Gesperrter Radprofi Kohl "Das halbe Feld nimmt Cera"

Neue schwerwiegende Vorwürfe gegen den Radsport: Der wegen Dopings überführte Österreicher Bernhard Kohl hat viele seiner Kollegen bezichtigt, die Epo-Substanz Cera zu nehmen. Außerdem soll der ehemalige Gerolsteiner-Profi in Verhören mit dem BKA Namen genannt haben.

Der von der österreichischen Anti-Doping-Agentur für zwei Jahre gesperrte Bernhard Kohl hat große Teile der Radprofis des Dopings verdächtigt. "Das halbe Feld nimmt Cera", zitierte am Donnerstag der Internetanbieter "cyclingnews" den Tour-de-France- Dritten. Darüber hätte es im Fahrerfeld laut Kohl unter den Profis einen regen Informationsaustausch gegeben.

Hintergrund

Cera, eine Epo-Substanz der dritten Generation, wurde von der Pharma-Firma Hoffmann-La Roche zur Behandlung von Blutarmut bei Nierenkranken entwickelt und ist unter dem Produktnamen Mircera erhältlich, das 2007 in der EU zugelassen wurde. Aber schon 2004 tauchten im Sport die ersten Gerüchte über eine neue Epo-Substanz auf, die die Ausdauer enorm erhöht. Erst kurz vor der diesjährigen Tour de France gelang es mit Hilfe von Hoffman-La Roche das alte Epo-Testverfahren zu verfeinern und Cera nachzuweisen.

Cera stimuliert die

vermehrte Bildung von roten Blutkörperchen

. So kann das Blut des Athleten mehr Sauerstoff transportieren:

Die Ausdauer ist erhöht.

Außerdem wird die

Regenerationszeit verkürzt

- ein enorm wichtiger Faktor gerade bei Ausdauer- Sportarten wie dem Radrennen. Der Vorteil zu herkömmlichen Epo ist, dass es viel länger und stärker wirkt. EPO muss ein bis zweimal pro Woche injiziert worden, Cera nur alle zwei bis vier Wochen.

In einer früheren Aussage vor dem Bundeskriminalamt im Zuge der Ermittlungen um Doping-Vergehen im T-Mobile-Team während der Tour de France 2006 hätte Kohl nach Angaben des Internetdienstes "Namen genannt. Das hieße, dass in die laufenden Ermittlungen Bewegung kommen könnte. Bereits vor Wochen hatte der Freiburger Staatsanwalt erklärt, es hätte weitere Aussagen "von einem Zeugen" gegeben.

Die Freiburger Behörde ermittelt wegen des Verdachts des Blutdopings in der Freiburger Uniklinik, in der bis zu ihrer Entlassung die früheren Telekom- und T-Mobile-Teamärzte Lothar Heinrich und Andreas Schmid Dienst taten. Der geständige ehemalige T-Mobile-Profi Patrik Sinkewitz hatte Blutdoping während der Tour 2006 in Freiburg zugegeben. Der Kletter-Spezialist Kohl, zuletzt im Team Gerolsteiner beschäftigt, fuhr in den Jahren 2005 und 2006 mit mäßigem Erfolg für das Bonner Team.

Zahlreiche weitere Dpoingfälle werden folgen

Unterdessen hat der Präsident des Weltverbandes UCI, der Ire Pat McQuaid, am Donnerstag auf einem internationalen Anti-Doping-Forum in Berlin angekündigt, dass nach den Affären Stefan Schumacher und Bernhard Kohl möglicherweise weitere Dopingfälle aufgedeckt werden. Die Indizien für die neuen Fälle lieferte der von der UCI in diesem Jahr als erster internationaler Sportverband eingeführte Biologische Pass, den bereits rund 800 Radprofis haben.

Die darin lückenlos dokumentierten Blutprofile, sagte McQuaid, hätten in einigen wenigen Fällen "Unregelmäßigkeiten" ergeben. Dies lasse auf die Anwendung verbotener Substanzen oder Methoden schließen. Derzeit, meinte der UCI-Chef, befassen sich noch die Juristen der UCI mit den Fällen.

Mehr Kontrollen während des Trainings gefordert

Zuvor hatte der schwedische Wissenschaftler Bengt Saltin im Kampf gegen Doping ein radikales Umdenken und deutlich mehr Trainings- statt Wettkampfkontrollen gefordert. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) sei "dumm", wenn es glaube, dass es die 1000 Tests mehr während der Olympischen Spiele in Peking im Vergleich zu Athen 2004 als Erfolg verkaufen kann. "Hätte man diese Kontrollen zwischen den Saisons gemacht, hätten wir 1000 positive Fälle gehabt", sagte der renommierte Physiologe.

Während der "heißen" Wettkampfphase zu testen, sei naiv, vergeblich und vergeude Ressourcen. "Da werden ja höchstens noch Amphetamine und Diuretika zur Verschleierung genommen. Die Leichtathleten musst du vor allem im Winter kontrollieren, die Skiläufer im Sommertraining", forderte Saltin, der in Deutschland vor allem durch sein Gutachten im Fall der Skilangläuferin Evi Sachenbacher-Stehle (November 2006) bekannt wurde.

DPA/tis DPA

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