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Felix Sturm verteidigt WM-Titel: Lehrstunde des Box-Professors

Felix Sturm hat seinen Weltmeistertitel nach WBA-Version im Mittelgewicht erfolgreich verteidigt. Der 28-Jährige zeigte gegen den kämpferischen Uruguayer Noe Tulio Gonzalez Alcoba seine boxerische Klasse. Mit präzisen Treffern zermürbte Sturm den wild prügelnden Herausforderer.

Von Jens Fischer, Stuttgart

Nur acht Wochen nach seinem Sieg im Revanche-WM-Kampf gegen den Spanier Javier Castillejo verteidigte Felix Sturm seinen Titel gegen den Herausforderer Noe Tulio Gonzalez Alcoba aus Uruaguay und feierte seinen 28. Sieg im 30. Profikampf. Der Südamerikaner kam mit einem einducksvollen Kampfrekord von 14 Kämpfen, 14 Siegen, 7 davon durch K.o., nach Stuttgart. Allerdings siegte der Uruguayer, wohnhaft in Argentinien, ausschließlich auf heimischem Boden in Südamerika. Auch aus diesem Grund lag die Vermutung nahe, Felix Sturm würde bei seiner ersten Titelverteigung seinen Rivalen mit dem Kampfnamen "El Carbonero" (Kohlenarbeiter) schnell auf die Bretter schicken.

Aber Sturm musste hart für den Erfolg arbeiten. Schon Alcobas Einmarsch in die mit 4.500 Zuschauern gut gefüllte Stuttgarter Porsche-Arena zeigte: Dieser Mann hat einen Auftrag. Komplett austrainiert, muskelbepackt und mit konzentriertem Blick betrat der 28-Jährige den Ring und war sichtlich bereit, Felix Sturm an diesem Abend den Gürtel zu entreißen, um sensationell Weltmeister zu werden. Dass aber Kampfeswille und Ehrgeiz allein im Boxen nicht ausreichen, musste auch Alcoba in den darauf folgenden 12 Runden schmerzlich erfahren.

"Wahnsinn, was dieser Kerl eingesteckt und ausgeteilt hat"

Sturm boxte von Beginn an hoch konzentriert, verteidigte geschickt, ließ Alcoba immer wieder ins Leere laufen und konterte mit schnellen, harten Geraden, die zumeist auch im Ziel landeten. Alcoba seinerseits bewies erstaunliche Nehmerqualitäten, und versuchte selbst mit seinem unorthodoxen Kampfstil Akzente zu setzen. Aus allen Lagen versuchte der Uru mit weit ausgeholten Schwingern den Glückstreffer, ging immer wieder nach vorne, ließ dabei aber gefährliche Aktionen stets vermissen. Sturm war an diesem Abend einfach nicht zu überraschen, stand sicher in der Defensive, perfekt eingestellt von seinem Trainer Michael Timm und konnte zulegen, wenn Aktion und Wertungstreffer gefordert waren.

Dennoch zeigte sich Sturm, übrigens massiv unterstützt von bosnischen Fans und Freunden, nach dem Kampf beeindruckt: "Wahnsinn, was dieser Kerl eingesteckt und ausgeteilt hat, auch wenn man gesehen hat, dass er das ein oder andere Mal gewackelt hat." Noch beeindruckender wird die kämpferische Leistung Alcobas, wenn man den Aussagen seines Managers nach der Pressekonferenz glauben darf. Wie stern.de erfuhr, hatte sich Alcoba bereits in der 5. Runde die linke Schulter ausgekugelt und musste 7 Runden unter starken Schmerzen boxen. Zusätzlich wurde seine Ehefrau im Vorfeld des Kampfes in Argentinien mehrfach wegen Nierensteinen operiert - psychische und physische Belastungen, die Alcoba beim Pressegespräch Tränen in die Augen trieben.

Alcoba stand viel zu offen in der Defensive

Aber vielleicht waren es auch die vielen Schläge, die Alcoba immer noch Schmerzen verursachten. "So viel wie heute Abend musste er in allen seinen Kämpfen zusammen nicht wegstecken. Er hat sehr viele Treffer hinnehmen müssen", musste auch Alcobas Management zugeben. In der Tat war Alcoba mangelnde Routine deutlich anzumerken, viel zu offen stand er in der Defensive, immer wieder schlug es bei ihm ein.

Dass es für Sturm nicht zu dem von den Fans heiß erwarteten Knock-Out langte, lag neben teilweise fehlender Schlagkraft auch an dessen vorsichtiger Kampfausrichtung - zu tief sitzt wohl noch die Erinnerung an den brutalen Niederschlag gegen Castillejo, der ihm im Juli 2006 den Mittelgewichtstitel kostete. Seitdem weiß Sturm: Mit Köpfchen boxt es sich besser! Auch gegen Alcoba überzeugte der Leverkusener mit Reife, Technik und Übersicht - boxerische Qualitäten, die sich Sturm durch hartes Training zu Eigen gemacht hat, und die ihm Möglichkeit geben, den WM-Gürtel noch sehr lange tragen zu dürfen.

Prügeln in Mike-Tyson-Manier ist für ihn kein Thema

"Gewonnen ist gewonnen. Dem K.o. braucht man nicht nachzutrauern. Ich bin 12 Runden konstant gegangen und habe meine Linie durchgezogen, das war das allerwichtigste für mich", machte der "Box-Professor" Sturm noch einmal allen klar. Prügeln in Mike-Tyson-Manier ist für ihn kein Thema mehr, er ist gereift zum Box-Ästheten und effizienten Erfolgs-Strategen.

Auch deshalb ist es für Sturm kein Problem, wohl schon in gut zwei Monaten seinen Titel gegen den US-Pflichtherausforderer Randy Giffin zu verteidigen: "Ich bin bereit, ich fühle mich gut und habe jede Menge positive Energie in mir. Die Strategie nur acht Wochen nach meinem Titelgewinn gegen Alcoba wieder in den Ring zu steigen, hat sich ausgezahlt. Und wenn ich in acht Wochen meinen Titel wieder verteidigen muss - jederzeit!"

Sturm träumt von Amerika

In acht Wochen Griffin - und danach? Auch wenn Sturm Stuttgart richtig lieb gewonnen hat und sich eine Rückkehr durchaus vorstellen kann, träumt er weiter den Traum eines jeden ambitionierten Boxers: Amerika, und dort gegen die Besten der Besten. Jermain Taylor, Winky Wright oder Kelly Pavlik sind die Namen, die Sturm auf der Liste hat und mit denen er sich messen will. Aber das ist Zukunft. Nach dem Sieg gegen Alcoba heißt für Sturm die Gegenwart: Abtauchen, Abschalten, Urlaub machen - und zwar mit Ehefrau Jasmin in seiner zweiten Heimat Bosnien.

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