Tim Kröger "Wir sind mehr als nur die Cool Runnings des America's Cup"


stern.de traf Tim Kröger, 43, Boat Captain bei Team Shosholoza in Valencia und sprach mit ihm über Jochen Schümann, den Cup und den langsamen, aber stetigen Aufstieg der südafrikanischen Überraschungs-Mannschaft.

Tim, Sie sind einer von drei prominenten deutschen Seglern beim America's Cup, stehen aber genau wie Ihr Kollege Tony Kolb ein wenig im Schatten von Jochen Schümann. Schenken die deutschen Medien dem Sportdirektor von Alinghi vielleicht zuviel Aufmerksamkeit?

Um Gottes Willen, ich würde eher sagen, dass Jochen Schümann zu wenig Aufmerksamkeit bekommt. Jochen ist in unserem Sport das Aushängeschild und der Erfolgreichste von uns allen! In Deutschland gibt es sehr viele Leute, die ständig vom America's Cup reden und große Projekte für die Zukunft entwerfen, aber Jochen ist der einzige, der die Silberkanne tatsächlich schon einmal gewonnen hat, und darauf können wir alle sehr stolz sein.

Sind Sie mit Jochen Schümann befreundet?

Na klar, wir haben sogar vor langer Zeit schon miteinander gesegelt.

Sie sind ein sehr vielseitiger Segler und haben auf sehr unterschiedlichen Booten mehrmals die Welt umrundet. Ist der America's Cup mit seinen küstennahen Match-Races im Vergleich dazu eher ein Altherren-Sport?

Nein, ganz im Gegenteil: Der America's Cup ist die Disziplin im Segeln, die sich mittlerweile zur athletischsten überhaupt entwickelt hat. Dieser Wettbewerb erfordert ein unglaublich hohes Niveau an körperlicher Fitness, und wenn Sie diese Fitness nicht haben, können Sie auf so einem Boot überhaupt nicht segeln. Das erkennen Sie schon dran, dass wir alle hier den Regeln der World Anti-Doping Agency unterworfen sind. Ich selbst musste vor zwei Tagen auch mal in den Becher pinkeln (lacht).

Der America's Cup mag viele Vorzüge haben, aber einen Nachteil weist er ganz sicher auf: Er ist, was die Regeln anbelangt, für den Laien nicht so ohne weiteres zu verstehen.

Segeln ist grundsätzlich schon ein ziemlich komplexer Sport und ihn zu den Leute zu bringen, ist deshalb sicher nicht ganz einfach. Aber im Grunde funktioniert das, was wir hier machen, genau so wie jedes Tennisturnier: Mehrere Sportler fangen gemeinsam an und wollen alle ins Finale. Der einzige Unterschied ist, dass bei uns der Verteidiger des America's Cup bereits als Final-Teilnehmer feststeht. Wir alle kämpfen hier also nicht um zwei Finalplätze, sondern um einen. Das ist doch eigentlich gar nicht so kompliziert, oder? Und mit den Fernsehbildern und dem Computerprogramm Virtual Eye lässt sich das Ganze auch für jene Menschen transparent machen, die vom Segeln nicht so viel verstehen.

Ihr Team Shosholoza macht sich immer noch Hoffnungen auf einen Halbfinal-Platz beim gerade stattfindenden Louis Vuitton Cup, aber es ist ziemlich klar, dass Sie am Ende weder den Cup der Herausforderer noch den America' Cup selbst gewinnen werden. Wie wirkt sich das auf Ihre Motivation aus?

Das ist kein Problem, denn ich sehe das sehr differenziert. Ich sage mir oft: "OK, wir sind ein kleines Team mit einem kleinen Budget, und dafür haben wir hier schon eine ganze Menge erreicht!" Und das macht mich sehr glücklich und sehr stolz Dass wir hier ein Team wie Luna Rossa geschlagen haben und zeigen konnten: "Hey, wir sind hier nicht die Cool Runnings oder die Graupen, die nur so ein bisschen rumgurken, sondern wir haben auch was drauf!", das ist schon eine unglaubliche Genugtuung. Außerdem macht es mir unheimlich viel Spaß in so einem kleinen Team zu arbeiten und zu segeln, denn hier kann ich mich viel besser einbringen und verwirklichen als bei den Großen der Zunft. Und wenn wir den Louis Vuitton Cup am Ende nicht gewinnen, mein Gott, dann ist das eben so: Das ist eben Sport!

Wenn Sie auf ihr bisheriges Engagement hier beim America's Cup zurückblicken, was war bisher der schwierigste Augenblick für Sie und was war der schönste?

Das sind nicht nur zwei Augenblicke, dass sind ganz viele Momente: Als wir hier vor zwei Jahren in Valencia zu Segeln begonnen haben, war diese Basis nicht viel mehr als eine große Baustelle (lacht). Wir haben hier im Schutt gestanden und versucht, ein Boot fertig zu bauen und zu optimieren, während die Beton-Mischmaschinen um uns herum gefahren sind! Dass wir trotz allem immer besser und besser geworden sind und Dinge erreicht haben, von denen wir früher nie gedacht hätten, dass wir sie schaffen könnten, das war und ist eine fantastische Erfahrung. Wir hatten hier ja anfangs das Image, so eine Art "Eddy the Eagle" des Segelsports zu sein, wir waren sozusagen nur dafür da, ein wenig bunte Lebensfreude in den Cup zu bringen. Ich denke, das haben wir auch geschafft, denn unser Team steht tatsächlich für echte Lebensfreude, aber wir haben eben auch gezeigt, dass wir ernst zu nehmende Gegner sind. Und dieser langsame, aber konstante Aufstieg ist eigentlich das, was mir nach wie vor die größte Freude bereitet.

Interview: Roberto Lalli delle Malebranche

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