Kommentar Rasmussen-Rauswurf krönt Trümmer-Tour


Die Tour de France liegt in Trümmern. Nachdem Alexander Winokurow und Michael Rasmussen aus dem Verkehr gezogen worden sind, ist die Tour 2007 zur Farce geworden. Aber in die Enttäuschung mischt sich auch vorsichtige Erleichterung.
Von Nico Stankewitz

Ist der Rauswurf von Rasmussen durch sein Team Rabobank ein gutes Zeichen für die Tour und den Radsport? Zwar ist die freiwillige Herausnahme des Gesamtführenden durch sein Team ein einmaliger Vorgang in der Tourgeschichte, aber die reine Anwesenheit des Dänen war zuletzt eine riesige Belastung für die Tour geworden. Noch nie in der über 100-Jährigen Geschichte der Tour de France war einem Träger des Gelben Trikots soviel Ablehnung entgegengeschlagen. Schon beim Einschreiben begrüßten den Dänen die gellenden Pfiffe der Fans genauso wie beim Start des Rennens und bei der Siegerehrung.

So überwiegt bei den meisten Beobachtern und Fans die Erleichterung, dass zumindest eine suspekte Figur im Fahrerfeld entfernt wurde. Auch dürfte im Hintergrund das Team und der Sponsor starkem Druck durch die Tour-Organisation ASO ausgesetzt gewesen sein, so stark, dass selbst die Aussicht auf einen sicheren Toursieg Rabobank nicht mehr an dem umstrittenen Favoriten festhalten ließ. Die Begründung, man habe erst am Mittwoch erfahren, dass Rasmussen das Team belogen hat, scheint nicht sehr stichhaltig zu sein. Rasmussens Ausstieg hätte vor Wochenfrist allen das Leben leichter gemacht.

Teams komplett aus dem Wettbewerb nehmen

Einerseits überschlagen sich weiterhin die Ereignisse, seit Dienstagnachmittag haben wir nun: Zwei Dopingfälle, zwei rausgeworfene Teams, einen Fahrerstreik, zwei Bombenanschläge und jetzt ein gefeuertes Gelbes Trikot - etwas viel, selbst für ein Sportereignis, das sich durchaus auch als Spektakel versteht. Andererseits können die Veranstalter durchaus behaupten, einen harten Anti-Doping-Kurs zu fahren und dabei auch nicht vor großen Namen Halt zu machen. Vollkommen richtig auch der Weg bei aktuellen Dopingfällen, die betroffenen Teams gleich komplett aus dem Wettbewerb zu nehmen, die Mannschaften - und nicht nur die Fahrer - sollen zur Verantwortung gezogen werden

Aus deutscher Sicht kommt die rekordverdächtige Zahl von fünf übertragenden Fernsehsendern hinzu (die Zusammenfassungen bei N24 nicht eingerechnet), beim Zuschauer herrscht Verwirrung. Jeder neue Skandal wird darüber hinaus von einem öffentlichen Aufseufzen begleitet, wobei die Kardinalfrage bleibt, ob die Aufdeckung von Dopingfällen jetzt gut oder schlecht für den Radsport ist. Kurzfristig sorgten die Fälle Winokourow und Rasmussen für extrem schlechte Publicity und hängen nun als schwarze Schatten über der Tour. Langfristig könnte daraus allerdings auch ein Gewinn entstehen, denn man gewinnt hier Glaubwürdigkeit zurück.

Bei der vielgeliebten "Friede-Freude-Sonnenschein-Tour" von 1997, die mit Jan Ullrich den ersten und einzigen deutschen Toursieger sah, schien die Welt komplett in Ordnung zu sein. Es gab weder Doping noch Verdächtigungen, alle waren glücklich mit diesem wunderbaren Sport. Zehn Jahre später weiß man mehr: Das damalige Podium Ullrich-Virenque-Pantani ist ein Horrorkabinett des Sportbetrugs und die beteiligten Mannschaften pflegten großflächiges EPO-Doping. Eine vollgedopte Tour mit guter Stimmung.

Die süße Verdrängung der neunziger Jahre

Trotz der Skandale: Die heutige Tour scheint ehrlicher und sauberer zu sein als es damals der Fall war. Fans, Journalisten und Sponsoren stehen offenbar auch vor einer Gewissensprüfung: Wollen wir wirklich sauberen Sport? Dann wird es vermutlich nicht das letzte Skandalrennen gewesen sein, es werden noch weitere "schwarze Schafe" aussortiert werden müssen. Die Öffentlichkeit wird lernen müssen, damit zu leben - oder wieder in die süße Verdrängung der neunziger Jahre zurückfallen müssen. Aber das dürfte nach den Ereignissen von 2007, von den peinlichen Ullrich-Auftritten über die Geständnisse von Aldag, Zabel und Riis bis zu Vinokourov und Rasmussen, zum Glück nicht möglich sein.

Das Gelbe Trikot wird jetzt der Spanier Alberto Contador tragen, leider ebenfalls kein Fahrer mit einer unbefleckten Vita: Der Profi aus der amerikanischen Mannschaft Discovery Channel gehört wie Jan Ullrich zu der Gruppe von Fahrern, die aufgrund ihrer Verwicklung in die Fuentes-Affäre vom Start der Tour 2006 ausgeschlossen wurden. Viele kritische Beobachter sehen hier den nächsten Sündenfall, denn Contador wird mit dem Kürzel "A.C." in der Kundenkartei des berüchtigten spanischen Dopingarztes in Verbindung gebracht. Von diesem Verdacht ist Contador bis heute nicht frei, obwohl die spanische Justiz aus schwer nachvollziehbaren Gründen diese Personalie nicht weiter verfolgt - ähnliches gilt auch für Contadors spanischen Landsmann Valverde.

Hoffnungsträger Evans

Viele Fans halten Cadel Evans für den glaubwürdigsten Fahrer der Spitzengruppe und drücken dem Australier aus der belgischen Mannschaft Predictor-Lotto nun vor allem beim Zeitfahren am Samstag die Daumen. Vielleicht ist Evans momentan die letzte Hoffnung auf einen einigermaßen "anständigen" Toursieger, mit den allermeisten Fahrern und Teams aus der Spitzengruppe kann man solche Hoffnungen nicht verbinden.

Entwertet ist die Tour 2007 aber auf jeden Fall. Nicht nur der Verlust an Glaubwürdigkeit und die verpasste Chance für eine "Tour der Erneuerung" schaden der Tour erheblich, sondern auch die sportliche Farce, zu der das Rennen durch die vergangenen Tage geworden ist. Ohne Winokurow und Rasmussen hätte es nicht nur vier andere Etappensieger gegeben, sondern auch einen ganz anderen Rennverlauf mit anderen Protagonisten und möglicherweise ein völlig anderes Gesamtklassement als das, was jetzt kurz vor dem Ende der Trümmer-Tour vorliegt.


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