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Kugelstoßweltmeister David Storl: Jetzt gehört er zu den großen Jungs

Ihn hatte niemand auf der Medaillenrechnung. David Storl ist der jüngste Kugelstoßweltmeister aller Zeiten. In Daegu düpierte das Leichtgewicht aus Chemnitz die muskelbepackte Konkurrenz.

Von Susanne Rohlfing, Daegu

David Storl wirkt fehl am Platz, wie eine junge Birke, rank und schlank, mitten in einem alten Eichenwald. Das Leben hat noch keine Spuren in seinem glatten Gesicht hinterlassen. Kein Bart, der Männlichkeit signalisiert, nur ein erstaunter Blick und ein jungenhaftes Lächeln.

Wenn David Storl allerdings jubelt, was er kurz zuvor ausgiebig getan hat, dann schleicht sich doch etwas Martialisches in seine freundlichen Züge. Dann wird sichtbar, welche Kraft und welcher Wille in diesem 21-jährigen Chemnitzer stecken, der bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften im südkoreanischen Daegu am Freitag die ausgewachsene Kugelstoß-Elite düpierte.

So viel Adrenalin er im Blut gehabt haben muss, als er seine Kugel im letzten Versuch auf 21,78 Meter katapultierte, so weit wie niemals zuvor, und damit den kanadischen Hallenweltmeister Dylan Armstrong (21,64) und den weißrussischen Europameister Andrei Michnewitsch (21,40) auf die Plätze verwies, so wenig ist davon kurz darauf übrig. David Storl hat viel erreicht an diesem Abend: Er ist jetzt der erste deutsche sowie der jüngste Kugelstoß-Weltmeister überhaupt. Und seinen eigenen U-23-Europarekord hat er ganz nebenbei auch noch verbessert. Aber er gibt sich so erfrischend unbekümmert wie eh und je. Leise lächelnd gesteht er: "Ich kann das hier alles noch gar nicht glauben."

Teamkollege Ralf Bartels wollte "live dabei sein"

Sein Kollege Ralf Bartels, der konnte es glauben. Und war deutlich euphorischer als der Held des Tages. Erst legte er sich mit den Aufpassern im Stadion an, die ihn hinausführen wollten, als er mit 20,14 Metern und Platz zehn das Finale im Finale verpasst hatte. "Ich wusste, dass David hier etwas Großes reißen konnte, da wollte ich live dabei sein", erzählt der Neubrandenburger. Er setzte sich durch und durfte den besten Acht bei ihren verbliebenen drei Stößen zusehen.

Ralf Bartels ist 33 Jahre alt, WM-Dritter von 2005 und 2009, ein Mann von 138 Kilogramm, der nicht wirkt, als könnte ihn etwas aus der Ruhe bringen. Doch jetzt, nach dem überraschenden Sieg seines Kollegen, fehlen ihm die Worte. "Unglaublich", das fällt ihm ein. "Ich war dabei, mehr kann ich nicht sagen."

Ein bisschen mehr wusste Bartels dann natürlich doch noch über Storl zu berichten, der im Jugendbereich bereits alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt. "Er ist sehr, sehr zielstrebig, sehr diszipliniert, auch wenn er manchmal nicht so rüber kommt. Wenn sein Trainer ihm was sagt, dann gehorcht er doch schon ganz gut, er macht sich auch wirklich eine Platte, was kann er verbessern." Und schließlich: "Er ist einfach schon ein großer Athlet."

Leichtgewicht unter lauter Riesen

Der zwischen Armstrong (30) und Michnewitsch (35) aber doch recht klein aussieht. Oder eher: zierlich. Bei einer Größe von 1,98 Meter wiegt Storl nur 122 Kilo. Das ist seine Stärke, vielleicht aber auch seine große Reserve. "Ich versuche, meine guten Stöße über der Geschwindigkeit zu machen", sagt Storl. Er war Mehrkämpfer, bis er vor fünf Jahren anfing, sich ganz auf den Kugelstoß zu konzentrieren. Daher stammt die im Vergleich zu anderen Kugelstoßern athletische Figur. Warum er wechselte? Sein damaliger Trainer starb an einem Herzinfarkt, und der Kugelstoß-Coach Sven Lang habe ihn "aufgenommen", erzählt Storl. So zufällig werden große Karrieren manchmal gemacht.

Ganz wohl fühlt sich der Chemnitzer als das Leichtgewicht seiner Disziplin aber nicht, ein bisschen mehr Muskelmasse gefiele ihm schon. "Ich will mal so bei 130 bis 135 Kilo ankommen", sagt er, "dann sehe ich nicht mehr so schmächtig aus". Aber leicht fällt ihm das nicht, schließlich soll seine Schnelligkeit dabei nicht verloren gehen. Im vergangenen Jahr hat Storl sich schon mühsam vier Kilo mehr antrainiert und -gefuttert. Das könnte eine Erklärung dafür sein, warum er seine Bestweite von 20,77 im Jahr 2010 auf jetzt 21,78 Meter steigern konnte.

Meisterstück im letzten Versuch

Natürlich steht bei einer solchen Leistungsverbesserung aber auch der Dopingverdacht im Raum. Storl sagt dazu: "Ich wurde gestern nach der Qualifikation kontrolliert, bei der Anreise hier in Daegu wurde mir Blut abgenommen, vor der Abreise ins Trainingslager wurde ich getestet, und auch sonst kommen die Kontrolleure regelmäßig."

Den Wettkampf vom Daegu begann der Chemnitzer ziemlich nervös, wie er später. Der erste Versuch sei ihm deshalb misslungen. Da machte Storl seinen Lieblings-Fehler: Er bekam seinen auf Höchstgeschwindigkeit beschleunigten Körper nicht mehr rechtzeitig wieder unter Kontrolle und trat über. Schon der zweite Stoß war dann ein Volltreffer: 21,60 Meter. "Ab dem dritten Versuch hatte ich Bauchschmerzen", so Storl. Im vierten Durchgang zog Armstrong an ihm vorbei. Und im letzten Versuch lieferte Storl sein Meisterstück ab. Da kribbelte es immer noch in seinem Bauch. "Aber wenn man das nutzen kann, das Gefühl, dann geht wirklich viel", so die Erkenntnis des Polizeimeister-Anwärters.

Konkurrenten sehen in "Storli" den kommenden Mann

Auf die Frage, ob er schon eine Vorstellung davon habe, was nach diesem WM-Sieg jetzt so alles auf ihn zukommt, sagt Storl ganz pragmatisch: "Ich muss jetzt erst mal meine Ausbildung weitermachen." Die Ahnung, die der Kanadier Dylan Armstong aus dem WM-Finale mitnimmt, ist ein wenig weitreichender. Er glaubt, dass David Storl der Mann sei, der das Kugelstoßen in den nächsten zehn Jahren dominieren werde.

Als Zeichen der Anerkennung klopft er dem jungen Deutschen ein wenig mit seinen mächtigen Pranken auf der Schulter herum. Storl wird dabei ziemlich durchgeschüttelt. Aber damit muss er wohl leben, jetzt, wo er zu den großen Jungs gehört.

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