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Boxen: Rückschau auf Felix Sturm vs. Martin Murray

Im Boxen gibt es den Weltmeisterbonus, den Heimvorteil und den Straßenraub. Neu im Repertoire der Punktrichter ist die Retourkutsche. Dieser und andere Tiefschläge in der Rückschau auf das Boxwochenende. Dabei im Mittelpunkt: Felix Sturm vs. Martin Murray und Robert Helenius vs. Dereck Chisora.

Wir befinden uns im Jahre 2011. Im Boxhandwerk ist der Straßenraub die Erwerbsquelle Nummer eins und die gängige Fortbewegungsart auf der Karriereleiter ist die Retourkutsche. Wir lassen die Kämpfe des Wochenendes Revue passieren und sehen blaue Augen allen Ortens. Die Boxställe, die Punktrichter, die Boxer und die Berichterstattung sind angezählt.

Neu im Repertoire der Punktrichter: Retourkutschen

Felix Sturm war nach seinem Kampf gegen Martin Murray am Freitag unzufrieden. Nach zwölf Runden werteten die Punktrichter der WBA: Jean-Francois Toupin 116:112 für Sturm, Ted Gimza 115:113 für Murray und Pasquale Procopio sah den Kampf 114:114. Wir haben in den Runden 1, 5, 8, 10 und 11 einen besseren Murray gesehen. Das wären also 7:5-Runden bei Sturm, was eine Wertung von 115:113 ergibt.

Felix Sturm gelang es unserem Urteil nach, aus der Ringmitte den Kampf zu diktieren, er boxte zwar zu statisch, dabei aber offensiver als der Brite und setzte die klareren Treffer. Ein knapper Sieg war die Erwartung der allermeisten Beobachter an diesem Abend – womit nicht die äußerst tendenziösen Berichterstatter des übertragenden Senders gemeint sind. Doch Punktrichter Ted Gizma sah tatsächlich Murray mit sieben zu fünf Runden vorne.

Von einem Heimvorteil, der Felix Sturm noch im letzten Kampf gegen Matthew Macklin unterstellt wurde, konnte man hier nicht sprechen. Die Erklärung für das Urteil lieferte Fritz Sdunek. Der erfahrene Trainer des Superchampions sprach von einer "Retourkutsche für den letzten Kampf." Heimvorteile sind schon schlimm genug, aber auf zynische Weise berechenbar. Liegt der Auswärtsboxer nicht äußerst klar vorn, tendieren die Punktrichter nicht selten zum gastgebenden Kämpfer. Das ist zwar alles andere als schön, aber die wohl gängige Praxis im Boxbusiness.

In diesem Fall ist es aber wohl noch verwirrender. Denn hat Fritz Sdunek recht, dann haben zwei, oder doch zumindest einer der Punktrichter eine Retourkutsche gefahren. Ist das die Aufgabe von Punktrichtern einer Sportart?

Muss man das Ergebnis also bedauern?

Ja, denn der Boxsport wird immer unberechenbarer und undurchsichtiger. Warum gibt es keine klareren Bewertungskriterien für Punktrichter? Der eine bewertet die Mehrzahl der Treffer, der andere die Qualität der Treffer, und bei vielen hat man den Eindruck, dass sie ihre Punkzettel schon ausgefüllt haben, bevor der Kampf beginnt. Das Urteil bleibt oft ein Mysterium und sorgt dafür, dass die subjektive Wahrnehmung, dass es beim Boxen nie mit rechten Dingen zugeht, immer mehr mit der Realität übereinstimmt.

Auf der anderen Seite muss man Felix Sturm nicht bedauern. Der Superchamp nach Version der WBA musste zuletzt im Juli 2009 eine Pflichtverteidigung boxen. Danach durfte er sich seine Gegner selbst aussuchen. Im März 2010 wurde Felix Sturm vom normalen Weltmeister zum Superweltmeister erhoben. Er hätte danach normalerweise nach 18 Monaten eine Pflichtverteidigung boxen müssen. Sturm erhielt aber von der WBA drei weitere Monate Zeit, sich dem regulären Weltmeister zu stellen. Ende Dezember dieses Jahres läuft diese Frist ab.

Weltmeister nicht gut genug?

Warum das ganze Versteckspiel? Der reguläre WBA-Weltmeister Gennady Golovkin ist ein gefährlicher Boxer. Der in Stuttgart lebende Kasache ist in 21 Kämpfen ungeschlagen und hat eine beachtliche KO-Quote von 85.71 Prozent (Daten boxrec.com). Ein unangenehmer Gegner, dem man lieber aus dem Weg geht.

"Er ist stark, keine Frage. Aber bevor er so hohe Wellen schlägt, soll er erst mal große Namen im Profi-Bereich boxen. Dann können wir weiterreden“, sagte Sturm über Golovkin im Interview mit figosport.de im Mai 2011. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Golovkin schon einen Namen gemacht, er war bereits Weltmeister.

"Er hat noch keinen aus den Top 30 geboxt“, warf ihm Sturm vor. Zwei der letzten drei Sturmgegner gehörten allerdings nicht zu den "Besten“, die er nach dem Weggang von Universum boxen wollte. Ronald Hearns lag verbandsübergreifend auf Platz 50. Martin Murray rangierte vor dem Kampf auf Platz 32.

Mundgerechte Berichterstattung

Nein, nach dem umstrittenen Unentschieden von Freitag ist Felix Sturm wirklich nicht zu bedauern. Er hat seinen Haussender, der ihm mundgerechte Berichterstattung liefert. Wenn mal jemand zu kritisch ist, wird er nicht mehr eingeladen. "Ich glaube, ich war ihnen zu kritisch, aber ich lasse mich nicht verbiegen. Und ein Boxer muss auch etwas aushalten können", so der TV-Experte und ehemaliger Schwergewichtsboxer Axel Schulz laut bild.de.

Schulz erhielt nach dem Macklin-Kampf keine erneute Einladung als Experte. Sein Nachfolger Markus Beyer (ehemaliger Super-Mittelgewichtsweltmeister) gab sich dann auch dementsprechend kleinlaut. Schlimmer war nur Andrea Kaiser im Interview mit Felix Sturm direkt nach dem Kampf: "Die zwölfte Runde war eine der spannendsten, überragendsten Runden, die ich je gesehen habe.“ Da hat die genrefremde Fernsehkommentatorin aufgrund ihrer mangelnden Erfahrung vermutlich nicht einmal gelogen.

So ärgerlich die Berichterstattung aus Mannheim war und so unverständlich das Urteil für viele gewesen sein mag, kann man dennoch festhalten, dass am Freitagabend mit Felix Sturm unterm Strich der richtige Kämpfer mit dem Titel nach Hause gegangen ist. Ganz anders fühlte sich das für den Briten Dereck Chisora an, der am Samstag in Helsinki eigentlich zum neuen Schwergewichts-Europameister hätte ernannt werden müssen.

Importiertes Heimurteil

Nach einer starken Leistung über 12 Runden gegen Lokal-Matador Robert Helenius musste sich Chisora im Kampf um den vakanten EM-Titel am Ende knapp und unverdient nach Punkten geschlagen geben. Für viele internationale Beobachter handelte es sich bei dem umstrittenen Urteil wieder mal um Straßenraub. Aus deutscher Sicht könnte das Ganze als importiertes Heimurteil bezeichnen, denn der Berliner Sauerland-Stall war Ausrichter der Veranstaltung in Helsinki.

Aber der Reihe nach: Nach seinen vorzeitigen Siegen über die Ex-Weltmeister Lamon Brewster (Januar 2010), Samuel Peter (April 2011) und Siarhei Liakhovich (August 2011) galt der "Nordic Nightmare" Helenius bei vielen Fans und Experten als großer Hoffnungsträger im dünn besetzten Schwergewicht. Wenn jemand den Klitschkos gefährlich werden kann, so hieß es in der Box-Szene, dann wohl der 2 Meter große Finne, der bei den Weltverbänden WBA und IBF jeweils auf Rang 3 der Weltrangliste, bei der WBO sogar auf Rang 1 geführt wird.

Favorit Helenius enttäuscht – Underdog Chisora überzeugt

Dementsprechend waren sich eigentlich auch die meisten Beobachter sicher, dass sich Helenius gegen den unerfahrenen Engländer klar durchsetzen würde. Chisora war zwar schon zweimal als Gegner von Wladimir Klitschko verpflichtet worden (beide Male platzte der Kampf), doch spätestens seit seiner deutlichen Niederlage gegen Landsmann Tyson Fury im Juli 2011 galt der "Del Boy" als überschätzt und "schlampiges Talent".

Doch am Samstagabend in der Hartwall Arena in Helsinki belehrten sowohl der britische Underdog als auch der finnische Favorit die Zuschauer eines Besseren. Chisora zeigte über die volle Distanz eine starke Leistung, für die er überall auf der Welt – außer in Finnland und leider wahrscheinlich auch Deutschland – mit einem deutlichen Punktsieg belohnt worden wäre. Helenius hingegen wirkte pomadig, war für seinen deutlich kleineren Gegner viel zu leicht zu treffen und zeigte, dass man seinen Namen noch lange nicht im selben Atemzug mit den Klitschkos nennen darf.

Gebrochene Hand als Handicap?

Helenius sagte unmittelbar nach dem Kampf, dass er sich schon in der ersten Runde die rechte Schlaghand gebrochen habe und diese deshalb im weiteren Kampfverlauf nicht mehr einsetzen konnte. "Ich hatte danach kein Vertrauen mehr in meine Rechte. Jedes Mal wenn ich schlug, hat sie richtig wehgetan. Wir werden nun sehen, wie es meiner Hand geht, dann sehen wir weiter”, so der neu gekrönte Europameister.

Tatsächlich war der Kampf zu Beginn noch ausgeglichen, doch je länger die Schlacht dauerte, desto mehr dominierte Chisora das Geschehen. Der Brite überzeugte mit hoher Schlagfrequenz, Variabilität und solider Trefferquote. Vor allem die giftigen Uppercuts des wesentlich kleineren Mannes kamen immer wieder gut durch. Gleichzeitig bewies Chisora beachtliche Nehmerqualitäten und ließ sich auch von harten Treffern des Finnen nicht beeindrucken.

"Eindeutiger Diebstahl“

Am Ende lag Chisora auf unserem Punktzettel mit 116:112 vorne. US-Experte Dan Rafael, der den Kampf für den übertragenden amerikanischen Sender Epix kommentierte, sah den Sieg sogar mit 118:110 beim Briten. Umso erstaunlicher, dass die Punktrichter Giuseppe Quartarone und Manuel Oliver Palomo mit 115:113 für Helenius werteten, während nur Leszek Jankowiak Chisora mit 115:113 vorne sah. Für Dan Rafael war dieses Urteil ein "eindeutiger Diebstahl". "Man könnte eher dafür argumentieren, dass Chisora alle Runden gewonnen hat, als Helenius einen knappen Sieg oder auch nur ein Unentschieden zuzusprechen. Auf keinen Fall hat der Finne sieben Runden gewonnen", so Rafael auf espn.com.

Chisoras Promoter Frank Warren kündigte naturgemäß unmittelbar nach dem Kampf an, beim zuständigen europäischen Verband in Revision gehen zu wollen. "Dereck hat mit mindestens vier Runden Vorsprung gewonnen", sagte Warren. "Wir werden Einspruch gegen das Ergebnis einlegen. Das ist sehr schade für Dereck, es war die stärkste Leistung, die er jemals gezeigt hat." Warrens deutscher Kollege Wilfried Sauerland bot Chisora zwar ein Re-Match an, sagte aber auch, dass Helenius seinen neu errungenen Titel zunächst gegen Ex-Europameister Alexander Dimitrenko verteidigen müsse, dem der Gürtel aufgrund einer Verletzung aberkannt worden war.

Anreise sinnlos?

Nach dem Ergebnis vom vergangenen Wochenende kann man Dimitrenko nur davon abraten, zum Kampf gegen Helenius nach Finnland zu reisen. Denn auch wenn 14.000 Fans in der ausverkauften Hartwall-Arena mit Sicherheit für eine tolle Stimmung gesorgt haben, müssen sich die Beteiligten die unbequeme Frage gefallen lassen, wie viel Sinn es macht, Boxkämpfe auszutragen, wenn der Punktsieger schon vor dem ersten Gong festzustehen scheint.

Michel Massing

sportal.de / sportal

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