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Biathlon: Die dunkle Seite von Oberhof - Teil 2

Der Biathlon-Zirkus ist da, Millionen Deutsche fiebern mit. Doch Oberhof, noch immer die Kaderschmiede des Wintersports, hat sich nie ganz vom Erbe der DDR befreit. Frühere Stasispitzel lassen sich feiern, manche Opfer haben sich arrangiert, andere leiden. Lesen Sie den zweiten Teil der stern-Reportage.

Von Christian Ewers

In Wolfs Akte findet sich ein Bericht über den Biathleten Frank Ullrich, datiert auf den 9. Februar 1981. IM "Ernst" schreibt: "Gegenwärtig kann zusammenfassend eingeschätzt werden, dass Frank als Olympiasieger und Vorbild für viele junge Sportler sich nicht entsprechend verhält und starke charakterliche Schwächen diesbezüglich aufweist." Frank Ullrich war damals offenbar schon zu berühmt, um in Gefahr zu geraten wie sein Teamkamerad Andreas Heß. Heute ist Ullrich der Bundestrainer der Biathleten. Der Mann, den sie immer zeigen im Fernsehen, der Mann am Fernglas, mit dem Funkgerät.

Ullrich betreut unter anderem Alexander Wolf, den Sohn von IM "Ernst". Sie brauchen einander in Oberhof. Sie wollen die Vergangenheit auf sich beruhen lassen, Täter wollen nicht mehr als Täter gelten und Opfer nicht mehr als Opfer. IM "Horst Sommer", auch er verriet Heß, mogelte sich durch. Wie Karl-Heinz Wolf. IM "Horst Sommer" alias Harald Böse war nach der Wende 17 Jahre lang Co-Trainer der deutschen Biathletinnen.

Nur noch der Sport

In Oberhof nimmt kaum jemand daran Anstoß, jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Das Tourismusgeschäft läuft schlecht, innerhalb der letzten zehn Jahre ist die Zahl der Übernachtungen von 410.000 auf 310.000 gesunken, Tendenz weiter fallend. Zu DDR-Zeiten war Oberhof zwei Jahre im Voraus ausgebucht. Heute ist das Dorf voller Ruinen und Baulücken, die Ortsmitte ist ein Busparkplatz, es gibt eine Fußgängerzone, aber kaum Geschäfte darin.

Das Einzige, was noch funktioniert in Oberhof, ist der Sport. Etwa 60 Millionen Euro an staatlichen Fördergeldern sind nach der Wende in die Infrastruktur geflossen, Rodelbahn, Sprungschanzen und das Biathlon-Stadion wurden auf internationales Spitzenniveau gebracht. Gerade wird für 16 Millionen Euro eine gut einen Kilometer lange und 1100 Quadratmeter große Skihalle gebaut. In der trainieren künftig die Athleten bei minus fünf Grad Celsius, auch im Hochsommer.

Wer überleben will in Oberhof, der sucht die Nähe zum Sport. Der kämpft um Posten und Ämter, um Sponsorengelder und Fördermittel. Die fließen noch immer üppig. Verführerisch üppig? Bürgermeister Thomas Schulz, 44, ehemaliger Inhaber eines Elektrogeschäfts, stand kürzlich wegen Betrugs im Zusammenhang mit dem Neubau des Biathlon-Stadions und der Rennrodelbahn vor Gericht. In erster Instanz ist Schulz freigesprochen worden. Die Staatsanwaltschaft hat Revision eingelegt, nun könnte die Sache vor dem Bundesgerichtshof verhandelt werden. Darüber hinaus läuft noch ein Ermittlungsverfahren gegen Schulz. Auch der Leiter des Olympiastützpunktes Wolfgang Filbrich, 58, Vater des Weltklasse-Langläufers Jens Filbrich, ist ins Visier der Fahnder geraten. Filbrich wird verdächtigt, sich von einem Architekturbüro, das in Oberhof mehrere Sportanlagen gebaut und saniert hat, bestochen lassen zu haben.

"Ich bin ein Krüppel"

Bei all den Verteilungskämpfen, die in Oberhof laufen, stört einer wie Heß nur. Hält auf mit seinen alten Geschichten. Hat er nicht genug Entschädigung bekommen? 10.000 Euro vom Staat und 15.000 Euro vom Deutschen Skiverband, reicht das nicht? Irgendwann muss auch mal Schluss sein, sagen sie im Dorf, und wenn sie über die 25.000 Euro reden, klingt das so, als habe Heß nur etwas gewonnen und nichts verloren.

Heß ist seit zwei Jahren Erwerbsminderungsrentner, so steht das auf seinem Rentenbescheid. Heß sagt: "Ich bin ein Krüppel, das trifft's besser." Seine erste Arbeit nach dem 14. Oktober 1979 war ein Hilfsarbeiterjob im Sägewerk Goldisthal, seine letzte eine Stelle als Hausmeister in einem Steuerberaterbüro. Vor vier Jahren kündigte Heß, es ging nicht mehr, der Rücken und immer wieder dieser schwarze Tunnel, Niedergeschlagenheit, Trauer, kalte Wut, manchmal wochenlang. Heute lebt er von 650 Euro Rente netto. Seine Frau, die bis zu ihrem Schlaganfall Zahnarzthelferin war, bekommt 685 Euro.

Wenn Heß sich gut fühlt, werkelt er im Hausflur, er will die Wände mit Fichtenpaneelen vertäfeln. Eigentlich hätte der Flur zu Weihnachten fertig sein sollen, das hatte Heß seiner Frau versprochen. Er hat nicht mal die Hälfte geschafft.

Im Winter liegt Heß oft lange im Bett, seine Wirbelsäule ist sehr kälteempfindlich. Er hat sie sich als Jugendlicher ruiniert, er trainierte bis zu sieben Stunden am Tag, in der Loipe und im Kraftraum. Dieses Pensum schaffte Heß nur, weil er nie müde wurde, weil er gedopt war mit anabolen Steroiden, mit Oral Turinabol von Jenapharm. Der Mannschaftsarzt hatte ihm damals gesagt, das seien Vitaminpillen.

Was wäre wenn...?

Die stundenlosen Tage im Bett sind das Schlimmste für Heß. Er sagt, er klebe mit seinen Gedanken fest an diesem 14. Oktober 1979, "als wär das ein Magnet", und dann kommt er ins Träumen: Was wäre, wenn sie mich nicht hinausgeworfen hätten? Vielleicht wäre ich Olympiasieger geworden, und die Partei hätte mir Auto, Wohnung, Arbeit gegeben. Und seit der Wende wäre ich Trainer, vielleicht einer von denen da oben in Oberhof …

So geht das immerzu, über Tage, Wochen. Ein Leben im Konjunktiv. Heß sieht viel fern, um sich abzulenken. Gerichtsshows, Tierfilme, Sport selten. "Wenn Biathlon läuft, schaue ich fünf Minuten hin", sagt Heß, "ich bin durch mit dem Thema." Seine Frau sagt, er schaue stundenlang.

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