Beachvolleyballer Christoph Dieckmann "Ehrliche Sportarten haben es schwer"


Christoph Dieckmann ist Deutschlands erfolgreichster Beachvolleyballer. Am Wochenende kämpft er in Timmendorfer Strand um die Deutsche Meisterschaft. Ein stern.de-Gespräch über die Krise des Funsports, Fehler von RTL und eine verblüffende Zahl Doping-Tests.

Herr Dieckmann, die besten deutschen Beachvolleyball-Teams präsentieren sich im eigenen Land nur noch bei den Meisterschaften in Timmendorfer Strand, wie an diesem Wochenende. Warum zeigen Sie sich so selten?

Für uns ist es leider wenig sinnvoll, Turniere in Deutschland zu spielen. Wir sind zwar prinzipiell bereit, unseren Sport zu Hause zu helfen – aber wir sind Profis und verdienen unser Geld international und holen uns dort auch die Punkte für die Olympia-Qualifikation. Wir wollen uns mit den Besten der Welt messen und leider finden viele deutsche Turniere parallel zur World Tour statt.

Dabei bräuchte das deutsche Beachvolleyball doch dringend Hilfe: Das Preisgeld ist seit 2003 deutlich gesunken, die ranghöchste Masters-Serie existiert nicht mehr. Was sind die Folgen?

Drei, vier deutsche Paare sind bei den Männern wie Frauen Weltklasse, das ist das Erbe der guten Jahre. Aber das Schlimme ist: Darunter bricht das Niveau weg. Die frühere starke nationale Serie ist tot, viele jungen Spieler können es sich einfach nicht mehr leisten, auf den Sport zu setzen. Die Frage ist, ob das Potential, das Beachvolleyball immer zugesprochen wurde, wirklich noch jemals ausgereizt werden kann. Die Phantasie ist im Moment raus.

Vor zwei Jahren wollte RTL Beachvolleyball zum Kultsport aufbauen, wie man es einst mit Skispringen durchexerzierte. Das Experiment wurde jäh abgebrochen. Was ist schief gelaufen?

Man kann nicht einer Seite den schwarzen Peter zuschieben. Dann wäre es ja viel einfacher. Die Frage ist, ob überhaupt so viel schief gelaufen ist. Es war eine Chance, die musste man versuchen zu nutzen. Aber wenn man realistisch ist, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass es nicht gelingt. Skispringen war früher schon eine Fernsehsehsportart und wurde einfach eine Stufe höher gepusht. Beachvolleyball hätten die RTL-Zuschauer erst lernen müssen, wir hätten drei, vier Stufen auf einmal überspringen müssen. Die Erwartungen von RTL waren fast nicht zu schaffen, drei, vier Millionen Leute, acht, neun zehn Prozent Marktanteil – das schien mir schon damals unfassbar hoch. Ich jedenfalls habe nie gedacht: In einem Jahr sind wir der neue Hannawald und wir alle Millionäre.

Und ihre Kollegen?

Ein paar haben schon davon geredet, ja. Klar, die Hoffnungen waren groß. Mein Partner Julius Brink, der ist ja so ein Teenieschwarm, auch mal ein Sprücheklopfer, das wäre natürlich einer dieser Typen gewesen, die hätte man auf dem Markt pushen können. Die Leute von RTL haben selbst gesagt, da gibt es viel mehr gute Charaktere als im Skispringen. Die waren auch mit vollem Herzen dabei. Aber es wurde sehr schnell aufgegeben.

RTL hat sehr auf nackte Haut gesetzt – ein Fehler?

Das habe ich auch gehört... Ich habe die Sendungen selten gesehen. Aber vielleicht lag es auch daran, dass - abgesehen von der WM - die nationale Tour übertragen wurde und nicht die Turniere, wo die Weltbesten antreten. Beim Skispringen wird ja auch nicht der Schwarzwaldcup übertragen, sondern die Internationale Vierschanzentournee.

Sportvermarkter sagen, es sei für die Argumentation vor Sponsoren katastrophal, dass etwa Sie als Siebter der Weltrangliste fast nie in Deutschland auftauchen.

Es gäbe schon Möglichkeiten, uns hierher zu locken.

Welche denn?

Eine Möglichkeit wäre eine Winterserie in Deutschland. Dort würden die Nationalteams sicherlich häufiger antreten können als im Sommer. Oder man veranstaltet die Turniere nicht mehr stur am Wochenende. Die Schweiz macht es vor, die schlängeln sich um den Turnierkalender herum. Mit Eintagesturnieren, unter der Woche, vor der Saison, mit Einladungsturnieren - zum Beispiel eins im Züricher Bahnhof. Das alles gibt es in Deutschland nicht. Ich weiß nicht, ob solche Dinge nicht umsetzbar sind, oder ob der Wille fehlt. Aber wir sind auf einem Tiefpunkt angelangt - und wir müssen flexibel denken, um da raus zu kommen.

Oder ein erfolgreiches Olympia-Turnier 2008 spielen.

Leider dürfen jeweils nur zwei deutsche Teams nach Peking. Aber die, die fahren, haben Medaillen-Chancen. Mein Partner Julius ist ein Typ, der sagt: ich will Gold gewinnen. Mein Ziel ist es, dahin zu fahren und dann versuchen jeden zu schlagen, mit dem Wissen, es auch schon mal getan zu haben. Aber erstmal müssen wir uns qualifizieren.

Das Prinzip Klinsmann gegen das Prinzip Rudi Völler.

Ja, stimmt. Es ist eben sehr Typfrage. Meine Erfahrung ist: Ich fahre besser damit, nicht den fünften Schritt vor dem ersten zu machen. Eine der beiden Australierinnen hat sich vor Sydney 2000 zu Hause in einem Zimmer die Wände in goldener Farbe streichen lassen – sie hat dann wirklich Gold geholt! Aber das würde zu mir nicht passen. Zu Julius schon eher.

Es gibt ein Weltserien-Turnier in Shanghai - wie empfinden Sie die Atmosphäre in China?

Ich mag die Chinesen ganz gerne, ich habe das Gefühl, dass die einen guten Humor haben. Da läuft nicht immer alles perfekt, aber ich finde es immer sehr angenehm. Das geht natürlich nicht allen Deutschen so. Einige Olympia-Ärzte warnen jetzt schon, man solle in Peking aufpassen, dass man beim Duschen kein Wasser in den Mund bekommt. Ich halte das für übertrieben.

Viele Beobachter erwarten, dass Peking 2008 von chinesischen Sportlern dominiert wird. Wird das auch im Beachvolleyball so sein?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Das beste Team heißt Wu/Xu. Die haben das Schritt für Schritt gemacht, sind super nett, super höflich. Sie sind beide ziemlich jung, der eine ist unglaublich talentiert, 2,05 Meter groß...

Ein Chinese mit 2,05 Metern?

Und er springt noch sehr hoch, ein echter Athlet! Dazu spricht er richtig gut englisch, auch französisch. Aber Wu/Xu sind meistens zu zurückhaltend, zu wenig aggressiv, um ihr Können auszuschöpfen. Eine Medaille traue ich den Beiden aber schon zu. Bei den Frauen sind die Teams noch gefährlicher.

In Atlanta, Sydney und Athen herrschte beim Beachvolleyball die ausgelassenste Stimmung. In Peking sollte zunächst auf dem Platz des himmlischen Friedens gespielt werden - das ist längst vom Tisch. Bedauern Sie das?

Der Kontrast wäre natürlich groß gewesen: Hier unser durchaus laute, bunte Sport, dort die Tatsache, dass auf diesem Platz viele Menschen sterben mussten. Ich bin ganz froh, dass aus diesem Plan nichts wurde.

Ihre Mutter ist die Oberbürgermeisterin von Bonn, Ihr Vater war Finanzminister von Nordrhein-Westfalen. Sie gelten als politisch interessiert. Chinas Machthaber verletzen systematisch Menschenrechte. Spüren Sie nicht eine Verpflichtung, Position zu beziehen?

Das ist ein schwieriges Thema. Ich werde dazu sicher Stellung nehmen müssen, ich will aber auch nicht große Sprüche raushauen. Eine Meinung habe ich dazu definitiv.

Die Olympioniken werden als Botschafter missbraucht werden, China wird den guten Gastgeber geben...

Die werden das nutzen, um sich selbst im besten Licht darzustellen, ganz klar. Allerdings habe ich auch schon gehört, dass Menschenrechtsorganisationen eine leichte Verbesserung der tatsächlichen Situation erkennen: Weil die chinesische Führung weiß, dass die Weltöffentlichkeit sehr genau hinguckt, ist sie bemüht einige Dinge zu verbessern. Ob das nachhaltig ist, ist natürlich eine andere Frage. Aber ich hoffe schon, dass daraus eine Dynamik entsteht, die auch eine Staatsführung auf Dauer nicht aufhalten kann. Ich denke, dass es auf jeden Fall sinnvoll und hilfreich ist, wenn alle Beteiligten, vor allem die Politiker und Sportfunktionäre, aber sicherlich auch die Sportler, die Problematik immer wieder ansprechen. Vielleicht führen die Olympischen Spiele dann langfristig sogar zu einer deutlichen Verbesserung der Situation.

Das andere Reizthema wird in Peking Doping sein. Wie liefen die Kontrollen bei den Turnieren in China ab?

In den letzten Jahren waren die dort sehr streng, ziemlich humorlos – so, wie es eigentlich sein soll.

Wie oft sind Sie selbst in dieser Saison im Training getestet worden?

In dieser? Noch kein einziges Mal.

Das ist nicht Ihr Ernst.

Wir Beachvolleyballer sind eben viel unterwegs, das System scheint damit überfordert. Die NADA hat leider nur beschränkte Mittel, und die konzentrieren sie offenbar auf Sportarten, die als Risikosportarten gelten. Es ist natürlich zweischneidig: Als Athlet kommt man sich manchmal wie ein Gefangener vor, als habe man einen GPS-Sender am Bein. Man muss permanent daran denken, den Aufenthaltsort zu melden. Das ist schon nervtötend. Wenn du es ein Mal vergisst, kannst du sofort einen Missed Test dastehen haben, beim zweiten darfst du bei Olympia nicht starten. Das sind harte Bedingungen, aber es geht sicher nur so.

Wird in der Szene denn gedopt?

Für jeden deutschen Nationalspieler würde ich meine Hand ins Feuer legen, dass er sauber ist. International weiß ich es nicht. Die Spieler müssen ja sehr selbstständig sein und werden nicht von festen Strukturen gesteuert. Es gab in der Vergangenheit einige Fälle, vor zehn Jahren waren die Muskelmassen der US-Amerikaner sehr auffällig, die sind heute aber nicht mehr zu sehen. Es ist kein großes Thema. Wir machen uns allerdings viel über die Radfahrer lustig.

Ihre Mutter Bärbel hat in Bonn jahrelang die Telekom-Radsportler nach der Tour de France offiziell empfangen - fühlt sie sich nun hintergangen?

Es ist für sie schon ein komisches Gefühl, zu wissen, dass die Bonner diese Menschen geehrt haben und die wussten damals genau, was sie an Drogen einschmeißen. Der Verdacht war ja schon länger da, aber solange es keine Beweise gab, konnte sie nicht entscheiden: Das sagen wir ab. Ich war früher selbst bei einigen Etappen, habe mir die Tour gerne im Fernsehen angeschaut. Dass jetzt die TV-Sender den Radsport weiter übertragen und auch die Telekom als Sponsor weitermacht, dazu fällt mir gar nichts mehr ein. Ich sehe lieber ehrlichen Sport. Aber ehrliche Sportarten haben es offenbar schwer, heutzutage.

Interview: Rüdiger Barth print

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