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Einzelkurs: Wie die Jungfrau auf Carving-Ski

Im Berner Oberland lernt ein stern-Redakteur dank Einzelunterricht, wie man mit modernem Material und Kanteneinsatz fährt. Wurde auch Zeit.

Das Problem bei mir ist das Eis. Wenn man da so drüberschrubbt. Weil man da rutscht wie die Sau, und das zweite Problem ist, dass ich ganz genau weiß, was alles passiert, wenn man immer weiterschrubbt und -rutscht. Erst haut's einen schrecklich hin, Eis ist hart, dann überschlägt man sich dreimal, liegt da mit verknoteten Knochen, wird nach zwei schlimmen Stunden abtransportiert auf einem roten Schlitten (oder mit dem Hubschrauber). Und das ist natürlich gar nicht gut für die Balance, wenn die Muffen derart sausen.

Man muss dazu sagen: Meine Skier sind Gurken, 15 Jahre alt und im Prinzip kantenfrei. Ich komm noch die meisten Hügel runter, aber genießen kann ich's nicht. Den Carving-Hype fand ich all die Jahre albern. Ich wollte keine Höllenkurven und kein Tempo, dass es kracht, ich wollte nur heil bleiben. Es dauerte sehr lange, bis ich begriff: Ein Ski, der gute Kurven fährt, hat gute Kanten. Muss er haben, geht nicht anders.

Und jetzt steh ich hier,

das erste Mal Carver an den Schlappen. Berner Oberland, am ganzen Himmel nichts als Himmel. Oben am Lauberhorn pfeift der Wind. Start der längsten Abfahrt der Welt. Mehr als vier Kilometer lang. Zweieinhalb Minuten für den, der's kann. Hinten steht die Nordwand des Eiger, vorn steht der Paul. Er ist ein höflicher Mann, der Paul, er zieht die Sonnenbrille ab zur Begrüßung, er hat eisblaue Augen wie der Gletscher der Jungfrau, wenn das Licht günstig steht, und dann schaut er mich an, wie ich da so steif auf meinen Leihcarvern stehe, einem Porsche mit Aluminium Motion Rail und Douple Grip Technology. Und dann sieht Paul meine vorbildliche Grundhaltung und sagt: Oh je. Und dann: War nur ein Scherz, od'r?

So geht das los mit diesem vollkommen privaten Skilehrer, der einen Tag lang nur für mich und meinen verkorksten Altmeisterschwung da ist, so sehr, dass mir's schon wieder peinlich ist. Aber wenn schon Carven lernen, dann richtig, das war meine Devise, jetzt muss ich da durch.

Pauls Leute haben 1661 in Wengen ihr Haus gebaut, unten, im Tal, seit 1300 wohnt seine Familie schon da. Sie gelten immer noch als Zugezogene aus Gimmelwald. Solche Leute sind das hier, die Pauls.

Weißt du, sagt er, Lektion eins: sei locker. Du musst nicht dastehen wie ein Mannequin. Paul stellt sich hin, wie ein absolut perfekter Skifahrer eben Ski fährt. Ganz schmal, zwischen die Bretter passt kein Eiskristall. Paul grinst nicht. So fahren die Deutschen, sagt er, die rutschen um die Kurven und stehen auf den Skiern, als hätten sie was verschluckt, od'r? Bist du ein Mannequin? Er schaut mich an. Ich steh da so. Also, sagt er: schön bequem, schulterbreit. Mittig stehen. Schultern locker hängen lassen. Knie weich. Zum Federn, wenn die Schläge kommen. Schläge, sagt er. Ein Schlag reicht mir.

Und jetzt stell dir vor, du setzt dich seitlich auf einen Stuhl. Hüfte rum. Wie ein Motorradfahrer, leg dich in die Kurve. Das ist die Carving-Haltung. Gute Fahrer machen drei Spuren in den Schnee, zwei schmale und eine ganz schmale: das sind die Kanten, und das, ein Meter weg, ist der Stock. Der Ski darf dich nicht überholen, sagt Paul, dann sitzt du zu weit hinten.

Gut, sage ich. Ich wedele los. Na, wedeln kann ich nicht. Aber fast. Hepp, rum, hepp, hepp. 300 Meter weiter unten: rrrrum. Kein Eis heute, sage ich, sehr griffiger Schnee, od'r? Nö, sagt Paul, du sollst nicht herumspringen. Das ist nicht Carven. Beim Carven machst du dich klein und legst dich in die Kurve, bis du Zug bekommst, und dann machen die Skier alles von selbst, das geht wie auf Schienen. Eine gecarvte Kurve ist das, was sich anfangs nicht anfühlt wie eine Kurve, es wird dann aber eine, von selbst. Mit dem Kopf geht das nicht, das muss aus dir kommen. Du musst Geduld haben, der Ski will von selber rum. Carver sind so.

Nach einer Stunde die Erleuchtung. Eine Kurve, da spür ich, sappradi, Bursch, was machst denn?, das muss die Kante sein, die greift und um die Kurve will, weil sie geformt ist, wie sie nun mal ist, es surrt, ich rausche, Zug ist da, dann schwimmt der Ski, das ist keine Kante mehr, doch, da ist sie, die will, dann lass sie, nu ist sie weg, Wald in Sicht, nichts wie rrrummmm. Ich bleibe in einer ganz feinen Wolke aus Schneestaub stehen. Paul nimmt meine Stöcke. Ich bin besser im Zeigen, sagt er. Wir fahren jetzt nebeneinander, wie in der Tanzstunde, ein seltsames Ballett, ich bin entweder zu früh beim Einleiten der Kurve oder zu spät, ich sehe uns schon purzeln, mit vier Skiern durcheinand', aber dann passt es plötzlich, die Kurven kommen einfach so.

Es ist ein Gefühl wie beim Golf, wenn man den Ball satt trifft, Nirwana, ohne Kraft, und er fliegt und fliegt, als wäre man an den Kosmos angeschlossen, ans letzte große Geheimnis. Leider gibt's das selten, beim Golf. Die Kante kommt öfter. Aber es ist nicht so, dass sie sich sofort häuslich einrichten möchte. Du musst zwischen den Schwüngen hoch, nicht im Schwung, sagt Paul. Genau andersherum als beim Wedeln. Aber wenn das Gefühl da ist, der Zug kommt, der Ski übernimmt, du die Kante reindrückst, dann ist es wie Schweben. Und wenn man schneller wird und kürzer schwingt, sieht das aus wie Skating im Langlauf.

Wir stehen am Hundsschopf, links Fels, rechts Zaun, ein drei Meter breiter Durchschlupf, dahinter Luft. Hier springen die Abfahrer mit Karacho in die Tiefe. 50 Meter weit. Zum Glück haben umsichtige Schweizer hier eine Quertrasse gespurt, so überlebt unsereins die Steilwand bequem. Das Auslösen der Kurve, der richtige Zeitpunkt ist entscheidend. Du musst der Kante vertrauen, sagt Paul. Es ist nicht nötig zu bremsen. Da ist genug Druck durch den Hang, der arbeitet mit.

Wer wissen will, wohin die Fliehkräfte verschwinden, sie verschwinden im Hintern, wie auch immer. Der Hintern kontrolliert, sagt Paul. Man kann nicht mit dem Hirn kontrollieren, dafür rechnen wir zu langsam. Dann fährt er voraus. Paul ist so einer, der sich gar nicht bewegt auf seinen Skiern, aber seine Skier fahren immer wilde Kurven, als wär's gewollt. Er kann nicht nur Deutsche nachmachen, sondern auch ungelenke Engländer, die, im irrigen Gefühl, auch diesen Sport erfunden zu haben, sich am liebsten auf der Lauberhorn-Pistn ein Bein brechen würden, von wegen der Romantik.

Wir stehen vor dem berühmten S, kurz vor dem Zielschuss, wo vor Jahren ein Rennfahrer verblutete. Senkrecht runter. Das geht schon, sagt Paul, wenn es nicht zu eisig ist. Und wenn es zu eisig wird?, frage ich. Ich schaue runter auf meine Skier, Super Duper Rail Grip. Paul lacht. Abschnallen, od'r?

Rüdiger Barth / print
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