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Boxen Wenig Sport, viel Spektakel im Schwergewicht um Vitali Klitschko


Ein mutiger Gegner, der nicht boxen kann, ein einarmiger Champion und eine skandalträchtige Pressekonferenz. Wir sammeln die Trümmer des Boxabends auf.

Die Kämpfe der Klitschkos sind perfekt inszenierte Events für das große Publikum. Einen sportlich spannenden Wettkampf kann man dort nur selten sehen, da die Brüder das Schwergewicht zu deutlich dominieren.

Am Samstag wurde dennoch Spannung geboten - wenn auch nicht so, wie es sich die Protagonisten und auch die Box-Fans wünschen. Dass der Abend nicht zu langweilig wurde, lag an einem mutigen Gegner, einem verletzten Titelverteidiger und einer eskalierenden Pressekonferenz nach dem Kampf. Nachdem der Rauch verzogen ist, sammeln wir die Trümmer auf. Zunächst zum sportlichen Geschehen.

Der Kampf

Dereck Chisora überraschte das Publikum. Anders als viele Gegner zuvor lief er nicht weg, sondern griff unermüdlich an. Vitali Klitschko überraschte auch. Er präsentierte sich müde und schwächer als je zuvor. Wie man später erfuhr, lag das wohl an einem Teilanriss einer Sehne in der linken Schulter. Dass Dereck Chisora gegen einen fast einarmigen Klitschko nicht gewinnen konnte, zeigt die Limitiertheit des Briten. Wilde Schwinger über die Außenbahn, einige Treffer zum Körper und viel Gewühle und Geklammer waren alles, was der 28-Jährige zustande brachte. Chisora schlug einfach zu wenig und setzte kaum klare Treffer. Sein Stil reichte, um Vitali schlecht aussehen zu lassen, zum Gewinnen reichte er nicht.

Schaut man genauer hin und zieht die Daten von compuboxonline.com zu Rate, dann sieht man, dass die Runden relativ eng waren und dass Chisora rein quantitativ in der fünften, sechsten und achten Runde zumindest gleich viele Treffer landen konnte. Gibt man diese Runden Chisora, dann kommt man auf ein Ergebnis von 117:111 für Vitali. Aber es zählt ja nicht nur die Anzahl der Treffer, sondern unter anderem auch die Qualität. Mein Eindruck war, dass Vitali die klareren Treffer gelandet hat.

Dadurch, dass der Brite ständig nach vorne marschiert ist und viel Druck ausgeübt hat, entstand das Gefühl, er müsse mehrere Runden gewonnen haben. Wertet man also die Aktivität und den Druck, den er ausüben konnte mit, kann man den Kampf am Ende vielleicht auch enger sehen. Über eine 115:113-Entscheidung zugunsten von Vitali könnte man streiten. Allerdings bleibt festzuhalten, dass Vitali Klitschko den Kampf verdient gewonnen hat.

Womit wir wieder zurück zu der Erkenntnis gelangt sind: Selbst ein 40-jähriger einarmiger Klitschko ist besser als sein 12 Jahre jüngerer Herausforderer ohne (physisches) Handicap. Oder um es mit den Worten des US-Box-Experten Dan Rafael zu sagen: „Wir wussten schon, dass Klitschko – sogar mit 40 Jahren – ein dominanter Weltmeister und einer der besten Schwergewichtler aller Zeiten ist. Jetzt wissen wir auch, dass er einen Kampf mit nur einem Arm gewinnen kann.“

Der Eklat auf der PK

Nach der turbulenten Pressekonferenz des Kampfes zwischen Vitali Klitschko und Odlanier Solis im März 2011 folgte am Samstag der nächste Akt der Post-Fight-Skandale. Waren es in Köln noch Ahmet Öner und Bernd Bönte, die sich verbal attackierten, wurde in München gleich zum Faustkampf einschließlich Glaswerkzeug gegriffen. David Haye versuchte in seiner unnachahmlichen Art und Weise, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Seit seinem Aufstieg aus dem Cruisergewicht ins Schwergewicht zeigte Haye meist nur mit dem Mundwerk große Leistungen und so quasselte, provozierte und agitierte er sich dieses Mal in einen handfesten Streit mit Dereck Chisora.

Chisora hatte von Haye gelernt: Wer viel Wind macht, der kriegt viel Kohle. Er versuchte also wohl, sein Bad Boy-Image noch mal zu steigern, in der Hoffnung, sein nächster Kampf würde ihm so noch mehr Geld in die Taschen spülen. Genau diese Motive hatten auch Haye dazu getrieben, sich erneut daneben zu benehmen. Nicht wenige Branchenkenner vermuten deswegen eine Inszenierung des Streits, der dann anschließend eskalierte.

Ziel könnte ein Kampf zwischen Chisora und Haye sein, wobei der Sieger gegen einen Klitschko boxen darf. Der Vorschlag kam von Chisora-Manager Frank Warren und wurde anschließend von Bernd Bönte aufgegriffen. „Die Schlägerei schreit doch danach, dass es einen Kampf von Haye gegen Chisora gibt, der Gewinner kämpft dann gegen einen der Klitschkos. (Haye und Chisora) könnten eine Menge Geld damit in Großbritannien machen“, sagte Bernd Bönte nach der Schlägerei laut guardian.co.uk.

Durch die Eskalation des Streits könnte der PR-Plan um einen Ausscheidungskampf der Großmäuler aber scheitern. Chisora, der wegen eines Angriffs auf seine damalige Freundin schon einmal verurteilt wurde, könnte erneut Schwierigkeiten mit dem Gesetz bekommen. Ermittlungen wegen Körperverletzung laufen. Allerdings scheint Haye-Manager Adam Booth den Cut an der Stirn von seinem eigenen Schützling davongetragen zu haben, der ein Kamera-Stativ im Gewühl irrtümlich auf ihn geworfen haben soll.

Der britische Verband British Boxing Board of Control (BBBofC) könnte Chisora sperren. Eine einjährige Suspendierung ist im Gespräch. „Das Board hat viele Möglichkeiten. Es kann eine Geldstrafe aussprechen, eine Suspendierung oder sogar die Lizenz entziehen“, so der Generalsekretär des BBBofC Robert Smith laut bbc.co.uk. An David Haye konnte nicht nur die Polizei bisher nicht herankommen. Da der zurückgetretene Boxer derzeit gar keine Boxlizenz hat, kann man ihn von dieser Seite her auch nicht bestrafen.

Allerdings könnte er für zukünftige Kämpfe gesperrt werden. Der von Haye angestrebte Kampf gegen Vitali Klitschko scheint derzeit fraglich. „David, you are out!“, rief Bernd Bönte dem Briten zu. Später kam der Klitschko-Manager aber auf die Idee des Ausscheidungskampfes zwischen Haye und Chisora. Und wie reagierte der Weltmeister Vitali Klitschko während des After-Show-Brawls? Vitali schaute zunächst sichtlich amüsiert zu, um sich danach vor dem Mikrofon politisch korrekt zu echauffieren.

Was am Ende des Tages übrig blieb?

Über zwölf Millionen Menschen mussten lange warten, viel Werbung und ein großes Getöse ertragen, bis ein einarmiger Weltmeister sich mit Mühe und Not über zwölf Runden gegen einen mutigen, aber schlampigen Boxer abquälte. Das war kein großer Sport, da Vitali verletzungsbedingt nicht das leisten konnte, was er zu leisten im Stande ist, und Dereck Chisora zwar das Herz eines Boxers hat, nicht aber die boxerischen Fähigkeiten, um auf diesem Niveau mitzuhalten.

Das Event Boxen haben die Klitschkos in Deutschland zur Spitze getrieben, die Inszenierungen in den größten Hallen und sogar Fußballstadien sind beispiellos. „Das ist gut für den Sport und für uns alle“, sagte einst Konkurrent Kalle Sauerland zur Strahlkraft der Klitschko-Kämpfe im sportal.de-Interview.

Letztlich bleibt aber fraglich, ob sportlich leidlich interessante Wettkämpfe aufgehübscht durch ein Mega-Rahmenprogramm mit Pop-Sternchen und nach Spannung heischenden Einspielern dem Boxsport wirklich weiterhelfen. Diese Frage drängt sich nach allen Klitschko-Kämpfen von Neuem auf – wenn Eklats und Skandale wie am vergangenen Wochenende hinzukommen, erhält das Ganze aber eine andere Dimension.

Denn wenn die große öffentliche Aufmerksamkeit, die die Klitschkos erregen, für Pöbeleien und Handgreiflichkeiten missbraucht und dieses Gehabe mit dem Boxen in Verbindung gebracht wird, nimmt der Sport ernsthaften Schaden. Das Fehlverhalten von Chisora und Haye kann man den Klitschkos nicht anlasten, aber es muss zumindest die Frage erlaubt sein, warum die anwesenden Sicherheitskräfte die Eskalation zwischen den beiden Briten nicht verhindern konnten.

Michel Massing

sportal.de sportal

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