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Deutsche Medaillenausbeute bei Olympia: So kann es wieder besser werden

Das deutsche Olympia-Team hat die Zielvorgabe in Sachen Medaillen klar verfehlt. Was muss sich ändern im deutschen Sport? Vorschläge von stern.de-Kolumnist Frank Busemann.

Es ist vorbei. 44 Medaillen stehen für die deutsche Olympiamannschaft nach 16 Tagen zu Buche. Damit sind wir besser als noch vor vier Jahren und haben den seit 1992 bestehenden Abwärtstrend gestoppt. Gut gekämpft, Deutschland. Aber es ist nicht so, dass alles glänzt. Mitnichten! Die Bombe zum Platzen brachte die Meldung, dass der vor vier Jahren verhandelte Rahmenplan 86 Medaillen für das deutsche Team 2012 vorsah. Mehr als mit der ersten gesamtdeutschen Mannschaft 1990, die noch vom Sportsystem der DDR profitierte, mehr als das entfesselt auftretende Team der Gastgeber und nur eine Medaille weniger als das größte Volk der Erde, die Chinesen. Nimmt man allein die Medaillenvorgabe zur Hand, war London ein desaströses Ergebnis. Aber war es das wirklich?

Diese 44 Medaillen sind ein befriedigendes Ergebnis. Wir sind Deutschland! Wir haben nicht das Bildungssystem der USA, in dem eine unglaubliche Identifikation mit der Einrichtung stattfindet und Sport einen patriotischen Stellenwert einnimmt. Und wir können auch nicht auf 1,3 Milliarden Menschen zurückgreifen, die mit der Brechstange auf Erfolg getrimmt werden. Trotzdem stellt sich mir die Frage: Warum können wir nicht ein kleines bisschen besser sein? Die Briten haben eindrucksvoll bewiesen, wie es geht. Wie man sich steigern kann.

Eliteschulen sind ein erster Ansatz

Fangen wir bei der Sichtung an. Meist ist es ein Glückstreffer, wenn das richtige Talent bei der dazu passenden Sportart landet. Vielleicht hätte David Beckham nicht all die Jahre mittelmäßig kicken müssen, wenn ihm jemand frühzeitig gesagt hätte, dass Synchronschwimmen perfekt für seine Anmut und Grazie sei. Das DDR-System muss mit Vorsicht beäugt werden, aber bei der Sichtung war klar, dass jeder seine Sportart fand. Das war ein Riesenaufwand, wäre aber auch heute in Zeiten der sogenannten Schulpflicht abgespeckt umsetzbar.

Sportbetonte Schulen oder Eliteschulen des Sports sind ein erster Ansatz, Sport wieder wichtig zu machen. Talente werden dort gezielt begleitet und unterstützt. All das steckt in der Breite noch in den Kinderschuhen und muss sich in den Jahren entwickeln. Bei uns findet das "Scouting" im Nicht-Fußball-Bereich fast immer meist zufällig und unter Aufsicht von Lehrern statt, die in ihrer Freizeit Trainer sind. Mit der Verkürzung der Gesamtschulzeit bleibt weder für Lehrer noch Schüler Raum für Freizeitaktivitäten. Kann Leistungssport Freizeit sein? Anfangs schon, aber dann muss eine Professionalisierung einhergehen. Wie kann es sein, dass Deutschland sich mit Technologien, Kompetenz und Qualität rühmt, sich aber im Sport eine Art Fachkräftemangel breit gemacht hat? Toptrainer gehen ins Ausland, weil Rahmenbedingungen und Bezahlung besser sind. Trainertum findet an der Basis fast ausschließlich ehrenamtlich statt. Schule und Verein müssen viel enger verzahnt werden und Trainer müssen endlich geschätzt werden.

Leistung muss sich wieder lohnen

Dann muss Sport im Allgemeinen wieder sexy werden. Es muss erstrebenswert sein, sich anzustrengen, sich zu messen, Ziele zu haben, Visionen zu entwickeln, Träume zu leben. Sport hat lediglich im Fußball eine kontinuierliche Plattform. In vielen anderen Sportarten existiert die nur bei Olympia. Der monetäre Aspekt einer Betätigung liegt zwangsläufig auf der Hand. Fußballprofi wird als Berufswunsch sicherlich öfter in Freundschaftsbüchern genannt als Marathonläufer. So muss die duale Karriere möglich sein. Ausbildung neben dem Sport unter Berücksichtigung spezifischer Athletenabläufe. Es kann nicht den Weg „alles oder nichts“ geben. Wenn die Sportinvalidität überrascht, darf es keinen freien Fall der Psyche geben. Klar kann der Sportler nichts auf der Welt besser als Sport, dennoch muss es Förderer (wie Bundeswehr und Polizei) geben, die ein gehaltvolles zweites Standbein schaffen. Sportler können und wollen leisten, das haben sie gelernt. Für die aktive Zeit ist Sport der Lebensbestandteil Nummer eins.

Und ja, natürlich geht es vor allem auch ums Geld. Leistung muss sich wieder lohnen. Der Forderung von Diskuswerfer Robert Harting, Olympiasiegern eine lebenslange staatliche Rente zukommen zu lassen, kann man mit gemischten Gefühlen begegnen, aber dennoch scheint die bloße Forderung wie ein Lottogewinn für Athleten. Allein die Finanzierung dürfte dem Staat Schweißperlen auf die Stirn jagen.

Individualisierte Zentralisierung

Es bleibt ein gordischer Knoten. Unterstützt man mit Geld, unterbindet man Anreize, nimmt man es, entzieht man die Entwicklungsgrundlage. Ist Geld der Hauptantrieb, fehlt das Brennen für eine Sache. Fakt ist: Mit Geld lässt sich vieles ermöglichen. Die Briten haben es vorgemacht. Aber ich warne davor, das mittelmäßige Abschneiden der deutschen Mannschaft bei Olympia alleine darauf zu schieben. Die Gelder sind ja da, sie müssen nur besser und vor allem gezielter eingesetzt werden.

Und: Athleten müssen Freiräume zu Entfaltung bekommen, müssen aber auch mit starken Gleichgesinnten trainieren können. Sie müssen in schwierigen Zeiten Rückhalt erfahren und auf Fachleute zurückgreifen können. Sie müssen als Individuum begriffen werden aber kooperationswillig sein. Sie müssen ihr Ding machen und müssen sich stets beweisen wollen. Nennen wir es einfach individualisierte Zentralisierung. So könnte es klappen.

Von Frank Busemann

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