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Jan Ullrich: Hoffen auf die Zeit nach Armstrong

Mageres Zwischenfazit auf dem Weg nach Paris: Das Gelbe Trikot ist für Jan Ullrich außer Reichweite und auch für die Zeit nach Armstrong sind neue Konkurrenten in Sicht, die dem Deutschen einen Podiumsplatz streitig machen.

Alles versucht, nichts gewonnen - auch im fünften und letzten Duell von Jan Ullrich mit Lance Armstrong blieb der Machtwechsel aus. Einmal mehr fehlten der deutschen Tour-Hoffnung die Mittel, um den übermächtigen Tour-Monarchen vom Thron zu stoßen. Nach den vorentscheidenden Etappen der 92. Rundfahrt in den Alpen und Pyrenäen ist selbst ein Platz auf dem Podium in Gefahr. "Ullrich musste erkennen, dass er auf einem anderen Planeten als Armstrong lebt", kommentierte die französische Sportzeitung "L’Équipe".

Wie schon in den Jahren zuvor verlor Ullrich in den Bergen die meiste Zeit auf seinen Widersacher. Schon beim ersten alpinen Schlagabtausch hinauf nach Courchevel kam er 2:14 Minuten nach Armstrong ins Ziel. Nicht besser erging es ihm in den Pyrenäen: In Ax-3-Domaines und zuletzt in Saint-Lary Soulan gab es weitere Rückschläge. Noch verweigert Ullrich die Kapitulationserklärung, macht sich aber schon Gedanken über die Zeit nach Armstrong: "Ein Tour-Sieg hat immer einen Wert - auch ohne Lance. Ich werde im nächsten Jahr erneut versuchen, nach 1997 zum zweiten Mal die Tour zu gewinnen."

Die neuen Armstrongs

Einfach wird das nicht. Schließlich ist der Kreis der vermeintlichen Armstrong-Nachfolger größer geworden. Mit dem Italiener Ivan Basso und dem Dänen Michael Rasmussen liegen schon in diesem Jahr zwei Kontrahenten in der Gesamtwertung deutlich vor dem Gesamt-Vierten Ullrich.

Von den großen Hoffnungen vor dem Tour-Start ist nicht viel geblieben. Dabei verlief die Vorbereitung anders als in den Vorjahren ohne größere Komplikationen. "Diesmal können wir uns nichts vorwerfen", sagte Ullrich-Betreuer Rudy Pevenage. Doch auch das intensive Training in Südafrika, Mallorca und der Toscana verhalf nicht zum erträumten Triumph über Armstrong. Für Kritik an dem abermals gescheiterten "Wunderkind" hat Mario Kummer, Sportlicher Leiter des Bonner Rennstalls, jedoch wenig Verständnis: "Jan hat gekämpft bis zum letzten Blutstropfen, das konnte jeder sehen."

Keine Ausreden

Fehlenden Durchhaltewillen kann man Ullrich nicht vorwerfen. Dem bösen Trainings-Sturz in die Heckscheibe des Begleitfahrzeuges folgte 24 Stunden später die Demütigung beim Einzelzeitfahren, als ihn der eine Minute später gestartete Armstrong kurz vor dem Ziel überholte. Auch die durch einen weiteren Sturz in den Vogesen verursachte schmerzhafte Rippenprellung wollte Ullrich nicht als Entschuldigung gelten lassen.

Nur ein starker Auftritt beim Einzelzeitfahren oder eine erfolgreiche Attacke seiner Mitstreiter vom Team T-Mobile im Zentralmassiv kann noch zu einem Platz auf dem Podium verhelfen. An der Mithilfe seiner Mannschaftskollegen wird es laut Andreas Klöden in den letzten sechs Tour-Tagen nicht fehlen. "Ansprüche Einzelner gibt es nicht mehr. Wir werden alles geben, um Jan weiter nach vorne zu bringen", sagte der Vorjahreszweite.

Zumindest bleibt wie im Vorjahr ein Trostpreis: T-Mobile führt in der Mannschaftswertung mit über 19 Minuten vor Discovery Channel. "Ich bin stolz auf dieses Team", sagte Ullrich. Vor allem bei den beiden sehenswerten Attacken in den Vogesen und in den Pyrenäen bewiesen die Magenta-Fahrer Moral. Die Strategie, ganz auf das Gelbe Trikot zu setzen und auf Sprint-Star Erik Zabel zu verzichten, hält Kummer nach wie vor für vertretbar: "Wir haben einen Etappensieg, einen zweiten Platz und zwei Dritte. Zudem sind wir mit drei Fahrern in den Top Ten vertreten. Mit dieser Bilanz können wir gut leben."

Heinz Büse und Andreas Zellmer/DPA / DPA

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