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Usain Bolt: Zu schnell, um wahr zu sein?

Usain Bolt läuft in einer anderen Welt. Wie locker der Sprinter seine Bestmarke über 200 Meter pulverisierte, war unheimlich. In Berlin nahm Bolt die nächste Etappe auf dem Weg zur Legende.

Von Mathias Schneider, Berlin

Selbstverständlich ist Usain Bolt am Donnerstagabend zum zweiten Mal Weltmeister geworden, ein Wettbewerb findet ja praktisch nicht mehr statt. Unwiderstehlich zog er auf der halbierten Runde im Berliner Olympiastadion der Konkurrenz davon, diesmal über 200 Meter. Und weil Weltmeistertitel allein für ihn definitiv keine Herausforderung mehr sind, wie der Abstand zum Zweiten Alonso Edward (Panama/19,81 Sekunden) und zum Drittplatzierten Wallace Spearmon wieder einmal verdeutlichte, hat er der Welt nach seinen atemberaubenden 9,58 Sekunden über 100 Meter gleich noch nicht minder schockierende 19,19 Sekunden über 200 Meter geschenkt. Wie schon zuvor über 100 Meter drückte er auch in diesem Lauf seine Bestmarke um elf Hundertstel Sekunden.

Ungläubiges Erstaunen

Seine alten Rekorde stammen von den Olympischen Spielen 2008 in Peking, und weil das Klima in Berlin derzeit in etwa genauso schwül und stickig ist, das Stadion diesmal beinahe so voll war wie das Vogelnest der chinesischen Hauptstadt, erinnerte vieles an die Vorstellung von vor einem Jahr. Selbst das ungläubige Erstaunen des nur sehr moderat applaudierenden Berliner Publikums glich der orchestrierten Pekinger Fröhlichkeit. Bereits nach einer halben Ehrenrunde war der Applaus abgeebbt, weil sich die Menschen lieber der Hochspringerin Ariane Friedrich zuwandten, die sich zur gleichen Zeit ein furioses Duell mit der Kroatin Blanca Vlasic lieferte. So recht wissen die Berliner nicht, was sie mit Bolt anfangen sollen. Er ist ihnen mit seinem Späßchen vor dem Start gepaart mit diesen Wunderzeiten ein bisschen unheimlich.

Doch Bolt scherte sich um solche Kleinigkeiten nicht lange. Die Pflicht war mehr als erfüllt, wieder eine Etappe auf dem Weg zur Legende genommen. Und nicht weniger hat sich er sich vorgenommen. Nur eine Sorge blieb: Würde Herr Mills diesmal zufrieden sein?

Herr Mills, 59, ist ein älterer, etwas fülliger Herr. Er spricht akzentuiertes Englisch, wenn er will, und gern versteckt er sich hinter einem listigen Lächeln. Weil Herr Mills nicht nur den schnellsten Mann der Welt trainiert, sondern auch gleich noch die Rolle des Ersatzvaters und Sportpsychologen übernimmt, darf er sich als Mitbegründer des Sprintwunders Usain Bolt fühlen (auch wenn in der Szene das Gerücht umgeht, dieser Bolt komme auch ohne Trainer aus, so talentiert sei er).

Mills’ Urteil hat Gewicht bei Bolt, was nicht viele Menschen von sich behaupten können. "Er ist der beste Trainer der Welt", ließ Bolt noch nach dem 200-Meter-Lauf auf der Pressekonferenz die Welt wissen. Zuvor in der Mixedzone sprach er bereits von einem "perfekten Rennen", was sich allerdings als Trugschluss herausstellen könnte, denn Herr Mills, der mit Vornamen Glen heißt, setzt nur die höchsten Maßstäbe an seinen über alle Maßen talentierten Ziehsohn.

"Usain, es war wieder nicht gut"

Das führt dann zu etwas eigentümlichen Konversationen, welche die ohnehin schon gedemütigte Konkurrenz mit Grauen verfolgen dürfte. "Als ich in New York zum ersten Mal über 100 Meter Weltrekord gelaufen bin, bin ich zu ihm gegangen und habe gesagt: Coach, das war jetzt aber wirklich gut", erzählte Bolt drei Monate vor dem Berliner Gipfeltreffen in seiner Heimatstadt Kingston. Dann verdrehte er die Augen. "Er meinte nur, nein Usain, es war wieder nicht gut." Technische Schwächen, Anfängerfehler beim Start. Dann kamen Peking und zwei weitere Weltrekorde, diesmal nicht nur über die 100 Meter (9,69 Sekunden), sondern auch über 200 Meter (19,30 Sekunden). Die Welt stand Kopf. Nur einer nicht. "Ich bin dann wieder zu ihm gegangen", so Bolt, und man ahnte, was kommen würde. "Ich habe gesagt: Jetzt war mein Start aber gut. Und er sagte wieder nur: Nein, leider wieder nicht."

Man kann sich die Situation sehr gut vorstellen. Wer beide einmal beim Training in Jamaika erlebt hat, erkennt schnell, welche Rolle Mills im Leben des extrovertierten Bolt einnimmt, der Partys liebt, daheim von Leibwächtern begleitet wird und ziemlich gern berühmt ist. Mills fungiert als regulatives Element und sorgt dafür, dass der partyverliebte Bolt nicht an das Nachtleben verloren geht. Dass er den frustrierten Bolt 2004 nach dessen verkorksten Olympischen Spielen übernahm und ihn schließlich auf den Gipfel führte, sorgt für eine immens hohe Glaubwürdigkeit bei seinem Schützling. Die Autorität des deutlich Älteren bewahrt Bolt davor, immer wieder auszubrechen.

Mit jedem Rennen mehr Selbstsicherheit

Verhindern, dass Bolt sich nach den Olympischen Spielen mit Motivationsproblemen herumschlug, konnte allerdings auch Mills nicht. Das große Ziel Olympiasieg war mehr als erfüllt, was gab es noch zu entdecken? Ein Sportpsychologe riet Bolt, sich Ziele zu setzen, die es einem wie ihm nicht zu leicht machen. Seither sagt Bolt artig in jedes Mikrophon: "Ich will eine Legende werden, dafür muss ich in jedem Jahr der Beste sein." Mills' Aufgabe besteht darin, im Alltag seinen Schützling mit immer neuen Forderungen bei Laune zu halten. Ob er letztlich mit Bolts 200-Meter-Lauf zufrieden gewesen ist, war gestern nicht zu erfahren. Sehr wahrscheinlich ist es nicht. Sein Schützling darf nicht den Hunger verlieren.

320.000 US Dollar hat Bolt allein an offiziellen Prämien durch den Weltverband IAAF bei dieser WM verdient. Das ist nicht schlecht, bei Antrittsprämien von rund 250.000 Dollar für jedes gewöhnliche Rennen und 1,5 bis zwei Millionen Dollar allein vom Ausrüster Puma pro Jahr hat Bolt den Sprung zum Großverdiener längst geschafft. Er surft auf einer Woge der Euphorie und scheint mit jedem gewonnen Rennen nur noch mehr an Selbstsicherheit zu gewinnen.

Auf der Pressekonferenz alberte er mit dem Zweiten Wallace Spearmon herum wie mit seinem kleineren Bruder. Falsch herum saß die Kappe locker auf dem Kopf. Selbst Fragen nach Doping verhagelten ihm die Stimmung nicht. "Ich kann nur hart trainieren, mich testen lassen und beweisen, dass man sauber so schnell sein kann. Irgendwann werden die Fragen dann aufhören."

Sollen sich die Gelehrten über Doping den Kopf zerbrechen und über all seine Rekorde noch dazu, er will morgen erst einmal richtig ausschlafen. Müde sei er von den letzten Tagen. Herr Mills wird wohl diesmal keinen Einwand haben. Wer will schon einem Geburtstagskind seinen 23. vermasseln?

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