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Hochspringerin Ariane Friedrich: In die Herzen gesprungen

Ariane Friedrich hat den Sprung nach ganz oben verpasst - weil der Druck zu groß war. Doch obwohl es nicht für den WM-Sieg, sondern nur zu Bronze gereicht hat: Die Hochspringerin ist auf dem Weg zum Star. Von Klaus Bellstedt, Berlin

Im Stadion wurde gerade Robert Harting oberhalb des Marathontors mit der Goldmedaille für seinen WM-Sieg im Diskuswerfen geehrt. Dazu lief die deutsche Nationalhymne. Es war eine andächtige Stimmung im endlich voll besetzten Olympiastadion. Ariane Friedrich, das Gesicht der deutschen Leichtathletik, stand zur selben Zeit unten auf der Tartanbahn nur wenige Meter von Harting entfernt und bereitete sich auf ihren ersten Versuch im Hochsprung-Wettbewerb vor. Sie hielt während der Hymne kurz inne, blickte auf zu Harting und führte ihre Hand zum Herzen. In diesem Moment träumte sie vom eigenen WM-Sieg.

Zwei Stunden später stand aber nicht Ariane Friedrich auf dem obersten Treppchen, sondern ihre kroatische Konkurrentin Blanca Vlasic. Deutschlands größter Goldhoffnung blieb "nur" Platz drei. Die Russin Anna Chichterova schob sich sogar noch auf den Silberplatz und damit zwischen die beiden Topfavoritinnen auf den Titel. Am Ende trennten die Drei ganze zwei Zentimeter. Aber Ariane Friedrich war hinterher gar nicht traurig darüber, dass es nicht zum ganz großen Wurf gereicht hatte: "Das ist Sport, Gewinnen und Verlieren liegen eben ganz dicht beieinander", meinte die strahlende "Verliererin", die auch in Berlin wieder unter den Kniestrümpfen Kompressions-Socken zur besseren Durchblutung der Waden trug. "Jede internationale Medaille ist sehr viel wert", schob sie dann noch hinterher. Das war kein Blabla. Ihre Freude über Bronze kam von Herzen.

"Der Druck war schlimm"

Ganz Berlin war auf den Zweikampf zwischen Ariane Friedrich und der Kroatin Blanka Vlasic gespannt. Schon einmal trafen sich die zwei im Berliner Olympiastadion. Das war im Juni bei der WM-Generalprobe, dem alljährlich stattfindenden Istaf. Es war ein Psychospielchen, bei dem die Frankfurterin ihrer Konkurrentin damals mit Weltjahresbestleistung und übersprungenen 2,06 Meter den Nerv raubte. Und weil es damals mit 2,06 Meter so gut klappte, ließ die angehende Polizeikommissarin auch beim WM-Showdown diese Höhe auflegen. Aber jetzt war es eine Flucht auf diese Höhe, ein letzter Ausweg gewissermaßen. Zweimal zuvor hatte Ariane Friedrich die 2,04 Meter gerissen. Vlasic hatte diese Höhe bereits gemeistert. Der Hochsprung-Wettbewerb steuerte auf seinen Höhepunkt zu. "Der Druck war schlimm, er war unglaublich", gab die 25-Jährige hinterher zu.

Im Olympiastadion herrschte vor diesem 2,06-Meter-Versuch von Ariane Friedrich eine knisternde Atmosphäre, die wohl keiner der Anwesenden dieses hochklassigen Hochsprung-Spektakels je vergessen wird. Die Menschen hielten den Atem an, als die Frau mit den weißblond gefärbten Haaren anlief. Ein Aufschrei der Ekstase ging durch die Arena, weil es auf den ersten Blick so schien, als würde die Latte nicht fallen. Aber sie fiel dann doch noch - und der Jubelschrei schlug innerhalb einer Hundertstelsekunde in blankes Entsetzen um. Ariane Friedrich wäre mit dieser Höhe ziemlich wahrscheinlich Weltmeisterin geworden. So musste sie am Ende nicht nur Blanca Vlasic mit übersprungenen 2,04 Meter, sondern auch der der Russin Chichterova, die für die 2,02 Meter im Gegensatz zu der Deutschen nur einen Versuch benötigte, den Vortritt lassen.

"Ich bin einfach nur noch froh, dass alles vorbei ist." Ariane Friedrich war nach dem Wettkampf die ganze Anspannung immer noch ins Gesicht geschrieben. Immer wieder sprach sie von dem brutalen Druck, der auf ihr gelastet hat und weswegen sie sich im Vorfeld der WM zunehmend abgekapselt hatte. Fast alles hatte sich vor dieser WM auf sie fokussiert. Zwar wurde ihr durch die beiden Goldmedaillen von Steffi Nerius und Robert Harting etwas von der Last genommen, aber es reichte dennoch nicht ganz für dieses Psycho-Spiel Hochsprung, in dem es letzten Endes darum ging, wer bei dem Dreikampf um Gold die besseren Nerven haben würde.

Im Vorfeld dieser WM galt Ariane Friedrich als eigenbrötlerische Zicke und auch ein bisschen als Diva. Die Fans hatten keinen rechten Zugang zu ihr. In Peking bei den Olympischen Spielen wurde sie nach ihrem siebten Platz sogar beschimpft. So übel, dass sie weinen musste. Das hat sich nach der Weltmeisterschaft und mit dem Gewinn ihrer Bronzemedaille nun grundlegend geändert. Die Zuschauer jubelten der sympathischen Sportlerin mit dem hinreißenden Lächeln auf ihrer Ehrenrunde frenetisch zu. Ariane Friedrich wurde in Berlin zu dem Star, den sich die deutsche Leichtathletik so sehnlichst gewünscht hat. Und das, weil sie einfach großen Sport geboten hat.

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