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Anne-Kathrin Elbe: Fräulein Courage aus Dessau

Sie hat mit ihrer Aussage den Leichtathletiktrainer Thomas Springstein des Dopings einer Jugendlichen überführt. Für ihren Mut erntet die Sprinterin Anne-Kathrin Elbe bis heute Anerkennung - aber sie will vor allem eins: an die Spitze, ganz ohne Drogen.

Von Frauke Hunfeld

Sie hat immer noch Angst. Wenn sie einen silbernen BMW sieht, senkt sie den Kopf. Sieht aus den Augenwinkeln auf das Nummernschild. Mit so einem Auto ist "er" immer herumgefahren. Und atmet dann erst mal tief durch. Er ist es nicht. Ist ja auch Quatsch. Kurz nachdem sie ihre Wohnung in Leverkusen bezogen hatte, wurde bei ihr eingebrochen. Die Wertsachen interessierten den Dieb nicht. Er stahl ihr Sportzeug und die neuen Spikes. Anne-Kathrin Elbe, gerade 20 Jahre alt, findet das einen seltsamen Zufall. Eineinhalb Jahre ist das alles jetzt her. Der Prozess. Die Aufregung, die Anspannung, die Angst. Springstein groß und breit mit zwei Anwälten in schwarzen Roben, einer der letzte Innenminister der DDR, der andere ein sogenannter Staranwalt aus Hamburg. Die Journalisten, die Zuschauer, das hohe Gericht. Und davor das Mädchen aus Dessau in Jeans und Turnschuhen. Nicht die einzige Zeugin. Aber die einzige, die vor Gericht aussagte. Der man es so schwer wie möglich machte. Sie sei die Marionette eines Ost-West-Konflikts, wurde ihr unterstellt, man habe ihr Geld geboten, um Springstein loszuwerden.

Man brachte Zeugen, die wissen wollten, dass Anne-Kathrin mal die Schule geschwänzt hatte, und gehört haben, dass Anne-Kathrin öfter mal "Geschichten" erzählte. Die Anwälte der Gegenseite verlangten, dass sogar ihre Eltern die Einkünfte offen legen. Und dann machten sie schon ein komisches Gesicht. Eine Familie, die bescheiden verdient und trotzdem die erfolgreiche Tochter finanziell unterstützen muss, schienen die Herren nicht erwartet zu haben. Anne-Kathrin behielt die Fassung. Tat, als merke sie nicht, worauf die Fragen hinauslaufen sollten. Aber heute sagt sie: Das war eine verdammt schwere Zeit für mich. Das enttäuschende Urteil der Magdeburger Richter: 16 Monate Haft auf drei Jahre Bewährung, für den "Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz in einem besonders schweren Fall". Ihrem Fall. Die anderen potenziell "schweren Fälle" wurden als Zeugen nicht gehört. Ein Deal. Entschuldigt hat sich der Leichtathletiktrainer Thomas Springstein bei Anne-Kathrin Elbe nie. Nicht bei ihr, nicht bei den anderen. Nichts bereut, nichts gestanden. Und sie wartet darauf, dass es ihr endlich gelingt, wütend zu sein auf ihren ehemaligen Coach. Aber das ist schwer.

Sportfunktionäre verzeihen großzügig und vergessen schnell

Sie war ja noch ein Kind damals. Und er so was wie ein Gott. Ein Laufgott. Nie hat sie ihn "Thomas" genannt, immer "Herr Springstein". Grit Breuer durfte ihn Thomas nennen, Katrin Krabbe und zuletzt Nils Schumann, die Stars eben. Sie doch nicht. Sie war gerade 13 Jahre alt, als sie ins Sportinternat nach Magdeburg kam. Beim Schulwettkampf "Jugend trainiert für Olympia" war sie aufgefallen. Ein dünnes, blondes Mädchen aus Dessau, das eigentlich Trampolinturnerin war und barfuß schneller lief als die anderen mit Spikes. Eine Sichterin schrieb an die Schule, und AK, wie die meisten sie nennen, kam. Sie liebte die Bewegung, die Geschwindigkeit, und wollte mal gucken, wie das so ist. Schule und Training waren aufeinander abgestimmt. Fünfmal am Tag gab es zu essen. Um nichts musste sie sich kümmern. Das ganze Denken und Fühlen kreiste um den Sport. Die Athleten und die Betreuer wurden zur Ersatzfamilie. Anne-Kathrin gefiel es. Sie liebte den Sport immer mehr. 2003 kam sie in Springsteins Laufgruppe. Thomas Springstein, der im Lauf seiner Karriere die Goldmädels Katrin Krabbe, Grit Breuer, Silke Möller und Manuela Derr trainiert hatte, war erst im Vorjahr vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) zum "Trainer des Jahres" gewählt worden, man war stolz auf ihn.

Obwohl Krabbe, Breuer und Möller schon 1991 aufgefallen waren, weil sie bei einer Dopingkontrolle identischen Fremdurin abgegeben hatten. Obwohl Dopingfahnder Manfred Donike etwas später in Krabbes, Möllers und Derrs Urin das Kälbermastmittel Clenbuterol gefunden hatte. Obwohl 1992 Springstein wegen Medikamentenmissbrauchs vom Rechtsausschuss des DLV für elf Monate gesperrt worden war. Obwohl 1997 die einstige Hürdensprinterin Frauke Tuttas bei einer Vernehmung der Berliner Kriminalpolizei ausgesagt hatte, Springstein habe ihr und anderen Läuferinnen schon 1985 Anabolika verabreicht. Da war sie 16. Springstein hat solche Vorwürfe stets dementiert. Sportfunktionäre verzeihen großzügig und vergessen schnell. Krabbe beendete 1992 ihre Laufbahn. Breuer, Springsteins Lebensgefährtin, gelang nach der Sperre ein furioses Comeback. Doping hat sie immer abgestritten, doch dem Verdacht entkam sie nie. Springstein blieb Trainer. Im Trainingslager 2003 bekamen die Jugendlichen die Pillen. Vitamine, sagte der Trainer, und Kreatin. Harmlos. Zur Regeneration.

"Ich wusste, ich konnte in Magdeburg nicht bleiben, wenn ich aussage"

Die blauen mussten sie unter Aufsicht einnehmen. Die braunen und die weißen bekamen sie mit. Die leeren Gläschen mussten sie bei Springstein wieder abgeben. Anne-Kathrin spülte die Pillen ins Klo. Nicht alle auf einmal, immer nur die Tagesration. Falls er doch mal kontrollierte. Ein paar von den Dingern hob sie auf. An Doping dachte sie da noch nicht, sagt sie, und irgendeinen Plan hatte sie nicht. Warum sie die Tabletten dann nicht genommen hat? Sie glaubte an legale Präparate zum Muskelaufbau, sagt sie, und noch mehr Muskeln habe sie nicht gewollt. Sie habe nichts von Springsteins Vergangenheit gewusst, nichts von Anabolika und Clenbuterol, und die Älteren sprachen nicht mit ihr darüber. Der Trainer war die Autorität. Er war Medaillenmacher, und er gab ja auch sonst die Kommandos. Auch aus anderen Vereinen sprach sie nie jemand an. Sie waren eine abgeschottete Truppe. Springstein sah es nicht gern, wenn die Mädchen auf Wettkämpfen mit Konkurrenten Kontakt hatten. Und die Eltern glaubten das Kind bei dem renommierten Trainer in guten Händen. Erst Monate später habe sie Verdacht geschöpft. Was der Anlass war, weiß sie nicht mehr. Einfach ein blödes Gefühl, sagt Anne-Kathrin, ich wollte da weg. Die damals 16-Jährige vertraute dem Bundestrainer die Methoden des Thomas Springstein an. Der bat um die Pillen.

Über eine Mittelsfrau ließ die das Mädchen übergeben. Sie hatte große Angst, Springstein könnte sie bei der Übergabe beobachten. Vorher aber musste der Bundestrainer einen Vereinswechsel zusichern. "Ich wusste, ich konnte in Magdeburg nicht bleiben, wenn ich aussage. Wenn ich das wirklich durchziehe." Wohin? "Das war mir egal. Ich habe gedacht: Je weiter weg, desto besser. Wer weiß, wie weit sein Einfluss reicht." Bei den angeblichen Vitaminen handelte es sich um Andriol-Kapseln mit dem Wirkstoff Testosteron-Undecanoat zum Muskelaufbau. Mögliche Nebenwirkungen: psychische Veränderungen, Leberschäden, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Vermännlichung, Akne, Unterdrückung der Eierstockfunktionen. "Ich war geschockt", sagt Elbe, "was für eine Scheiße." Bei einer Hausdurchsuchung bei Springstein fand die Polizei nicht nur diese Kapseln, sondern insgesamt zwanzig verschiedene Substanzen, darunter Wachstumshormone, anabole Steroide, Schweinehodenextrakt und Insulin. Dazu umfangreiche E-Mail-Korrespondenz über leistungssteigernde Substanzen, Vergabezyklen, die rechtzeitige Absetzung von Substanzen und Gendoping.

Sechsmal die Woche trainiert sie und abends wird gelernt

Der letzte Tag in Magdeburg. Vier Jahre war das Elbes Zuhause. Nach den Sommerferien würde sie weg sein. Aber sie musste so tun, als ob alles ist wie immer. Am letzten Tag zu Springstein gehen. Auf Wiedersehen. Schönen Urlaub. So gern hätte sie mit den anderen Mädchen gesprochen. Sie noch mal in den Arm genommen. Aber sie durfte nicht. Wem konnte sie trauen? Sie hat das Sportinternat nie wieder betreten. Bei einem Lehrgang traf sie die ehemaligen Klubkameradinnen. Sie hat gegrüßt, aber es kam nichts zurück. Auch ihre frühere Trainerin in Magdeburg wollte nichts mehr von ihr wissen. AK versucht, Verständnis aufzubringen, aber man sieht ihr jetzt noch an, wie weh das getan hat. Sie hat sich langsam eingelebt in Leverkusen. Ihre Freunde hat sie beim Sport gefunden. Sie hat das Gymnasium verlassen, ein Jahr vor dem Abitur; die Lehrpläne waren komplett verschieden. Sie lernt jetzt Bürokauffrau bei Bayer. Lieber wäre sie Erzieherin geworden, denn sie liebt Kinder, aber das ist im Chemiekonzern nicht im Angebot, und nur durch die Bayer-Kooperation kann sie Ausbildung und Training überhaupt vereinbaren.

Sechsmal die Woche trainiert sie, und abends wird gelernt. Dann noch ein bisschen Glotze. Manchmal schläft sie vor dem Fernseher ein. Sie würde gern einen Englischkurs machen. Im vergangenen Jahr, bei den U20- Weltmeisterschaften in Peking, sollte sie ein Interview geben, und ihr Englisch ist nicht allzu gut. Aber so ein Kurs kostet mindestens 400 Euro. Sie hat Angst, dass der Mazda von Mama bald den Geist Deswegen hat sie neulich eine Mappe zusammengestellt, damit ist sie die Autohäuser der Umgebung abgelaufen. Es hat ein bisschen Überwindung gekostet, aber sie hat es gemacht. Mehr als nein sagen können sie nicht, sagt Anne-Kathrin Elbe. Sie hat auch Anerkennung bekommen. Für ihren Mut. Für ihre Ehrlichkeit. Für ihre Konsequenz. Ein paar Stimmen bei der Wahl zur "Sportlerin des Jahres". Nicht die millionenschwere Nationale Anti Doping Agentur hat Springstein überführt, und nicht die Funktionäre haben ihm das Handwerk gelegt, sondern ein dünnes blondes Mädchen aus Dessau, das immer noch barfuß schneller läuft als die meisten anderen mit Spikes.

"Be healthier, be sexier, be stronger"

Das Gericht in Magdeburg hat die weiteren Verfahren gegen Springstein, unter anderem wegen des Vorwurfs des Dopings Erwachsener zwischen 1998 und 2004, eingestellt. "Es ist nicht Aufgabe der Justiz, das Dopingproblem der Leichtathletik zu lösen", befand Richter Wolfram Klein. 2006 wurde Anne-Kathrin Elbe in der Halle deutsche Jugendmeisterin über 60 Meter und 60 Meter Hürden und Zweite mit der Staffel. 2007 wurde sie mit der Staffel Vize-Europameisterin der U23 in Debrecen/Ungarn, Neunte bei der U20- WM in Peking und bei der deutschen Juniorenmeisterschaft Erste mit der Staffel, Zweite über die Hürden und Dritte über 100 Meter. Dass Olympiasiegerin Marion Jones gedopt war, ihre Medaillen abgeben musste, macht sie traurig. "Die war mal mein Vorbild", sagt sie. "Die hatte Talent." Eine Goldmedaille hat sie auch schon. Die bekam sie kürzlich von der Doping-Opfer-Hilfe. Es ist eine Goldmedaille der Europameisterschaften aus dem Jahr 1986, und sie gehörte mal der Kugelstoßerin Heidi Krieger vom SC Dynamo Berlin. Heidi Krieger heißt heute Andreas. Sie wurde unwissentlich und ungewollt von Trainern und Ärzten so mit männlichen Hormonen vollgestopft, dass sie zum Mann wurde. "Ich habe den Erfolg teuer bezahlt", sagte Andreas Krieger in seiner Rede, "zu teuer."

Deshalb hat er die Medaille denen gestiftet, die sich in besonderer Weise für einen sauberen Leistungssport einsetzen. Thomas Bach vom Deutschen Olympischen- Sportbund, der Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees, kam auch und hielt ein kleines Grußwort. Leider war er zu spät, um die Rede von Andreas Krieger zu hören und die atemlose Stille im Publikum. Leider ging er zu früh, um die Fragen zu beantworten, die gestellt wurden. Warum zum Beispiel der DOSB nicht dafür gesorgt habe, dass der SC Magdeburg durchleuchtet wird, um herauszufinden, ob Springstein Alleintäter war? Warum der DLV Springstein nicht angezeigt hat, weil er vor dem Landgericht Hamburg an Eides statt leugnete, wofür er später verurteilt wurde? Warum man vom Rechtsgutachten nichts mehr gehört habe, das der Verband ankündigte, und in dem geprüft werden sollte, ob man Grit Breuer ihre Meistertitel aberkennen könne? Warum der DOSB sich nicht dafür interessierte, woher Springstein seine Drogen bezog? Thomas Springstein ist heute "personal trainer". Unter dem Motto "be healthier, be sexier, be stronger" bietet er Freizeit- und Spitzensportlern "kreative Lösungen, wenn Sie an sportliche Grenzen stoßen". Anne-Kathrin Elbe trainiert fast täglich, um sportliche Grenzen zu überwinden. Sie liebt die Bewegung, die Geschwindigkeit, sie liebt den Traum von Olympia. Dass ohne Doping nichts daraus wird, daran will sie einfach nicht glauben.

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