HOME

Überraschungsweltmeister Matthias de Zordo: Der Faulpelz unter den Speerwerfern

Überraschend hat Speerwerfer Matthias de Zordo bei der Leichtathletik-WM Gold gewonnen. Den Erfolg hat er seiner Technik zu verdanken - denn als Trainingsweltmeister gilt der 23-Jährige nicht gerade.

Von Susanne Rohlfing

Die Frisur ist noch so zottelig wie vor einem Jahr in Barcelona, aber der Mann mit dem Lausbubengesicht ist gereift. Matthias de Zordo ist jetzt nicht mehr der junge Deutsche, der überraschend EM-Silber im Speerwurf gewinnt. An diesem vorletzten Abend der Leichtathletik-Weltmeisterschaften im südkoreanischen Daegu ist der 23-Jährige ein Athlet, der eine Medaille will. Entsprechend tritt er auf, schon beim ersten Versuch. Mit jeder Faser seines Körpers drückt er aus: Hier komme ich, und ich kann was.

Was dann geschah, beschreibt der Saarbrücker später so: "Im Prinzip hinten anstellen, nach vorn rennen und einfach nur draufdreschen, ohne viel nachzudenken, den Körper einfach nur 150 Prozent abziehen." Herausgekommen ist dabei: Gold. Matthias de Zordo ließ den Olympiasieger und Titelverteidiger Andreas Thorkildsen hinter sich. Dabei hatte sein Trainer Boris Henry doch erst für die nächste, die Olympiasaison das Ziel ausgegeben, den Norweger "ein bisschen ärgern" zu wollen.

Der beste Speerwerfer der Welt?

Dass dieser ausgerechnet bei der WM einen „dieser Tage“, wie Thorkildsen selbst es später bezeichnet, erwischen würde, war aber auch nicht vorauszusehen gewesen. In Bereiche seines persönlichen Rekords (91,59 Meter) oder seiner Jahresbestleistung (90,61) stieß der 29-Jährige in Daegu nicht vor, er wurde mit 84,78 Metern Zweiter. Bronze ging an den Kubaner Guillermo Martinez (84,30). Der Rostocker Mark Frank wurde mit 81,81 Metern Achter.

"Ich habe Thorkildsen nicht da geschlagen, wo ich es gern geschafft hätte, auf hohem Niveau", sagt De Zordo später. Ein kleines Bisschen trübt das seine Freude. Deshalb lehnt er es auch energisch ab, sich selbst als "den besten Speerwerfer der Welt" zu sehen. Thorkildsen wirft zwar ein, dass er es "am heutigen Tag" durchaus sei, doch De Zordo verweist auf das Leistungsvermögen des Norwegers und winkt ab. Aber etwas Stolz auf seinen Coup erlaubt sich der Sportsoldat schon. Er sagt: "Das ist eine Weltmeisterschaft, da geht es um den Titel, da ist es grundsätzlich egal, ob man mit Bestleistung gewinnt oder nicht." Gold gehört jetzt ihm, so einfach ist das.

Storls Sieg beflügelt De Zordo

Und so schwer war es doch auch. Denn in seinen zweiten Versuch hatte De Zordo so viel Energie gepackt, dass es ihn nach dem Wurf zu Boden riss. Anschließend humpelte er, weil der Knöchel schmerzte. Er verschwand einige Zeit in den Katakomben des Stadions und ließ den Fuß behandeln. Der dritte Durchgang fand ohne ihn statt, im vierten kam er wieder, pausierte aber noch. Er musste erst wieder warm werden. Die Würfe fünf (82,88) und sechs (81,40) brachten keine Verbesserung, aber das war egal. Die Konkurrenz war auch nicht mehr stärker geworden.

Der Sieg seines Kugelstoß-Kollegen David Storl am Tag zuvor habe ihn beflügelt, sagt De Zordo später. "Ich wollte es ihm nachmachen." Die beiden jungen Männer treten ähnlich unbekümmert auf, und verglichen mit der Konkurrenz sind sie ähnlich schwach. Was die reinen Kraftwerte angeht. Storl ist das Leichtgewicht unter den Kugelstoßern. Und De Zordo der Faulpelz unter den Speerwerfern. Er weiß, dass das über ihn gesagt wird. Und ja, es stimme schon, Trainingsweltmeister sei er ganz sicher nicht. Aber gleich ein fauler Typ? Das nun auch wieder nicht, findet De Zordo. "Ich weiß nur die Grenzen meines Körpers einzuschätzen."

Matthias de Zordo ist ein Athlet, der die Herausforderung braucht. Wenn Kollegen mit großen Namen neben ihm stehen, so wie Andreas Thorkildsen, dann kommt richtig Leben in den 1,90-Meter-Mann. Im Training ist davon nichts zu spüren. De Zordo habe Defizite im Kraft-, Sprung- und Sprint-Bereich, sagt Boris Henry. Also überall eigentlich. "Athletisch ist er der Schlechteste in meiner Gruppe - aber er wirft am weitesten." Und allein darauf kommt es an. Deshalb ist Henry vorsichtig. Er spricht zwar von einem "wahnsinnigen Potenzial", das De Zordo noch habe. Andererseits: "Vielleicht ist es ja ein cleverer Charakterzug, weniger zu machen, wenn der geringere Aufwand gut genug ist."

So effizient wie kaum ein anderer

De Zordos großes Plus ist seine Technik. Er wirft so effizient wie kaum ein anderer. "Verzögerung" nennen sie das in der Speerwurf-Fachsprache. Da geht es um den Moment, wenn der Fuß vorn aufsetzt, der Arm aber hinten noch wartet, um die im Anlauf generierte Geschwindigkeit voll zu übernehmen und dem Speer mitzugeben. "Matthias kann das einfach", sagt Henry, "ich muss ihm das nicht erklären und er muss nicht darüber nachdenken". Was der Athlet "draufdreschen" nennt, ist in Wahrheit eine hochkomplizierte, ausgeklügelte Bewegung. Der Trainer ist überzeugt, dass andere weiter werfen würden als De Zordo, wenn sie das auch könnten. Weil sie athletischer sind. Aber sie können es eben nicht.

Henry vergleicht De Zordo deshalb hartnäckig mit dem Tschechen Jan Zelezny, der drei Mal Olympiasieger und drei Mal Weltmeister wurde und seit 1996 mit 98,48 Metern den Weltrekord hält. Nur athletisch sei Zelezny besser drauf gewesen als De Zordo. Mehr nicht. De Zordo sieht das gelassen: "Ich bin noch jung, ich habe noch viele Jahre vor mir, ich will mich nicht zu früh verausgaben." Gold gewinnt er ja auch so.

Wissenscommunity