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Eröffnungsfeier in London 2012 Very British und ohne viel Protz


Die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele war anders, irgendwie heimelig. Die Briten zeigten viel Gefühl. Es könnten Spiele mit Herz werden, hofft stern.de-Kolumnist Frank Busemann.

Die Spiele sind eröffnet! Viel zu lange mussten wir darauf warten. Und ein jeder fragt sich, wie die nächsten 16 Tage werden. Vier Jahre liegt Peking nun zurück, immerzu waberte dieser Hauch Olympia in der Luft, jetzt ist er eindrucksvoll zu einem Sturm geworden. Die Eröffnungsfeier war wie erwartet: britisch. Es ging dieses Mal nicht darum, Vorgängerveranstaltungen in den Schatten zu stellen.

Betrachten wir die Spiele des laufenden Jahrtausends, hat Sydney die Messlatte extrem hoch gelegt. Bis dato die perfekten Spiele. Die Griechen vier Jahre später glänzten mit Geschichte, das war dann auch schnell Geschichte. Es fehlte das Herz, die Feinheit, es war zu grob, aber auch das ist nur das subjektive Empfinden eines Nichtgriechen. Als mich ein Helene nach meiner Meinung zu seinen Spielen fragte und ich diese kundtat, brüllte er mir 120 Dezibel der Entrüstung ins Gesicht. Das war nicht fein.

Die Chinesen hingegen fabrizierten eine epochale Demonstration perfekter Akribie. Sogar Regenwolken waren vor der Führungs-Planung nicht mehr sicher. Die wurden einfach wegchemikalisiert. Natur ist anders, nicht nur deswegen war das nicht so ganz natürlich. Und jetzt also London.

Um die 1.000 Euro für ein Ticket

Anfangs staunten wir nicht schlecht, als Schafe im Innenraum auszumachen waren. Der Tierschutz der Briten ist so besorgt, dass die schnell ins Bett durften. Fachleute fragten sich schnell, wie hochgezüchtete Sprintmaschinen wie Usain Bolt auf einer Weide ohne Umknicken den Einmarsch überleben sollten. Doch schnell wurde Britanniens Geschichte mit zahlreichen Bühnenbildwechseln dargestellt. Das war anders als sonst – aber das hatte Potenzial, Herz zu haben.

Wenn Geld scheinbar keine Rolle spielt, kann man eine 34 Millionen Euro teure Eröffnungsfeier kreieren. Die Eintrittspreise waren gewaltig. Um die 1.000 Euro für eine Karte waren keine Seltenheit (und das Freibier gab es nur bei den VIPs). Wer kann sich das leisten? Bei sieben Milliarden potenziellen Zuschauern wird es immer 80.000 Menschen geben, denen es das wert ist. Wo kann man schon mal die größten Stars der neueren Zeitgeschichte sehen? Die Queen, Paul McCartney, David Beckham, James Bond und dann ist da noch Maskottchen Wenlock ... Au Backe, ein Zyklop. Vielleicht hat der dafür zwei Herzen. Wenigstens das Maskottchen muss ein Fehlgriff sein – über Geschmack lässt sich nicht streiten, aber mir macht er Angst.

Irgendwie heimelig

Wenn wir die Eröffnungsfeier mal genauer beleuchten, wird schnell klar, warum Sportler vier Jahre auf dieses Großereignis trainieren. Stunden vor dem Einmarsch sammeln sich Tausende von Menschen vor dem Stadion und in Katakomben - und warten. Innen wird mit Rambazamba die Hütte zum Kochen gebracht und draußen stehen sich die Sportler die Beine in den Bauch. Dann geht’s los. Traditionell zuerst die Griechen. Die Sportler müssen und dürfen für sich selbst entscheiden, ob sie dieses unglaubliche Gefühl miterleben und wahrnehmen oder aber die Konzentration auf den Wettkampf auf der olympischen Dorfcouch hochhalten. Trotzdem scheint es einem ekstatischen Gefühl gleichzukommen, wenn man die Sportler (und viele Funktionäre) sieht, die wild winkend und fotografierend das Stadionrund erobern. Dann hat der Olympionike die pure Gewissheit – ich habe es geschafft, ich bin dabei! Da geht den Teilnehmern das Herz auf. Ich weiß, wovon ich schreibe.

Diese Eröffnung war ganz schön – anders. Nicht weniger beeindruckend, nicht weniger imposant als seine Vorgänger, trotzdem irgendwie heimeliger. Ich freue mich auf die Spiele mit ihrem Protagonisten und ihren Sportarten. Natürlich auf die Leichtathletik, ich freue mich auf deutsche Medaillenkandidaten, wie Harting, den Achter, Hambüchen, Steiner, Hockey und viele andere, sowie alle Überraschungen, die Deutschlands Sportler zustande bringen.

Spiele mit Herz

Olympia ist auch ein Schaulaufen von Exoten, die noch nie auf einer Kunststoffbahn gelaufen sind und die noch niemals vor 80.000 Menschen Sport gemacht haben – und das haben die wenigsten. Hier werden sie gefeiert und bewundert.

Jetzt freuen wir uns auf das, was kommt. Die Eröffnungsfeier hat das Potenzial angedeutet, dass wir etwas sehen und erleben, was man weder messen noch zählen kann. Spiele mit Herz. Ich habe da ein gutes Gefühl.

Von Frank Busemann, London

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