Frauenboxen "Killer-Queen" prügelt Fallobst weich


Box-Weltmeisterin Susi Kentikian ist bekannt für ihre gnadenlosen Auftritte, doch diesmal hatte sie Mitleid. Herausforderin Sarah Goodson von den Philippinen hatte der Fliegengewichts-Championesse nichts entgegen zu setzen.
Von Susanne Rohlfing

Am Ende hat Susi Kentikian Mitleid. In der dritten Runde unterbricht sie ihren Schlaghagel, wartet, dass der Ringrichter reagiert, schlägt noch einmal zu, als dieser es nicht tut, wartet wieder ab und hebt etwas ratlos beide Arme seitlich in die Höhe. In diesem Moment ist die 20 Jahre alte Box-Weltmeisterin keine "Killer-Queen", wie ihr Kampfname suggeriert, sie ist ein Mensch mit dem gesunden Instinkt, einem hilflosen Gegenüber nicht weh zu tun. Schließlich merkt auch der Ringrichter in der Sporthalle Hamburg, dass die Philippinin Sarah Goodson völlig wehrlos da steht und bricht den Kampf ab. Damit bleibt die in Hamburg lebende Armenierin Kentikian Fliegengewichts-Weltmeisterin der beiden Verbände WIBF und WBA.

"Diese Gegnerin war einer Weltmeisterschaft nicht würdig, das ist absolut schade", kommentierte in der Nacht zum Samstag Kenitkians Ex-Kollegin Regina Halmich, deren WIBF-Gürtel die Armenierein in ihrem letzten Kampf gegen Nadia Hokmi erobert hatte. Halmich übt sich seit ihrem sportlichen Rücktritt in ihrer neuen Wunsch-Profession als Moderatorin bei den "Fight-Nights" von Pro 7 an der Seite von Jan Stecker. Dass es ihr dabei noch an Erfahrung fehlt, ist nicht zu übersehen, zu selten lässt sie den Zuschauer an ihrem Fachwissen teilhaben. Immerhin gab sie den Kentikian-Managern von Spotlight Boxing, einem Schwesterunternehmen der Hamburger Universum Box-Promotion von Klaus-Peter Kohl, noch einen Hinweis mit auf den Weg: "Man muss sich nicht fürchten, Susi Kentikian größere Aufgaben zu geben."

Der neue Star des Frauenboxens

Kentikian hat nach Halmichs Rücktritt die besten Aussichten, das neue Zugpferd des deutschen Frauenboxens zu werden. Sie ist jung, sie ist quirlig, sie verfügt über einen aufregenden Boxstil. Kentikian selbst ahnt aber wohl, dass sie mit Kämpfen wie dem gegen Sarah Goodson keine Pluspunkte sammeln kann. Schon Minuten nach ihrem K.-o.-Sieg forderte sie: "Ich will gegen die Top-Fünf der Welt boxen, ich will die Titel vereinigen." Unterdessen machte Pro 7 mit der Übertragung des Kampfes wenig Werbung für sein Boxengagement und viel Werbung für allerlei andere Dinge. Zwar wurde der Zuschauer von der RTL-typischen, relativ sinnlosen zur Schau Stellung mehr oder minder prominenter Menschen verschont, doch die ewig langen Werbeblocks kosteten ähnlich viele Nerven. Und die Befragung von Susi Kentikian hätte im Anschluss ruhig etwas ausführlicher ausfallen dürfen, nach dem Kurzauftritt im Ring hatte sie sicherlich genug Luft für mehr als zwei Antworten.

Augen zu vor dem Schlag

"Ich wollte erst mal gucken, wie die Gegnerin schlägt und was sie schlägt, ich wollte die Lücken finden", sagte Kentikian noch, "und dann hat alles super geklappt". Dann, das war in der dritten Runde, als Kentikian ihren ersten ernst zu nehmenden Angriff startete. Schon zuvor hatte Goodson bei den eigenen Schlägen die Augen geschlossen, hatte wilde Schwinger in die Luft geschmettert und keinerlei Anstalten gemacht, Kentikians Fäusten auszuweichen. Die 34-Jährige ist zwar Weltmeisterin im Minimumgewicht bis 45 Kilo, aber mit jetzt 16 Niederlagen in 43 Kämpfen spricht schon ihr Kampfrekord nicht gerade für ihre boxerische Finesse. Und die fünf Kilo, die sie sich für den Kampf gegen Kentikian angefuttert hatte, waren mehr Speck als Muskelmasse. Den ultimativen Angriff der Titelverteidigerin ließ Goodson mit erhobenen Fäusten über sich ergehen wie ein lebender Sandsack. Einige harte Körpertreffer setzten ihr jedoch derart zu, dass sie ins Schwanken geriet – bis der Ringrichter endlich ein Einsehen hatte.

Keine Gnade

"Ein Boxer darf nicht weich sein. Du kannst nicht deinen Gegner schlagen und dann sagen: O, tut mir leid", hat Kentikian mal gesagt. Für diese Einstellung ist sie bekannt. Im wahren Leben durfte das nur 1,54 Meter große Kraftpaket mit der dunklen Lockenmähne nie weich sein. 1996 flüchtete sie mit ihrem Vater, ihrer Mutter und ihrem Bruder aus Armenien. Die Familie lebte auf einem Asylbewerberschiff und in einem kleinen Zimmer eines Asylbewerberheims. Ständig war sie von der Abschiebung bedroht. Kentikian ging putzen, um das Familieneinkommen aufzubessern. Das Glück kam erst mit Kentikians sportlichem Erfolg. Als Amateurin wurde sie Hamburger und Norddeutsche Meisterin, doch bereits nach 25 Kämpfen wechselte sie 2005 ins Profilager. Seit Februar 2007 ist Kentikian nun Weltmeisterin. Mit ihrer Popularität steigen auch ihre Gagen. Längst hat die Familie eine Aufenthaltsgenehmigung. "Da waren halt Momente, wo man das Leben nicht wirklich genießen konnte", sagt sie über ihre ersten Jahre in Deutschland. "Wir haben damals ganz normal gelebt, aber wir waren nicht glücklich. Jetzt sind wir glücklich." Und vor einem Kampf lässt Kentikian die deutsche Nationalhymne spielen. "Im Training bin ich anders", hat die "Killer-Queen" auch mal gesagt. "Da passe ich auf, wenn eine Gegnerin Nasenbluten hat." Sarah Goodson hatte Freitagnacht ein blutiges Auge und saß noch während der Urteilsverkündung schwer atmend in ihrer Ecke. Susi Kentikian hatte Mitleid, denn für sie waren die gerade absolvierten Runden kaum mehr als eine lockere Trainingseinheit.


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