Schon vor der Siegerehrung zeigte Lucas Pinheiro Braathen ein kleines Tänzchen, aus den Boxen im Schneeregen von Bormio wummerten Samba-Bässe. Nach seiner Fahrt in die Olympia-Geschichtsbücher kamen dem extrovertierten Ski-Star bei der brasilianischen Hymne dann die Tränen.
Mit einem beeindruckenden Erfolg im Riesenslalom hat der 25-Jährige die erste Medaille für ein südamerikanisches Land bei Winterspielen gewonnen - und dann gleich Gold. Dem Schweizer Marco Odermatt auf Rang zwei und dessen Landsmann Loic Meillard blieben die anderen Podestplätze. Während Weltcup-Dominator Odermatt ohne Olympiasieg aus Bormio abreist, ist Braathen nun der große Held.
"Es ist nicht möglich, zu sagen, was ich in meinem Herz fühle", schilderte der gebürtige Norweger im ORF. "Da sind so viele Emotionen. Ich bin so dankbar für alles, meiner Familie, meinen Freunden, meiner Mannschaft." Auch wenn er nun Geschichte geschrieben habe, meinte Braathen: "Mein wichtigstes Ziel ist es, authentisch zu sein und Skifahren zu können als der Mensch, der ich bin."
Schmid nach Verletzungen überraschend stark
Als Braathen mit seiner Goldmedaille um den Hals auch auf dem Podest zu den brasilianischen Tönen mitwippte, hatten die deutschen Starter das Stadion von Bormio schon verlassen. Alexander Schmid wurde 13. und gab sich damit "sehr zufrieden". Der Parallel-Weltmeister von 2023 hatte nach einem Kreuzbandriss in diesem Winter sein Comeback gegeben und sich Mitte Januar noch am Sprunggelenk verletzt hatte. Anton Grammel landete als 15. knapp dahinter.
Fabian Gratz musste eine bittere Enttäuschung hinnehmen: Der 28-Jährige war nach dem ersten Lauf Zehnter, schied im Finale nach einem Fahrfehler aber aus. Das tue sehr weh, sagte er nach dem Rennen niedergeschlagen.
Spektakuläre Rückkehr auf den Spuren von James Bond
Für Pinheiro Braathen erfüllte sich derweil der große Traum - vor allem dank eines famosen ersten Laufs, in dem er fast eine Sekunde zwischen sich und Odermatt legte und die Konkurrenz ratlos zurückließ. Am Ende hatte er 0,58 Sekunden Vorsprung auf Odermatt und 1,17 Sekunden auf Meillard.
Der gebürtige Norweger ist eine der schillerndsten Figuren im alpinen Weltcup - ein echter "Showman", wie er selbst schon mal über sich sagte. 2023 hatte er die Slalom-Gesamtwertung gewonnen. Einen Winter später erklärte er infolge eines Streits um Vermarktungsrechte mit dem norwegischen Verband seinen Rücktritt - unter Tränen und unmittelbar vor dem Saisonauftakt in Österreich.
Doch schon ein Jahr danach, im Oktober 2024, war der extravagante Edeltechniker zurück - und das "Team Pinheiro" geboren. Er starte ab sofort für Brasilien, das Heimatland seiner Mutter, verkündete Pinheiro Braathen damals in einem Edelrestaurant oberhalb von Sölden, am Gaislachkogl-Gipfel. Wo einst der James-Bond-Film "Spectre" gedreht wurde, gab der Alpin-Star den Medienvertretern einen emotionalen Einblick in seine Gefühlswelt.
Belebung für die Ski-Welt - auf und neben der Piste
Er fühle sich auf einer Mission, erklärte Pinheiro Braathen. Er wolle junge Menschen inspirieren und ermutigen, so zu sein, wie sie sein wollen. Er habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass er nicht von jedem geliebt werden könne. Er sei stolz darauf, 200 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer zu repräsentieren. Dennis Rodman im Basketball, Steve Jobs in der Technologie oder Ronaldinho im Fußball - das seien Idole für ihn gewesen, erklärte er.
Doch Pinheiro Braathen, der sich auch schon als Model versuchte, gern schrille Outfits trägt und sich mal die Fingernägel lackiert, belebt die Ski-Welt nicht nur abseits der Piste. Auch sportlich sorgte der sechsmalige Weltcup-Sieger zuletzt wieder regelmäßig für Aufsehen. Vor Olympia fuhr er im Riesenslalom dreimal in Serie auf das Podest - jeweils als Zweiter. Als hätte er sich das i-Tüpfelchen bewusst für die Winterspiele aufgehoben. Die größte Ski-Bühne überhaupt.
Pinheiro Braathen nach Gold: "Wichtig ist, was im Herzen ist"
"Ich hoffe, dass alle zuhause diesen Moment gesehen haben und wissen, dass alles möglich ist", sagte er. Dabei spiele keine Rolle, wie man aussehe oder welche Sprache man spreche. "Wichtig ist, was in deinem Herzen ist."