutschen Regatta-Verein an der Alster. Ich bin extrem motiviert, für den Erfolg dieses Teams zu arbeiten." Was lange währt, soll endlich gut werden: Ab 12. Mai muss die neu formierte Mannschaft auf der knapp 16 Meter langen "Platoon" bei der ersten Regatta vor Alicante zeigen, was sie kann. Die Regeln sind erbarmungslos: Bei sechs Tour-Stops stehen insgesamt etwa 60 Wettfahrten an. Die sonst im Segelsport üblichen Streichergebnisse gibt es nicht. Frühstarts oder Materialbrüche können Top-Crews jederzeit weit zurück werfen. Der MedCup endet am 20. September vor Portimåo in Portugal. Bis dahin hoffen alle "Platoon"-Protagonisten darauf, dass die America's Cup-Ampel wieder auf Grün springt. Gut möglich, dass dann auch ein charismatischer und einflussreicher Mann wie Harm Müller-Spreer Appetit auf die Herausforderung America's Cup bekommt. Bis dahin will der Hoffnungsträger abwarten: "Ob sich aus der neuen Partnerschaft mehr entwickelt, wird sich zeigen."

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