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Leichtathletik-WM: "Kosmonautin" Isinbajewa im siebten Himmel

Himmelstürmerin Jelena Isinbajewa hat sich wieder einen Stern gegriffen. Die 23-jährige Russin flog in Helsinki zu ihrem ersten WM-Titel und stellte wie angekündigt mit 5,01 Meter ihren 18. Weltrekord auf.

Mit ihrem Weltrekord-Sprung und ihrer Siegesshow hat Stabartistin Jelena Isinbajewa der Leichtathletik-WM in Helsinki endlich etwas Glanz verliehen. Für die 23-Jährige aus Wolgograd war es der größte Zahltag ihrer Karriere und die IAAF tat alles, um daraus ein glamouröses Event zu machen. Der große Sergej Bubka umarmte vor Kameras sein weibliches Pendant. Weltverbandspräsident Lamine Diack eilte bei der Pressekonferenz herbei, wo blitzschnell Stellwände mit Weltrekord-Aufschrift aufgebaut worden waren. Isinbajewa wurde eine Art goldener Latz ans Trikot geheftet und die hübsche Russin strahlte: "Ich bin extrem glücklich und zufrieden."

"Sie hat etwas von einem Genie"

Drei Wochen nach ihrem spektakulären ersten 5,00-Meter-Sprung in London legte Isinbajewa noch einen Zentimeter nach. Mit ihrem 18. Freiluft- und Hallen-Weltrekord rückte sie ihrem Ziel, die 35 Bestmarken ihres Idols und Freundes Bubka zu übertrumpfen, wieder ein Stück näher. "Sie hat etwas von einem Genie", sagte der Ukrainer. "Und sie hat eine bessere Technik als viele Männer in dieser Disziplin."

Isinbajewa stellte auch eine Bestleistung auf, was den Abstand zur Konkurrenz betraf: Die Polin Monika Pyrek sprang als Zweite mit 4,60 Meter in einer anderen Kategorie. Etwas ähnliches gelang zuletzt dem Amerikaner Frank Foss, als er 1920 in Antwerpen mit 39 Zentimeter Vorsprung Olympiasieger wurde. Isinbajewa will in diesem Jahr noch fünf Wettkämpfe bestreiten und dabei ebenso viele Weltrekorde aufstellen. Ein Kinderspiel sei das allerdings nicht. "Heute Abend kam mir die Weltrekordhöhe extrem hoch vor. Es war wirklich schwer, diese Höhe zu springen", sagte die Olympiasiegerin.

Noch weiß niemand, wo Isinbajewas Grenzen liegen. "Sie ist technisch so gut wie Sergej Bubka", sagte Pyrek. Die WM-Dritte Pavla Hamackova aus Tschechien erzählte, ihr Trainer habe anhand von biomechanischen Daten ausgerechnet, dass die Weltmeisterin mit härteren Stäben mindestens 5,20 Meter überwinden könne. "Vielen Dank", sagte Isinbajewa ohne jegliche Häme. "Ich wünsche dir, dass du bald 4,80 springen kannst."

Mit Leichtigkeit über die Latte

Bubka traut der früheren Turnerin zu, dass sie den Abstand zwischen dem Frauen- und Männer-Weltrekord (6,14 im Freien/6,15 in der Halle) auf einen Meter verringert. Die Leichtigkeit, mit der Isinbajewa über die Latte fliegt, verblüfft alle. Auf der Tribüne im Olympiastadion saß die im Vorkampf gescheiterte frühere Weltrekordlerin Stacy Dragila (USA) und nahm mit einer digitalen Kamera den Wettkampf auf.

60 000 Dollar für das WM-Gold und 100 000 für den Weltrekord konnte Isinbajewa verbuchen. Damit stockte sie das Preisgeld ihrer Karriere auf etwa 900 000 Dollar auf. "Die Fans in der ganzen Welt wollen doch Weltrekorde sehen. Damit bekomme ich mehr Aufmerksamkeit für mich, für den Stabhochsprung und für die ganze Leichtathletik", sagte die Russin, die trotz ihrer Popularität weiter in Wolgograd wohnt und nicht wie früher Bubka nach Monte Carlo zog. Dabei musste die Himmelstürmerin zu Hause ihre Fortbewegungsart umstellen. "Inzwischen muss ich fahren, ich kann nicht länger zu Fuß gehen."

Triumph und Debakel

Dagegen lagen Triumph und Debakel für die Supersprinter aus den USA nur um Minuten auseinander: Die Männerstaffel patzte, Allyson Felix glänzte als jüngste 200-Meter-Weltmeisterin mit dem vierten Sprint-Gold der US-Asse. Im Finale setzte sich die 19-Jährige in 22,16 Sekunden durch. Das elfte Gold für die Leichtathletik-Supermacht USA steuerte 400-m-Olympiasieger Jeremy Wariner bei, der in 43,93 als achter Viertelmeiler überhaupt unter 44 Sekunden blieb.

Allen Johnson verpasste dagegen seinen fünften WM-Titel über 110 Meter Hürden. Als Dritter in 13,10 Sekunden musste sich der 34 Jahre alte Amerikaner nicht nur seinem Nachfolger Ladji Doucouré aus Frankreich (13,07), sondern auch Chinas Olympiasieger Liu Xiang (13,08) geschlagen geben. Den goldenen Hammerwurf landete die Olympiasiegerin Olga Kusenkowa (75,10 Meter). Susanne Keil (Leverkusen) wurde mit 63,25 m Zwölfte und Letzte.

Deutsche im Finale

Fünf Asse des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) und die Sprintstaffel der Männer qualifizierten sich für die Finals am Wochenende: Steffi Nerius und Christina Obergföll (beide Speer), Nadine Kleinert und Christina Schwanitz (Kugel) sowie Weitspringer Nils Winter erreichten den Endkampf. Beendet ist die Jubiläums-WM dagegen für 800-m-Läufer René Herms (Pirna) und Kugelstoß-Hoffnung Petra Lammert (Stuttgart).

Das deutsche Quartett mit Alexander Kosenkow, Marc Blume (beide Wattenscheid), Tobias Unger (Kornwestheim/Ludwigsburg) und Marius Broening (Tübingen) erreichte über 4 x 100 Meter den Endlauf, der am Samstag überraschend ohne das US-Team stattfinden wird: Die Favoriten patzten gleich beim ersten Stabwechsel und schieden aus. Dieses Debakel war den Amerikanern schon bei den Weltmeisterschaften 1995 in Göteborg und 1997 in Athen passiert.

Nerius mit persönlicher Bestleistung

Steffi Nerius machte kurzen Prozess: Die Olympia-Zweite stellte in der Qualifikation gleich mit ihrem ersten Versuch mit 66,52 Meter eine persönliche Bestleistung auf. Die Leverkusenerin staunte über sich selbst: "Ich hatte gar nicht vor, so weit zu werfen." Kein halber Meter fehlt Nerius noch zum deutschen Rekord der Berlinerin Tanja Damaske, die am 4. Juli 1999 in Erfurt 66,91 Meter erzielt hatte. Nun will die 33-Jährige den großen Wurf landen. Auch die Offenburgerin Christina Obergföll steht im Finale.

Nils Winter (Leverkusen) schaffte den Weitsprung in den Endkampf mit 7,91 Meter mit viel Glück gerade noch als Zwölfter. Die Olympia- Zweite Kleinert (Magdeburg) übertraf gleich im ersten Versuch mit 18,90 m die Qualifikationsnorm deutlich, Schwanitz (Neckarsulm) folgte ihr mit 18,35 wenig später.

Ralf Jarkowski/DPA / DPA

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