Biathlon Revolte vor dem ersten Schuss


Er ist der Leitwolf der deutschen Skijäger: Auf Michael Greis lasten in der beginnenden Biathlonsaison die Hoffnungen. Zuvor hat er geholfen, die Strukturen im Verband kräftig durcheinanderzuwirbeln.
Von Andreas Morbach

Zumindest in Übernachtungsfragen hat Michael Greis eine klare Trennlinie zwischen persönlichem und sportlichem Bereich gezogen. Zwar ist der dreifache Olympiasieger von Turin seit Ende März mit der Berufskollegin Kathrin Hitzer liiert - das Zimmer teilte er sich beim finalen Trainingslager der deutschen Biathleten im nordfinnischen Muonio aber mit Andreas Birnbacher. Bei dieser Aufteilung soll es den ganzen Winter über bleiben. "Denn sonst wäre der Birnbacher sicher beleidigt", vermutet Greis vor dem heutigen Weltcup-Start (20 Kilometer der Männer) in Östersund.

Dem 32-jährigen Allgäuer ist die Stadt am Storsjön-See nicht in bester Erinnerung. Bei der WM vor zehn Monaten heimste der Leitwolf der deutschen Skijäger wohl eine Goldmedaille in der Mixed-Staffel und Bronze mit der Männerstaffel des DSV ein. Bei den Einzelstarts blieb der Wahl-Ruhpoldinger jedoch auffallend unauffällig - oder wegen einer plötzlich auftretenden Erkältung vor dem Sprintrennen lieber gleich im Bett. Und dann war da ja noch die lange Liste mit Dopingsündern, die laut einem österreichischen Boulevardblatt von einer Wiener Blutbank versorgt worden sein sollen.

Seine Erinnerungen klingen nach Verfolgungswahn

Die Liste wurde zwei Tage vor WM-Ende veröffentlicht, fast alle Namen deutscher Topbiathleten waren dort genannt. Auch der von Greis. "Ich bin aus dem Alter raus, wo man sich von so etwas fertig machen lässt", tat der Beschuldigte die Vorwürfe, die bis heute weder widerlegt noch bestätigt werden konnten, in Östersund damals spontan ab. Jetzt aber, wo Greis zum Weltcup-Auftakt nach Mittelschweden zurückgekehrt ist, klingen seine Erinnerungen an den letzten Winter schon weniger entspannt. Sondern mehr nach Verfolgungswahn.

"Die ganze Geschichte hat Unsicherheit in der Mannschaft verbreitet. Da hatte man selbst schon Angst, dass man seinen Trinkbeutel aus Versehen irgendwo liegen gelassen hat. Man konnte keinem mehr trauen", rekapituliert Greis den Winter 2008. Denn: "Natürlich kann ich sagen: 'Alles Lügner.' Aber wie schnell wird einem etwas ins Essen reingestreut? Und schon hat man etwas angehängt bekommen." Das alles erinnert an die Zahnpasta-Affäre des Leichtathleten Dieter Baumann vor neun Jahren, doch Biathlet Greis verteidigt seine Theorie der verschlungenen Pfade: "Wenn man die Sache zu Ende denkt, sind das keine irrationalen Überlegungen."

Emanzipation von Bundestrainer Ullrich

Verstand und Gefühl waren dagegen am Werk, als der gebürtige Füssener nach mehreren Umwegen seine schwierige Emanzipation von Bundestrainer Frank Ullrich in diesem Jahr vorantrieb. Um mehr Unabhängigkeit von Ullrichs strikten Vorgaben bemühte sich Greis schon seit Längerem. "Eigentlich habe ich seit 2004, 2005 ständig versucht, mich weiterzuentwickeln und ein bisschen Freiraum zu bekommen", erzählt er. Denn anders als bei der winterlichen Zimmerwahl fällt es dem Bayern im Berufsleben deutlich schwerer, persönliches Befinden und sportliche Dinge voneinander zu trennen.

Die deutschen Skijäger hatten einen verbandsinternen Ostwestkonflikt zu bewältigen, und so war es eine Herkulesarbeit für den Unabhängigkeitskämpfer aus dem Freistaat, sich von dem thüringischen Zentrum der deutschen Biathlonzunft in Oberhof und Altenberg zu lösen. Dem entstammt auch der im streng durchplanten Sportsystem der DDR aufgewachsene Frank Ullrich - und Greis sagt: "Unter den herrschenden Bedingungen war es schwer, seinen individuellen Charakter einzubringen." Und so forderte er in diesem Sommer mit bislang ungekanntem Nachdruck den "mündigen Athleten" und nannte lautstark den Kern seines Credos: "Ganz wichtig: Jeder kennt seinen eigenen Körper am besten."

Revolte war ein voller Erfolg

Am Ende landete Greis mit seiner Revolte gegen das Establishment einen vollen Erfolg. Gemeinsam mit den Trainingspartnern Birnbacher (Schleching) und Daniel Graf (Frankenhain) schwänzte er schon Anfang Juni das traditionelle Radtraining der deutschen Biathleten auf Sardinien, am Ende des Sommers fehlte das bayerische Trio auch beim Höhentraining der Ullrich-Eleven in Frankreich. In Muonio am Polarkreis kamen die beiden Seiten in der zweiten Novemberhälfte dann wieder zusammen. Wobei der feinfühlige Greis die Genugtuung hat, dass sein Ruhpoldinger Stützpunkttrainer Remo Krug nun generell mehr Einfluss auf die gesamten Trainingsabläufe hat.

"Vorher", sagt der Rädelsführer zufrieden, "hatte Frank Ullrich ein bisschen mehr das Sagen, jetzt sind es eher die Stützpunkttrainer." Zudem werden die Biathleten bei Besprechungen nun explizit aufgefordert, ihre Meinung einzubringen. Bis dato war diese Form der Einmischung nur theoretischer Natur. "Jetzt aber", berichtet Greis, "wird das vom Trainer offiziell angesprochen und auch gewünscht. Und das ist das Neue in unserer Mannschaft."

FTD

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