HOME

Handball-Funktionär Butzeck: "Unser Präsident ist untragbar"

Der deutsche Handball kommt nicht zur Ruhe. Bestechungsvorwürfe gegen Rekordmeister THW Kiel und deutsche Schiedsrichter - stern.de hat mit Gerd Butzeck, dem Chef der mächtigen Group Club Handball (GCH), über Bestechung und den zwielichtigen Präsidenten des Weltverbandes gesprochen.

Herr Butzeck, zwei mutmaßliche Skandale belasten derzeit den deutschen Handball. Wo liegt das Kernproblem?

In den Strukturen, im Regelwerk der Schiedsrichter. Ihre Macht ist einfach zu groß. In manchen Situationen beurteilen sie nicht mehr das, was sie sehen – sondern sie beurteilen ein subjektives Empfinden. Zum Beispiel in der Frage des passiven Spiels. Da müsste man ihnen viel weniger Spielraum lassen.

Eine große Faszination dieser Sportart liegt ja darin, dass Spiele auf hohem Niveau eng ausgehen. Eine knifflige Entscheidung, schon dreht sich das Ergebnis. Doch plötzlich ist genau das ein Teil des Problems.

Aber das ist doch auch das Tolle am Handball, dass man nicht bis zur 50. Minute warten muss, bis etwas passiert. Jeder Sportfan liebt solche Spiele, auch ich. Nur wird die Aufgabe der Schiedsrichter dadurch immer schwieriger. Und es wird viel zu wenig getan, um sie aus der Schusslinie zu nehmen.

Was müsste passieren?

Andere Sportarten machen es bereits vor. Im Fußball haben Schiedsrichter seit Jahren keinen Kontakt mehr zu den Vereinen. Im Basketball gehen sie noch einen Schritt weiter: Da ist im Vorfeld gar nicht bekannt, wer das Match pfeift. Die Schiris kommen eine Stunde vor Anpfiff, leiten das Spiel und gehen wieder.

Wie ist es im Handball?

Da bekommen sie als Schiedsrichter das Rundum-Sorglos-Paket. Man holt sie vom Flughafen ab, dann gibt es meist eine Stadtrundfahrt, sie werden zum Abendessen eingeladen, ins Hotel gebracht und am nächsten Tag wartet das Shuttle zum Flughafen. Viele Vereine haben ein Problem damit, sie haben kein Gefühl für das richtige Maß. Sie denken, dass sie zu wenig tun, weil andere mehr tun. Und dann wiederum haben sie Angst, es zu übertreiben. Die Verbände müssten den Vereinen dieses Problem eigentlich aus der Hand nehmen.

Wie könnte das gehen?

Ich glaube, man kann von jedem Schiedsrichter erwarten, dass er selbstständig vom Flughafen in sein Hotel kommt. Auch andere Gewohnheiten sollten wir angehen. Handball-Schiedsrichter reisen immer im Doppelpack, das muss man sich vorstellen wie ein altes Ehepaar. Die Frage ist: Muss das sein? Warum kann nicht, wie im Basketball, mal ein Pole zusammen mit einem Dänen pfeifen?

Damit hätte man die Regeln geändert, nicht aber die Strukturen…

Dann kommen wir mal zum Kern des Problems. Nämlich, dass wir im Weltverband einen Präsidenten haben, der eigenmächtig Schiedsrichteransetzungen geändert hat, was dann wegen Schiebung des Spiels zur Neuansetzung des Olympia-Qualifikationsturniers führte; der über 500.000 Schweizer Franken aus der Verbandskasse genommen hat, ohne jemals Belege abzuliefern. Der vier Jahre nach der Heim-WM in Ägypten noch 700.000 Dollar des ägyptischen Verbandes auf einem Konto in Frankreich deponiert hat. Und der bis heute die Bedeutung der Doping-Thematik nicht verstanden hat.

Sie sprechen von Hassan Moustafa?

Ja. Nehmen wir ein Beispiel, das vorolympische Turnier 2004 in Athen. Da gab es einen riesigen Skandal um die ägyptische Nationalmannschaft. Die Hälfte der Spieler saß auf der Tribüne, durfte nicht mitspielen. Man hatte den Präsidenten nicht informiert, dass auch die Dopingeinrichtungen getestet werden. Ich war dabei, als Moustafa den Präsidenten der medizinischen Kommission dafür erst rund machte, um ihn dann ein Jahr später komplett abzusägen – weil er Moustafa die Kontrollen nicht angekündigt hatte. Und gerade kürzlich hat er wieder gefordert, über jede Dopingkontrolle im Vorfeld informiert zu werden. Unser Präsident ist untragbar.

Wie geht der Deutsche Handballbund (DHB) mit Moustafa um?

DHB-Präsident Ullrich Strombach unterstützt ihn, das verstehe ich überhaupt nicht. Neulich hat sich Moustafa übrigens von seinem Vorstand absegnen lassen, dass er über jede Summe frei verfügen könne, um vor dem im Juni anstehenden Wahlkongress kleinere Verbände zu „unterstützen, wie wir das in der Vergangenheit auch getan haben“. Mit so einem Menschen an der Spitze dürfen wir uns nicht wundern, wenn im Handball jetzt ständig die Rede von Korruption und Bestechung ist.

Gibt es Absichtserklärungen der Klubs, mit denen sie sich zur vollen Aufklärung solcher Fälle wie in Kiel oder Moskau verpflichten?

Nein, wir haben im Handball keine Anti-Korruptions-Konvention wie es sie in weiten Teilen der Wirtschaft gibt.

Jetzt mal aus der Perspektive des normalen Fans gesprochen, der den Handball liebt, der dann aber von so einem Präsidenten hört und die aktuellen Schlagzeilen verfolgt – der verliert doch komplett den Glauben.

Keine Frage. Und wenn sich die Vorwürfe gegen den THW Kiel in irgendeiner Form bewahrheiten, dann ist das mehr als fatal. In Kiel reduziert sich derzeit alles auf die Frage, ob der ehemalige Trainer Noka Serdarusic die Wahrheit gesagt hat – er hat den THW ja im Unfrieden verlassen, im Streit mit dem langjährigen Manager Uwe Schwenker. Es kann sein, dass Serdarusics Aussage ein Rachakt an Schwenker war. Wenn ja, dann wäre das in einer Preisklasse, die ich hier nicht weiter kommentieren möchte.

Und was, wenn nicht? Wäre dann nicht alles zerstört, was sich der deutsche Handball seit dem Gewinn der Heim-WM 2007 aufgebaut hat?

Ja, das könnte passieren. Denn man muss auch bedenken, dass sich der Handball gerade in sehr aussichtsreichen Verhandlungen mit RTL über die Vermarktung der Champions League befindet, auch ARD und ZDF zeigen Interesse. So gut wie im Moment waren die Zahlen noch nie.

Man stelle sich einmal vor, dieser Skandal fände in der Fußball-Bundesliga statt, und Uli Hoeneß taucht einfach unter... es wäre ein Gau.

Na ja, was wir jetzt haben ist auch ein Gau. Da darf man sich nichts vormachen. Der Schaden ist enorm, egal wie die Geschichte ausgeht. Uwe Schwenker hat sich aber übrigens nur drei Tage Urlaub genommen.

Sie haben selbst zehn Jahre gepfiffen...

... ja, und ich war Delegierter bei über hundert internationalen Spielen, zum Beispiel im Finale der Handball-EM 2000.

Wurden Sie in dieser Zeit jemals angesprochen?

Nein. Niemals. Als Delegierter bei der europäischen Handball-Föderation (EHF) ist mir ein Mal gesagt worden, dass es einen Bestechungsversuch von Seiten eines Funktionärs gegeben habe. Die Schiedsrichter sagten mir, sie hätten sich kaputt gelacht und abgelehnt. Ich habe es der EHF gemeldet. Damit hatte sich das.

Auch Sie waren im Sommer 2007 zu Gast auf der Finca von HSV-Präsident Andreas Rudolph, als sich Uwe Schwenker verquatscht haben soll. Die Ermittlungen laufen – haben Sie sich schon bei der Staatsanwaltschaft gemeldet?

Die Herren haben sich für diese Woche bei mir angemeldet. Aber ich glaube nicht, dass es für die Ermittlungen entscheidend sein kann, was im Sommer 2007 nach mehreren Flaschen Wein und Whiskey in lustiger Herrenrunde daher geredet wurde.

Alkohol kann aber auch die Zunge lockern...

Aber es ist doch überall dasselbe, ob in Handballkreisen oder im Fußball. Wenn man zusammensitzt und ein bisschen was trinkt, irgendwann kommt die Sprache auf die Schiedsrichter. Uwe Schwenker hat zu keinem Zeitpunkt behauptet, das Finale 2007 verschoben zu haben. Das hat er ganz bestimmt nicht, denn da hätten wir nicht drüber gelacht.

Die nächsten Wochen werden schwer für den Handball, auch für Sie als Verbandsboss. Wie kann man die Wertschätzung für diesen Sport aufrecht halten?

Wir müssen das als Chance sehen, uns zu verbessern. Wir haben jetzt eine Menge öffentlichen Druck, dem dürfen wir nicht ausweichen. Und natürlich müssen wir einen Weltverbands-Präsidenten bekommen, der über jeden Zweifel erhaben ist.

Welche Veränderungen muss es im DHB geben?

Die Deutschen sind in allen Gremien der EHF völlig unangemessen repräsentiert. Dagegen muss der DHB endlich einmal angehen. Die größten nationalen Verbände in Europa sind Deutschland, Dänemark und Spanien. Die sind aber in der Exekutive der EHF nicht vertreten. Dafür ein Tscheche, ein Holländer, ein Italiener, ein Türke. Wir stellen momentan den stellvertretenden Kassenprüfer. Im Weltverband sieht es nicht viel besser aus. Ullrich Strombach sollte gegen Hassan antreten, statt ihn zu unterstützen.

Interview:Iris Hellmuth und Christian Ewers

Wissenscommunity