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Boxen: "Der Rest entscheidet sich im Ring"

Luan Krasniqi kann als erster Deutscher nach Max Schmeling Schwergewichts-Weltmeister werden. Ein Vorab-Treffen mit dem amtierenden Champion Lamon Brewster eine Woche vor dem Kampf verlief überraschend friedfertig.

Von Klaus Bellstedt

Was hätten Sie erwartet, wenn sich zwei Schwergewichtsboxer in einem piekfeinen Hamburger Hotel eine Woche vor ihrem Kampf bei der offiziellen Pressekonferenz begegnen? Wüste Beschimpfungen? Ja, sicher. Gezielte Sticheleien? Bestimmt auch. Mehr als nur einen verbalen Schlagabtausch? Vielleicht sogar das. Weit gefehlt, von alldem war zwischen Weltmeister Lamon Brewster und seinem Herausforderer Luan Krasniqi nichts zu spüren. Dennoch hatte der Auftritt der beiden Boxer etwas von einem Spektakel.

Und dafür war in erster Linie der Weltmeister verantwortlich. Lamon Brewster, Kampfname "Relentless" (der "Unbarmherzige") aus Los Angeles betrat den Saal so, wie es sich für einen echten Champion gehört. Umringt und geschützt von einer Handvoll furchterregend dreinblickender Bodyguards bahnte sich der sonnenbebrillte US-Amerikaner den Weg durch die Heerschar der Fotografen. Das sah schon mal gefährlich aus. Brewsters Auftritt auf dem Podium aber hielt nicht, was der beeindruckende Einmarsch versprach.

"Lamon wird das Biest in sich zeigen"

Ob er in Hamburg oder Amerika boxt, sei ihm egal. "Ein Ring ist ein Ring, egal, wo er auf der Welt steht." Provokationen in Richtung seines Herausforderers, dem in Albanien geborenen und in Deutschland aufgewachsenen Luan Krasniqi blieben auch in der Folgezeit Mangelware. "Ich werde den Zuschauern eine spektakuläre Show bieten", kündigte der Klitschko-Bezwinger immerhin an. Sein Trainer Jesse Reid nahm den Mund da schon etwas voller: "Lamon wird das Biest in sich zeigen." Derlei Einschüchterungsversuche aus seinem Lager an die Adresse Krasniqis schienen dem WBO-Champion fast ein wenig unangenehm zu sein.

Brewsters Respekt vor seinem rechtmäßigen Nummer-eins-Herausforderer ist groß. Der Ami weiß genau, dass Krasniqi die K.o.-Gewalt in sich trägt und nicht nur mit großem Herz, sondern auch mit Hirn boxen kann. Seine Vorbereitung auf den Kampf bezeichnete Deutschlands Vorzeigeboxer im Schwergewicht als die beste, die er je hatte. Viel mehr ließ sich der gebürtige Albaner aus Rottweil nicht entlocken. "Der Rest entscheidet sich im Ring", sagte Krasniqi, der im Gegensatz zu seinem eher sportiv gekleideten Kontrahenten im grauen Nadelstreifen-Anzug vor die Presse trat.

Friedfertiges Shakehands

Kaum ein Schwergewichts-Duell um die Krone der Königsklasse hat die Experten und Fans so in Wallung gebracht wie der WM-Kampf am 100. Geburtstag des deutschen Sportidols Max Schmeling. Übermäßige Nervosität war den beiden Protagonisten, knapp eine Woche vor ihrem Fight am nächsten Mittwoch in der Hamburger Color Line Arena, deswegen aber noch lange nicht anzumerken. In den Tagen vor dem Duell will sich Luan Krasniqi "im Hotel verschanzen", um auszuruhen. "Ich bin ziemlich müde und muss dringend zu mir kommen."

Auch Lamon Brewster will die verbleibende Zeit nutzen, um "mental und spirituell" abzuschalten. Was genau er mit mental und spirituell meinte, ließ der 32-Jährige offen. Auf die Frage eines Journalisten, wie er denn seinem Herausforderer im Ring entgegen treten werde, entgegnete Brewster: "Ich stelle Ihnen eine Gegenfrage: Wie würden Sie denn reagieren, wenn jemand in Ihr Haus einbrechen möchte?". Auch der letzte verzweifelte Versuch, den Amerikaner aus der Reserve zu locken, war damit gescheitert. Was folgte war das obligatorische Shakehands im Blitzlichtgewitter der Fotografen. Brewster und Krasniqi lächelten dabei friedfertig in die Kameras - irgendwie passend.

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