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Dart-Weltmeisterschaft: Das Zen des kleinen Mannes

Das Publikum säuft und grölt, vor dem Brett stehen dicke Männer und werfen Pfeile mit ungeheurer Präzision in nur millimetergroße Felder. Die Dart-WM in London ist ein Spektaktel für Feingeister und Feierbiester.

Von Niels Kruse

Was fasziniert die Menschen nur an dieser ganzen Angelegenheit? Halbnackte Mädchen tanzen nuttig zu Kirmes-Techno, die Zuschauer saufen das Bier humpenweise, lachen laut und schwatzen viel. Alle paar Minuten springen sie auf und reißen ihre Hände hoch, wenn die Bässe der offiziellen Dart-Hymne "Chase The Sun" durch den Saal pumpen. Noch hexenkesseliger wird es, wenn sich einer dieser bierbäuchigen Typen mit schlechtsitzenden Tätowierungen am Unterarm seinen Weg durch die Massen bahnt und es aus Tausenden heiseren Kehlen "Waaaalking in the Taylor-Wonderlaaand" tönt. Grobkörnig geht es zu bei der alljährlichen Dart-Weltmeisterschaft. Einerseits.

Andererseits stehen da diese untersetzten Typen mittleren Alters auf einer Bühne und betreiben Präszisionssport auf allerhöchstem Niveau. Typen wie Phil Taylor. 50 Jahre, Schulabbrecher, untersetzt mit protziger, goldener Uhr links und dem goldenen Händchen rechts. Multimillionär ist der Mann und 15-facher Weltmeister, im Dartsport das Maß aller Dinge, mehr noch als es Schumi für die Formel1 war. Wenn "The Power", wie sie ihn nennen, vor das 2,37 Meter entfernte Board tritt, erwarten alle Wunderdinge von ihm - und er enttäuscht sie selten. Im Alexandra Palace, liebevoll Ally Pally genannt, wo die PDC-Weltmeisterschaft ausgetragen wird, herrschen auf der Bühne gerne mal 40 Grad und mehr. Im Hintergrund feiert sich das Publikum die Seele aus dem Leib, doch der Großmeister bohrt seinen Blick in den Sisal und versenkt den Pfeil millimetergenau genau dort hinein, wo er ihn hinhaben wollte.

Höhepunkt der Saison: Ein Duell gegen Taylor

Der Dauerfavorit spielt in diesem Jahr allerdings bislang unter seinen Möglichkeiten. Zuletzt verlor er bei zwei großen Turnieren und auch bei der WM zeigte er für seine Verhältnisse bislang eher bescheidene Leistungen. Dennoch reichte es für den Einzug ins Viertelfinale. Für manch einen Kontrahenten aber ist allein ein Duell mit ihm schon der Höhepunkt einer ganzen Saison. Nachdem Taylor den Dänen Per Laurup mit 4:0 abgefertigt hatte, riss er die Dartscheibe von der Wand und signierte sie für den Unterlegenden. Solche Gesten erwartet man von diesen Typen, die oft so aussehen, als würden sie einen im Pub gleich zu einem Dutzend Bieren einladen.

Dass Dart seine Wurzeln in britischen Kneipen hat, kann der Sport nicht verleugnen. Viele der Topspieler haben das Pfeilduell schon von Kindheit auf mit dem Pubdunst eingeatmet, von den 25 besten Spielern der Welt stammen 20 aus Großbritannien, zwei aus Australien und drei aus den Niederlanden. Deutsche spielen auf der internationalen Bühne nur die Rolle des Punktelieferanten. Bei der Weltmeisterschaft sind Andree Welge aus Bremen, Bernd Roith aus Tübingen und Jyhan Artut aus Holzminden schon in der ersten Runde ausgeschieden.

Die Spielregeln

Ziel des Spiels ist es, mit möglichst wenig Darts von der Ausgangspunktzahl 501 auf exakt Null zu kommen. Bei der WM muss der letzte Wurf dabei ein Doppelfeld treffen. Wer zum Beispiel noch 73 Punkte hat, versucht erst die 13 zu treffen (60 Punkte Rest), dann die 20 (40 Punkte Rest) und anschließend die Doppel-20. Das ideale "Leg", wie die einzelnen Runden genannt werden, ist ein 9-Darter - also mit nur neun Würfen auf Null zu kommen, was allerdings äußerst selten vorkommt. In der Geschichte der PDC-WM gab es das erst zweimal - 2009 und dieses Jahr, beide durch Raymond van Barneveld.

Um auf den schnellsten Weg das Ziel zu erreichen, zielen die Spieler zu Beginn auf die Triple-20, ein gerade einmal acht Millimeter hoher Schlitz im inneren Ring der Scheibe. Landen dort alle drei Pfeile, gibt es die maximale Punktzahl von 180. Das ist der Moment in dem "The Voice of Dart", Punktrichter Russ Bray, mit seiner knarziger Stimme zum 'Oooonehundredandeightyyyyyyyy' anhebt, der Ausruf der bei den bis zu 4500 Zuschauern ähnliche Begeisterungsstürme auslöst, wie die legendären Ansagen der Boxring-Legende Michael Buffer ('Let's get ready to ruuuumble').

Dart, das ist Zen - ein Spiel, für das das Wort Konzentration hätte erfunden werden müssen, und das zumindest den Fernsehzuschauer durch seine Ruhe und ungeheuerliche Präzision in einen beinahe meditativen Zustand versetzt. Dabei geht alles meist zackzack. Mehr als 15 Sekunden braucht kaum ein Topspieler, um seine drei Pfeile ins Brett zu schicken - dann ist der nächste dran. Es gibt Darter, die durch langsame Gegner genervt sind, wie der Weltranglistenzweite James Wade. Der wollte beim Vorrundenspiel seinen Kontrahenten Mensur Suljovic mit eindeutigen Gesten zur Eile bewegen. Und verlor. Alles reine Nervensache.

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