Krasniqi-Fight Das Ende vom Schmeling-Traum


Es war die Chance seines Lebens, aber er hat sie verschenkt. Luan Krasniqi stand im WM-Ausscheidungskampf gegen den Amerikaner Tony Thompson von Beginn an neben der Spur und musste eine schreckliche Niederlage einstecken - für den "Löwen" wird es Zeit für die Rente.
Von Klaus Bellstedt

"Die Chance lasse ich mir nicht entgehen", hatte Luan Krasniqi vor dem richtungweisenden Duell mit Tony Thompson noch getönt. Was heißt getönt? Wer den "Löwen" aus Rottweil kennt, der weiß, dass das eigentlich gar nicht seine Art ist. Und so konnte man Krasniqi das Versprechen vorher also durchaus abnehmen. Aber es sollte ganz anders kommen. Sein Gegenüber "Tiger" Thompson, der seit sieben Jahren ungeschlagen ist, besiegte den Deutsch-Albaner in einem so genannten WM-Eliminator-Fight in der Hamburger Color Line Arena durch technischen K.o. in der fünften Runde vorzeitig.

Die Show für den im Kosovo geborenen Universum-Boxer ist vorbei. Altenteil statt WM-Kampf, wahrscheinliches Karriere-Ende statt noch einmal den ganz großen Fight vor Augen. Vor dem Kampf gegen den fast zwei Meter großen Hünen aus Silver Spring war Luan Krasniqi Deutschlands einziger Schwergewichtsboxer von Weltniveau, der, einen Sieg vorausgesetzt, zum zweiten Mal in seiner Karriere um die Weltmeisterschaft in der Königsklasse hätte kämpfen dürfen. Das tat er ja schon mal. Am 28. September 2005 wollte Krasniqi als erster Deutscher nach Max Schmeling Schwergewichts-Weltmeister werden. Das Vorhaben scheiterte am 100. Geburtstag der Legende allerdings. Nach einem legendären Kampf gegen den Amerikaner Lamon Brewster fand sich Krasniqi in der neunten Runde einigermaßen überraschend auf dem Ringboden wieder, übrigens ebenfalls in der Hamburger Color Line Arena.

Furchtbare zweite Runde für den "Löwen"

Und die Hansestadt sollte sich auch dieses Mal als schlechtes Pflaster für den 36-Jährigen erweisen. Der zehn Kilo schwerere Thompson, den die gut 7.500 Fans in der Arena via Übertragungskamera noch Minuten vor Beginn des WM-Ausscheidungskampfes in seiner Kabine tanzend und extrem locker bestaunen durften, dominierte von Beginn an das Duell. Mit viel Wohlwollen hätte man die erste Runde vielleicht noch Unentschieden werten können. Aber nach den ersten drei Minuten war es spätestens vorbei mit der "Löwen"-Herrlichkeit.

Bezeichnend für den erschreckend schwachen Auftritt des zuvor in 33 Kämpfen nur zweimal besiegten Krasniqi war dann die zweite Runde. Unfassbar defensiv agierte der sympathische Deutsch-Albaner, der sich permanent im Rückwärtsgang befand und sich dabei zu oft und zu hilflos in einer der vier Ringecken verbarrikadierte. Thomspon legte sich sein Gegenüber immer wieder geschickt zurecht, um ihm dann mit furchteinflößenden Schlagkombinationen die Luft zum Atmen zu nehmen. 17 Treffer in nicht einmal 30 Sekunden musste Krasniqi im zweiten Abschnitt schlucken. Der Rechtsausleger aus den USA traf wie er wollte, beide Fäuste krachten regelmäßig durch die hilflose Doppeldeckung. Das vorzeitige Ende des Kampfes war eigentlich schon zu diesem Zeitpunkt programmiert.

"Glaube immer noch an einen WM-Kampf"

Das einzig Positive aus deutscher Sicht war an diesem Abend wohl nur der eiserne Überlebenswille des zahnlosen "Löwens". Krasniqi hielt tapfer weiter durch und bewies wie auch schon im Kampf gegen Lamon Brewster Nehmerqualitäten. Bis 21 Sekunden vor Ende der fünften Runde. Nach etlichen weiteren schweren Treffern des Amis hatte der Ringrichter ein Einsehen mit dem taumelnden Linksausleger, er brach den Kampf völlig zu Recht ab. Was sich danach in der Hamburger Color Line Arena abspielte, muss Luan Krasniqi sehr wehgetan haben. Die Zuschauer pfiffen, sie pfiffen gnadenlos. Sie hatten sich viel mehr von ihrem Liebling erhofft, alle hatten sich mehr von seinem Auftritt erhofft.

Als der Universum-Boxer schließlich doch noch zu Wort kam, flüsterte er entschuldigende Worte ins Mikrofon des übertragenden Fernsehsenders: "Ich habe heute von Anfang an nicht in den Kampf gefunden. Das war einfach nicht mein Tag." Und dann entschuldigte sich der 36-Jährige sogar noch: "Es tut mir Leid, so eine Leistung abgeliefert zu haben." Über seine Zukunft und ein mögliches Karriere-Ende wollte sich Krasniqi nicht äußern. Den Traum vom WM-Kampf hat er aber offenbar noch nicht ganz aufgegeben: "Ich glaube insgeheim immer noch an einen WM-Fight. Aber jetzt muss ich erst nachdenken, wie es weiter geht." Eines steht fest: Nach so einer Leistung wie gegen Tony Thompson bleibt der Traum, möglicherweise doch noch das Erbe von Max Schmeling anzutreten, für immer ein Traum.

Michalczewski bringt es auf den Punkt

Ein Träumer war Tony Thompson nie. Das hat der Kampf von Hamburg bewiesen. Der Amerikaner erwies sich als echter Fighter mit großem Herz und viel Selbstvertrauen ausgestattet: "Ich wusste, dass das hier heute meine letzte Chance auf einen WM-Kampf sein würde. Und deshalb hätte ich mich heute auch zu Tode geboxt." Nach dem ungefährdeten Erfolg über Luan Krasniqi ist der "Tiger", so sein Kampfname, nun offizieller Herausforderer von WBO-Weltmeister Sultan Ibragimow. Bitter für Luan Krasniqi, der diese Chance leichtfertig aus seinen Boxerhänden gab. Aber wie sagte ein weiterer "Tiger" in der Halle ganz treffend: "Luan war heute einfach nur schlecht". Darius Michalczewski muss das wissen. Er war Weltmeister.


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