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HSV-Krise: Würgegriff mit Folgen

Die Rangelei auf dem Rasen hatte eine Rote Karte nach sich gezogen. Jetzt verpasste der DFB dem Hamburger Abwehrspieler Guy Demel eine Sperre für vier Spiele. Thomas Doll mutiert vom Trainer zum Krisenmanager.

Thomas Doll wirkt in diesen Tagen fahrig, nervös und auch ungeduldig. Nicht, dass er seine Höflichkeit verloren hätte. Aber es ist dem Trainer des Hamburger SV anzumerken, dass er sich derzeit auf mehreren Baustellen gleichzeitig als Krisenmanager bewähren muss. Undisziplinierte Spieler und ungeplante Verkäufe, Gehalts- und Stammplatzforderungen stören die Harmonie. "Ich bin ein junger Trainer, ich hinterfrage mich jeden Tag und lerne dazu", sagt Doll, der die Entscheidungen seines Vorstandes um Bernd Hoffmann nie kritisieren würde.

So sagt er auch nach dem Übernacht-Verkauf von Innenverteidiger Khalid Boulahrouz: "Es ist nicht so leicht im Moment mit unserer dünnen Personaldecke. Aber ich bin über alles informiert, ich gehöre genauso ins Boot wie die anderen." Und er ist sich sicher: "Es gibt nichts, was ich nicht weiß." Zu seiner Lebensphilosophie gehört, niemals Vergangenem nachzutrauern. "Ich verfalle nicht in Selbstmitleid. Wenn ich etwas nicht ändern kann, gehe ich gelassen damit um."

"Wer wo spielt, bestimme immer noch ich"

Im Umgang mit seinen Spielern wirkt er wie ein Kumpel, ist selbst noch so gut in Form, dass er die Übungen mit dem Ball mitmachen kann. Doch in seiner fast zweijährigen Tätigkeit als Chefcoach hat er auch gelernt, sich abzugrenzen, hart durchzugreifen. Als Wintereinkauf Nigel de Jong, angeblich mit 2,5 Millionen Euro bestbezahlter HSV-Profi, öffentlich die Position vor der Abwehr forderte anstatt auf den Halbpositionen zu spielen, wurde Doll wütend. "Wer wo spielt, bestimme immer noch ich. Nachher kommt noch einer und fordert, auf meinem Parkplatz zu parken", macht er deutlich.

Auch David Jarolim, stets vorbildlicher Teamworker, begehrt plötzlich auf. "Mit meinem Vertrag bin ich nicht zufrieden", sagt der 27-Jährige, der nur 800.000 Euro verdienen soll. Der Tscheche schätzt seinen Stellenwert in der Mannschaft deutlich höher ein als sein Gehalt im Mannschaftsgefüge, das die Leitwölfe Sergej Barbarez und Daniel van Buyten verloren hat.

Immense Abwehrprobleme

Die nächsten Wochen entscheiden darüber, in welche Richtung es für den Club mit den hohen Ansprüchen geht. Dazu wird auch gehören, dass Motivationskünstler Doll ("Ich muss das Feuer immer wieder neu entfachen") seine Profis unter Kontrolle bekommt. Die vier Bundesliga-Spiele, in denen Guy Demel wegen einer Tätlichkeit in der Partie gegen Energie Cottbus am vergangenen Samstag gesperrt worden ist, schmerzen angesichts der Abwehrprobleme doppelt.

"Wir hatten gedacht, dass er milder davonkommt. Aber mit dem Ausfall müssen wir leben", sagt Doll, der nach Rückkehr aus Pamplona in Hamburg ein ernstes Gespräch mit dem Wiederholungstäter führen will. Der HSV wünscht sich engagierte, emotionale Spieler. Doch schon in der vergangenen Saison waren Demel und auch Rafael van der Vaart in heiklen Situationen nicht zu bremsen. "Das müssen wir in den Griff kriegen, da muss jeder kühlen Kopf bewahren", sagt Doll, der in den kommenden Wochen besonders abseits des Platzes gefordert ist.

Britta Körber, DPA / DPA

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