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Boxen Die größten Überraschungen im Schwergewicht


Am Samstag boxt Tomasz Adamek in Breslau gegen Vitali Klitschko. Ein Sieg Adameks wäre eine Sensation, aber nicht unmöglich. Zum Beweis liefern wir die Top-Ten der größten Überraschungen der Schwergewichtsgeschichte.

Auf die Frage, ob Vitali Klitschko gegen Tomasz Adamek verlieren könne, sagte Klitschkos Trainer Fritz Sdunek im Welt-Interview: "Niemals!" Dass man niemals nie sagen sollte, das verrät uns schon die Boxgeschichte. Wir haben die zehn größten Überraschungen des Schwergewichtsboxens parat.

Ulrich und Cunningham geschlagen

Doch zunächst zum aktuellen Kampf. Tomasz Adamek war WBC Weltmeister im Halbschwergewicht. Er schlug 2005 Thomas Ulrich, besiegte zweimal Paul Briggs, verlor aber gegen Chad Dawson. Nach seinem Aufstieg ins Cruisergewicht sicherte er sich durch einen Sieg gegen O'Neil Bell die Chance auf einen WM-Kampf. Gegen Steve Cunningham gab eigentlich niemand Adamek eine Chance - zumal das Duell in den USA stattfand. Trotzdem gewann der Pole sensationell durch split decision. Nach zwei Titelverteidigungen stieg er ins Schwergewicht auf. Dort besiegte er unter anderem Chris Arreola, Michael Grant und Kevin McBride.

Trotz dieser durchaus beachtlichen Erfolge ist Tomasz Adamek gegen VitalI Klitschko der krasse Außenseiter. Ob der Pole, wie sein Landsmann Dariusz Michalczewski prophezeite, vor eigenem Publikum über sich hinauswachsen kann, wird man sehen. Bei 15 Zentimeter Unterschied in der Körpergröße, 15 Kilo weniger auf der Waage und dazu einer um 12 Zentimeter geringeren Reichweite müsste Adamek möglichst hoch über sich hinauswachsen.

Ein Sieg des Polen wäre eine Riesenüberraschung. Die Boxgeschichte ist jedoch voll von Überraschungen. Wir haben die größten Upsets der Schwergewichtshistorie ausgegraben.

10. Hochmut kommt vor dem Fall
21 September 1985, Las Vegas, USA
Michael Spinks vs. Larry Holmes

Die Vorzeichen waren deutlich und könnten vielleicht Modell-Charakter für den Adamek-Klitschko-Kampf haben. Noch nie hatte es ein amtierender Halbschwergewichtschampion geschafft, einen amtierenden Schwergewichtschampion zu schlagen. Und Larry Holmes war nicht irgendein Champion. Mit einem Kampfrekord von 48-0-0 ging er in den Kampf und bestritt seine 20(!)-Titelverteidigung. Noch ein Sieg und er hätte den Rekord von Rocky Marciano (49-0-0) erreicht. Vor dem Kampf äußerte sich Holmes arrogant. "Rocky hätten meine Bandagen nicht gepasst.“ Holmes verlor gegen einen technisch guten Spinks und entschuldigte sich später für die Aussagen gegenüber dem Idol Marciano. Der Kampf wurde zum Upset des Jahres 1985 im Ring Magazine gewählt.

9. Nobody schlägt Klitschko
8. März 2003, Hannover, Deutschland
Wladimir Klitschko vs. Corrie Sanders

Wladimir Klitschko war im Oktober 2000 durch einen Sieg gegen Chris Byrd Weltmeister der WBO geworden. Er konnte seinen Titel fünf Mal erfolgreich verteidigen, ehe er auf den Südafrikaner Corrie Sanders traf. Der 37-jährige Sanders galt als schlagstarker Boxer. Doch er war der krasse Außenseiter. Er war für den Kampf aus dem Ruhestand gekommen, da sich kein Amerikaner gefunden hatte, der gegen Wladimir antreten wollte. Sanders hatte nur drei Runden in den letzten drei Jahren vor dem Kampf geboxt und sich mehr dem Golfen gewidmet. Eine leichte Aufgabe für den Steelhammer, so dachte man. Klitschko ging allerdings schon in der ersten Runde, durch eine kurze Linke von Sanders zu Boden und nach weiteren drei Niederschlägen hieß es schon in Runde zwei, Goodbye! The Ring Magazine wählte den Kampf zum Upset des Jahres 2003. Vitali rächte seinen kleinen Bruder ein Jahr später und Sanders versank wieder in der Bedeutungslosigkeit.

8. Da fielet Ihr und ich - und über uns frohlockte blut'ge Tücke
15. Februar 1978, Las Vegas, USA
Leon Spinks vs. Muhammad Ali

Spinks kam als 10:1-Außenseiter gegen Ali in den Ring. Aber Ali hatte beim Thrilla in Manila gegen Frazier eine Menge Substanz gelassen. "The Greatest“ hatte Spinks zudem im Vorfeld des Kampfes nicht ernst genommen und so holte sich der unerfahrene Spinks, der gerade sieben Profikämpfe auf dem Buckel hatte, überraschend die Titel der WBA und WBC. Ali hatte es während des Kampfes noch mit seiner "Rope-a-dope"-Taktik versucht, doch Spinks wurde nicht müde und gewann am Ende nach Punkten.

Eine der größten Sensationen in der Geschichte des Profiboxens. Der Kampf wurde 1978 zum "Fight of the Year" des Ring Magazine gewählt. Der Rückkampf hätte das umjubelte Ende einer Legende werden können. Alles stimmte, vor allem die Zuschauerzahl. Im Superdome von New Orleans vor 63.350 Zuschauern konnte sich Ali ein letztes Mal zu großen Taten aufschwingen. Der 36-Jährige schlug Spinks im Rematch und gewann zum dritten und letzten Mal einen Weltmeisterschaftstitel. Seine zwei Comebackversuche gegen Larry Holmes und Trevor Berbick scheiterten später.

7. Ocean's Eleven war wichtiger
22. April 2001, Gauteng, Südafrika
Hasim Rahman vs. Lennox Lewis

Lennox Lewis war der Herrscher über das Schwergewicht, als er auf den Herausforderer Hasim Rahman traf. Der Brite war 20:1-Favorit bei den Buchmachern und hatte eine Aura der Unbesiegbarkeit. Diese sollte jedoch nur bis zur fünften Runde Bestand haben. Rahman hatte Lewis durch ein paar Jabs in den Rückwärtsgang gezwungen und setzte dann eine rechte Gerade an, die das Kinn von Lewis traf und den Weltmeister auf der Stelle einklappen und zu Boden fallen ließ. Lewis wurde von dieser Rechten geradezu gefällt. Lewis, der vor dem Kampf bei Dreharbeiten zu Ocean's Eleven weilte und mehr Gewicht drauf hatte als jemals zuvor, musste sich die Vorwürfe gefallen lassen, er habe Rahman unterschätzt. The Ring Magazine wählte den Kampf zum Upset des Jahres 2001. Im November 2001 rückte Lewis die Verhältnisse wieder zurecht und streckte Rahman seinerseits mit einer Rechten zu Boden.

6. "The Cinderella Man."
13. Juni 1935, New York, USA
James J. Braddock vs. Max Baer

Der in Nebraska geborene Amerikaner Max Bear hatte vor dem Kampf mit Jim Braddock schon Max Schmeling und Primo Carnera geschlagen. So ging der "Livermore Larupper“ als 10:1-Favorit in den Fight. James Braddock arbeitete als Hafenarbeiter zur Zeit der großen Depression, ehe er auf Max Baer traf. Seine beste Zeit als Boxer war eigentlich schon vorbei. Sein Kampfrekord war keine Zierde (44-23-4). Und eigentlich wollte Max Baer den Außenseiter Braddock gar nicht boxen, sondern erneut Max Schmeling schlagen.

Baer, der einen jüdischen Großvater hatte, trug seit seinem Aufeinandertreffen mit Max Schmeling bei seinen Kämpfen einen großen Davidstern auf der Hose. Er war beim Publikum beliebt, hatte einen harten Punch und einen eigenwilligen Humor. Er offerierte Braddock, der könne doch sein Sparringspartner werden.

Als der Kampf mit Schmeling nicht zustande kam, sagte er dem Braddock-Fight zu. Im Madison Square Garden, der damals den Spitznamen "The Graveyard of Champions" trug, da kein amtierender Champion dort seinen Titel verteidigen konnte, gewann Braddock durch seinen ausgezeichneten Jab und gute Reflexe nach Punkten. Dieser unerwartete Sieg des Boxers, der eigentlich schon weg vom Fenster war, bracht Braddock den Namen "Cinderella Man" ein.

5. Rope-a-dope
30. Oktober 1974, Kinshasa, Zaire
Muhammad Ali vs. George Foreman

Vielleicht der berühmteste Kampf der Boxgeschichte. Seit seiner Niederlage gegen Joe Frazier hatte Ali nicht mehr um den Titel geboxt. Mit George Foreman kam ein Boxer, der Frazier windelweich geprügelt hatte, der auch Ken Norton, gegen den Ali ebenfalls schon verloren hatte, bezwingen konnte. Foreman galt als Urgewalt, seine Schläge waren das Härteste, was das Boxen je gesehen hatte. Keiner der anwesenden Journalisten glaubte an Ali.

Auch Ali glaubte nicht, dass er Foreman auf herkömmliche Art und Weise hätte schlagen können. Also entwickelte er seine mittlerweile legendaäre "rope-a-dope“-Takik an. Er ließ Foreman losprügeln, verschanzte sich hinter seiner Deckung und ließ sich in die Seile (Ropes) fallen, um die Kraft der Schläge abzufedern. Als Foreman sich müde geboxt hatte, zwang Ali den einzigartigen "Big“ George zu Boden. Vielleicht der sensationellste Sieg der Boxgeschichte, auch wenn Ali kein krasser Außenseiter war.

4. Beharrlich tun, hält Ehr' im Glanz
18. Juli 1951, Pittsburgh, USA
Jersey Joe Walcott vs. Ezzard Charles

Als der Weltmeister Ezzard Charles bekanntgab, dass er zum dritten Mal gegen Jersey Joe Walcott boxen wolle, fragten alle verzweifelt warum? Knapp vier Monate zuvor hatte Charles den Herausforderer besiegt. Doch dieses Mal war Walcott besser vorbereitet, kämpfte aggressiv und landete seinen linken Haken immer wieder ins Ziel. Insgesamt kämpften die beiden vier Mal gegeneinander, auch den Rückkampf gewann Walcott, ehe er von Rocky Marciano geschlagen wurde. Der Kampf wurde zum Fight des Jahres 1951. Walcott, der jeweils zwei Mal gegen Joe Louis und gegen Charles verloren hatte, schaffte den Titelgewinn im vierten Anlauf.

3. “I have seen something”
19. Juni 1936, New York, USA
Max Schmeling vs. Joe Louis

Der bis dahin ungeschlagene Joe Louis stand Max Schmeling in einem WM-Ausscheidungskampf gegenüber und war, obwohl noch nicht Weltmeister, der 10:1-Favorit gegen den ehemaligen Weltmeister aus Hitler-Deutschland. Max Schmeling hatte sich durch die intensive Analyse der Filmaufnahmen von Louis-Kämpfen einen entscheidenden taktischen Vorteil verschafft. Vor dem Kampf sagte er in Interviews den berühmten Satz. “I have seen something” ("Ich habe etwas gesehen“).

Und er hatte tatsächlich etwas gesehen. Louis hatte die Angewohnheit, nach einer linken Geraden seinen Arm hängen zu lassen und nicht sofort hoch zur Deckung zu ziehen. Schmeling nutzte diese Lücke, traf mit seinem rechten Haken mehrmals und gewann schließlich durch KO in der 12 Runde. Den Rückkampf zwei Jahre später verlor der Deutsche durch KO in Runde eins.

2. "I shook up the world!“
25. Februar 1964, Miami Beach, USA
Cassius Clay vs. Sonny Liston

Muhammad Ali, der damals noch Cassius Clay hieß, war 7:1-Underdog gegen Sonny Liston. Der erst 22-jährige Clay hatte vor dem Liston-Kampf nur mit Mühe gegen Henry Cooper gewonnen. Anders die Lage beim Weltmeister. Liston, der Mann mit den langen Armen (2,13 Meter bei 1,84 Meter Körpergröße), hatte gerade zwei Mal Floyd Patterson besiegt. Der Champion wurde vor dem Kampf von Cassius Clay als "Big Ugly Bear" verunglimpft, im Kampf sollte sich die Tapsigkeit bewahrheiten.

Durch seine Geschwindigkeit, die Beinarbeit, und die Reflexe zwang Cassius Clay Sonny Liston zur Aufgabe. Angeblich an der Schulter verletzt, kam der Weltmeister zur siebten Runde nicht mehr aus seiner Ecke. Clay stieg auf die Seile und rief: "I'm the greatest" und "I shook up the world!“ (Ich habe die Welt erschüttert). Der Kampf wurde zum „Fight and Upset“ des Jahrzehnts 1960 (Ring Magazine) gewählt. Clay gewann auch den Rückkampf gegen Sonny Liston und wurde zum wohl besten Boxer, den es je gab.

1. Die Mutter der Sensationssiege
11. Februar 1990, Tokyo, Japan
Mike Tyson vs. James Buster Douglas

Der Sieg von James Buster Douglas gegen Mike Tyson gilt als die Mutter der Upsets, der jüngeren Boxgeschichte. Die Quoten standen 42:1 gegen den 29-jährigen Douglas. Auf die Frage eines Reporters, ob es eine Chance gebe, dass er gegen Buster Douglas verlöre, sagte Mike Tyson vor dem Kampf "Vielleicht, wenn ich mir beide Arme abschlage.“ Tyson ging als ungeschlagener WBC, WBA und IBF-Titelträger in den Kampf. Während Douglas schon vier Niederlagen und ein Unentschieden im Kampfrekord trug, hatte Tyson eine makellose Bilanz von 37-0-0.

Einige Vorzeichen wurden allerdings erst nach dem Kampf beachtet. Tyson ging schlecht vorbereitet in den Kampf, hatte private Probleme und unzureichend trainiert. Douglas kam mit viel Wut und Trauer im Bauch nach Tokyo. Seine Mutter war kurz vor der Abreise gestorben. Der Underdog brachte seinen guten Jab ein, hatte Glück, dass der Ringrichter ihn in der achten Runde, als er zu Boden ging, nicht zügig auszählte. Dann schlug er Tyson mit einer Fünf-Schlag-Kombination zu Boden und der Champion wurde auf allen Vieren kriechend ausgezählt. Die Boxwelt stand Kopf. Schon im darauf folgenden Kampf verlor Douglas seine Titel nach KO in der dritten Runde an Evander Holyfield.

Michel Massing

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