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Frank Busemann im Interview: "Der Verdacht läuft mit"

Am Wochenende beginnt in Berlin die Leichtathletik-WM. Im Gespräch mit stern.de spricht der ehemalige Zehnkämpfer und Silbermedaillengewinner von Atlanta, Frank Busemann, über deutsche Medaillenchancen und Doping-Zweifel.

Herr Busemann, wie stehen die Chancen für die deutschen Starter bei der Weltmeisterschaft?
Schlimmer als bei Olympia im letzten Jahr, mit nur einer Bronze-Medaille, kann es für die deutschen Leichtathleten kaum werden. Wir haben nicht so eine starke Mannschaft wie in den 80er, 90er Jahren, aber mit Weitspringer Sebastian Bayer, Hochspringerin Ariane Friedrich und Diskuswerfer Robert Harting kommen junge Athleten nach, die auch Topleistungen bringen und Medaillen holen können.

Wie sieht Ihr Medaillen-Tipp aus?
Friedrich und Harting werden sicher ganz weit vorne landen. Friedrich ohne Medaille - das wäre eine herbe Enttäuschung. Sie ist in meinen Augen die Gejagte. Die kroatische Hochspringerin Blanka Vlasic hat zwar mehr Erfolge vorzuweisen, aber Friedrich war dieses Jahr deutlich stärker.

Warum ist sie plötzlich so gut?
Sie hat kontinuierlich ohne Verletzungen trainiert und auch Rückschläge wie Olympia letztes Jahr verkraftet. Hätte sie in Peking eine Medaille ergattert, wäre alles gut gewesen. Da sie aber Platz sieben erreichte, musste sie ihrem Misserfolg direkt ins Auge blicken. Sie hat diesen Misserfolg zu ihren Gunsten genutzt und an ihren Schwächen gearbeitet.

Wer wird es schwer haben?
Christina Obergföll. Sie hat zwar ein riesiges Potential, aber auch eine riesige Streuweite. Wenn sie gut drauf ist, kann sie Weltrekord werfen. Kribbelig wird es nur, wenn sie, wie bei der DLV-Gala in Wattenscheid, nur 60,33 Meter wirft. Auch Diskuswerferin Franka Dietzsch hatte zuletzt Probleme mit einigen Verletzungen und ist mit 41 Jahren nicht mehr die Jüngste. Selbst die Ex-Kugelstoßerin Astrid Kumbernuss hat ihr geraten, nicht teilzunehmen. Bei Athleten dieser Klasse ist es immer die Frage, ob sie nicht selbst ihr eigenes Denkmal zerstören. Wer drei Mal Weltmeisterin war und Wettkämpfe auf höchstem Niveau abgeliefert hat, muss hinterfragen, ob es nicht irgendwann genug ist. Man könnte auch behaupten, sich diesem Wettkampf noch mal zu stellen, hat Größe. Bei einer 20-Jährigen kann es passieren, dass sie mit der WM-Motivation im Rücken sieben bis acht Meter weiter wirft, aber bei so einer erfahrenen Athletin ist das eher unwahrscheinlich.

Gehört Sebastian Bayer auch zu den "Problemfällen"?
Bayer war dieses Jahr nicht so beständig. Er hat zwar das Potential, aber das muss er in seinen sechs Sprüngen auch abrufen. Trainingsweltmeister gibt es genug - im Training bin ich auch schon 10.30 ge-sprungen (lacht). Aber Sebastian hat seine Bestleistungen immer bei Meisterschaften gebracht.

92 deutsche Athleten gehen an den Start. Darunter auch viele mit mäßigen Bestleistungen. Gibt es jetzt trotzdem mehr Medaillen?
Nein, das glaube ich nicht. Die Athleten, die Chancen auf eine Medaille haben, wären sowieso dabei gewesen. Dass über 100-Meter drei deutsche Sprinter an den Start gehen, finde ich schon toll. Wenn man Gastgeber ist, dann muss man sich auch sehen lassen. Schließlich haben sie nur 14,50 Euro Anreisekosten (lacht). Wer auf den letzten Drücker mit reingerutscht ist, der wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht Weltmeister.

Welche Nominierung hat sie besonders überrascht?
Die des Dreispringers Charles Friedek. Weil er mit Ende 37 natürlich nicht mehr der Allerjüngste ist - wir sprechen hier nicht von einem Perspektivathleten.

Tobias Ungers persönliche Bestzeit liegt bei 10,16 Sekunden auf 100 Metern. Usain Bolt läuft auf nasser Bahn und mit offenen Schuhen deutlich unter 10 Sekunden. Inwieweit sind die deutschen Athleten überhaupt konkurrenzfähig?
Die Sprinter teilen sich in zwei Lager. Einmal die Kategorie Bolt und Gay und dann das restliche Feld. Ich wünsche mir, dass der deutsche Sprint den deutschen Staffel-Rekord über 4x100 Meter angreift. In der Einzelwertung haben sie aber keine Chance. 10.15 Sekunden ist für einen Deutschen eine super Zeit - für Bolt und Co. sind das nur Vorlaufzeiten.

Woran liegt das?
Es ist schwer nachzuvollziehen, dass Ben Johnson, gedopt bis obenhin, 9.79 Sekunden läuft und die heutigen Sprinter das mit offenen Schuhen und angeblich sauber schaffen. Der Verdacht läuft immer mit. Weil auf diesen Distanzen in der Vergangenheit viel gedopt wurde, hat sich der Sprint das auch selbst zuzuschreiben. Das wird sich so schnell nicht ändern.

Der Diskuswerfer Robert Harting hat kürzlich in einem Interview gesagt: "Manchmal frage ich mich, ob es nicht besser wäre, Doping in irgendeiner Form zu erlauben, so knallhart sich das auch anhören mag." Ist das eine Lösung?
Nein, Doping darf nicht legalisiert werden. Würde Doping freigegeben werden, dann würden alle dopen, bis sie tot umfallen; weil jeder gewinnen will. Es zeigt nur die Machtlosigkeit der Athleten, die immer das Gefühl haben müssen, dass ein Konkurrent dopt. Wir müssen in die Lage kommen, dass wir dem Ersten mit guten Gewissen gratulieren können und ihn nicht als erstes des Dopings bezichtigen.

Glauben Sie, dass Bolt erneut seinen Fabelweltrekord brechen kann?
Wenn er nicht zwei Meter Gegenwind hat, wird er in Berlin noch mal Weltrekord laufen. Es ist nur die Frage, ob er sich wieder ein bisschen austrudeln lässt oder ob Gay den Konkurrenzkampf aufnimmt und wirklich 9.65 Sekunden laufen kann. Wenn das Wetter und der Wind stimmen, wird Bolt eine kleine 9.60er Zeit laufen. Wer kurz nach einem Autounfall über 150 Meter 14.38 Sekunden läuft, der hat ein unbegreifliches Niveau.

Stefan Brand

Wissenscommunity