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FOOTBALL: Der Rammbock

Das Ei fliegt wieder, die Knochen krachen: Am Samstag beginnt in Europa die Football-Saison. Auf Patrick Venzke, den ersten Deutschen in der amerikanischen Football-Liga, warten neue Kampfaufträge. Bis Ende Juni ist er Leitspieler in Düsseldorf.

Guy McIntyre schreit wie ein Spieß. »Den hättest du haben müssen. Fuck. Der darf dir nicht entkommen. Fuck noch mal.« Der Amerikaner reißt sich die Baseballmütze vom Kopf, wirft sie ins Gras und stampft dreimal mit dem rechten Fuß drauf. Schweiß perlt auf seiner Stirn, am Hals pulsieren die Adern. »Stell dich verdammt noch mal nicht so blöd an. Fuck.«

Patrick Venzke

- 199 Zentimeter groß, 140 Kilo schwer - wird von seinem Trainer runtergeputzt. Mal wieder. So wie es dem Deutschen an jedem gottverdammten Tag im Trainingslager passiert. Venzkes Verein, Rhein Fire Düsseldorf, lässt seine Spieler vier Wochen lang in den USA schleifen. Venzke steht da, den Kopf nach unten, die gepolsterten Schultern hängen schlaff herab, seine Arme presst er fest an die Hosennaht. Mit zittriger Stimme schreit er zurück: »Ja, Coach. Ja, Coach.«

Erniedrigen. Quälen. Schinden bis zum UmfallenFootball - ein moderner Gladiatorenkampf

, der auch in Deutschland immer mehr Fans findet. In der europäischen Football League treten sechs Teams gegeneinander an. Drei davon sind deutsche - Frankfurt Galaxy, Berlin Thunder und Rhein Fire Düsseldorf. Gespielt wird einmal pro Woche. Der Ball ist ein Ei. Ein Spiel dauert 60 Minuten und hat vier Viertel. Die Stadien sind meist voll. Das Team aus Düsseldorf etwa hat für die am Samstag beginnende Saison 10 700 Dauerkarten verkauft.

Der Traum jedes Footballers

ist es, einmal in der amerikanischen National Football League (NFL) zu spielen. Mehr als die Hälfte der erwachsenen Amerikaner verfolgt die NFL. Das diesjährige Finalspiel der Profiliga, den Super Bowl, schalteten 130 Millionen Zuschauer ein. Football ist die beliebteste Sportart in den Vereinigten Staaten - und ein Abbild der Gesellschaft. Jeder gegen jeden. Nur der Stärkste überlebt. »Darwinismus auf höchstem Niveau«, sagt Venzke. Für den 27-Jährigen aus Essen ist das »ein Traum«. Als erster Deutscher hat er es in ein amerikanisches NFL-Team geschafft. In eine Liga, in der es nur eine Hand voll Ausländer gibt. Bei den Jacksonville Jaguars spielte Venzke in der vergangenen Saison auf der Position des »Tackle«. Venzke übersetzt das so: »Ich bin der Dicke, der die anderen Dicken über den Platz schiebt.« Klingt nett, ist aber ein Kampfauftrag: Block die Gegner weg! Renn sie über den Haufen! Zerr sie zu Boden! Tu alles, um deinen Quarterback - der die Bälle an deine Kollegen verteilt - zu beschützen. »Kommt trotzdem einer an mir vorbei, denke ich jedes Mal: Mann, bin ich wertlos.«

In diesem FrühjahrUnd ein Venzke macht, was ihm gesagt wird

- »auch wenn es weh tut und ich lieber am Pool liegen würde«. Sein Trainer sagt: »Patrick reißt sich den Hintern auf, um ins Team zu kommen.« Denn Venzke weiß, dass er ersetzbar ist. »Während ich hier schufte, haben die in Jacksonville vielleicht schon meinen Nachfolger gefunden.« Sogenannte Scouts reisen durch die Schulen und Unis im ganzen Land und sichten die Teams. Talentierte Nachwuchsspieler werden in Camps eingeladen. »Jeden Tag karren die mit Bussen 20 bis 30 gierige Jungs ran, die vorspielen dürfen und alles dafür geben, damit sie meinen Job kriegen«, sagt Venzke. Und schiebt hinterher: »Es sind garantiert welche dabei, die schneller sind als ich. Die böser sind als ich. Die wissen, wofür sie rennen. Denn sie kommen aus einem kleinen, miesen Slum.«

Und sie wollen einen Vertrag

. So einen wie Venzke hat. Sein Gehalt kriegt er wöchentlich. »Hast du ein schlechtes Training, kann es sein, dass du morgen nicht mehr dabei bist«, sagt Venzke. Dann gibt es auch kein Geld mehr. »Wer sich verletzt, kriegt eine kleine Entschädigung und wird aus der Mannschaft geworfen.«

Venzke plaudert über Mitspieler, die nicht aufgeben wolltenSeit elf Jahren baumelt ein kleines NFL-Emblem

aus Plastik an einem Band um seinen Hals. »Das habe ich mir besorgt, nachdem ich zum ersten Mal einen Football in der Hand hatte.« Ein Freund hatte ihn damals zum Training mitgenommen. »Ich wusste sofort, dass ist mein Sport.« Danach ist alles sehr schnell gegangen. Mit 17 ging er in die USA, spielte in einer College-Mannschaft. Nach Abitur und Wehrdienst in Deutschland ergatterte er ein Stipendium an der Universität von Idaho und wurde danach ins Trainingslager der Jacksonville Jaguars eingeladen. Vier Wochen kämpfte er um einen Platz im Kader. Jeden Tag wurden Spieler nach Hause geschickt.

Ventzke durfte bleiben.

»Es war der stolzeste Moment meines Lebens, als ich zum ersten Mal mit meinem Team ins Stadion einlief.« Welchen Preis hat er dafür gezahlt? »Ich bin durch die Hölle gegangen«, sagt Venzke. »Meine Kinder sollen das nie durchmachen müssen. Sie dürfen Tennis spielen oder was auch immer - aber niemals Football.«

Alexandra Kraft

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