Manipulationen im Handball Ein Mann für die besonderen Fälle


Eine Schlüsselfigur im Manipulationsskandal um den THW Kiel scheint aufgeflogen zu sein: Neue Hinweise auf einen Geldboten schüren den Verdacht, dass Handballrekordmeister THW Kiel sich Siege in der Champions League erkauft hat.
Von Erik Eggers, Hamburg

Die Pause währte nur kurz. Eine Woche hatten der THW Kiel und sein Geschäftsführer Uwe Schwenker durchatmen können. So lange hatte sich die Handballwelt mit anderen Dingen beschäftigt und nicht mit dem Vorwurf, der Handball-Rekordmeister habe seit 2000 mindestens zehn Champions-League-Partien manipuliert, darunter das Finale 2007 gegen die SG Flensburg-Handewitt. Doch jetzt muss sich der THW mit neuen Vorwürfen auseinandersetzen: Der "Spiegel" glaubt nun, den Geldboten für das Finale 2007 gefunden zu haben.

Der Mann heißt Nenad Volarevic, arbeitet für eine kroatische Versicherung, fungierte einst als Handballmanager – und soll ein Freund von Ex-THW-Coach Noka Serdarusic sein. Dass Volarevic kurz vor dem Finale 2007 eine Überweisung in Höhe von 56 000 Euro erhalten hat, bestreitet er nicht. Die Kieler Staatsanwaltschaft, die gegen THW-Geschäftsführer Uwe Schwenker (Verdacht der Untreue) und gegen Serdarusic (Verdacht der Beihilfe zur Untreue) ermittelt, geht offenbar Hinweisen nach, wonach Volarevic daraufhin nach Warschau flog, um das Geld dort den beiden Finalschiedsrichtern Miroslaw Baum und Marek Goralczyk zu überreichen. So soll es Serdarusic Mitte Februar drei Vertretern der Rhein-Neckar-Löwen, bei denen er einen Dreijahresvertrag unterschrieben hatte, der mittlerweile aufgelöst wurde, geschildert haben.

Serdarusic bestreitet alles, wie auch die polnischen Schiedsrichter. Volarevic dementiert ebenfalls. Er sagt, es handele sich um "eine Vorauszahlung für Spieler, die ich dem THW Kiel in Zukunft nahelegen werde". Diese Antwort freilich mutet abenteuerlich an. Denn dann hätte der THW bis heute keinerlei Leistung für dieses Geld erhalten.

Auch das Champions-League-Halbfinale in Verdacht

Dann ist da noch die Rede von weiteren knapp 36 000 Euro, die der THW nach dem Finale 2007 auf das Konto des Kroaten überwiesen haben soll. Das sei eine Vermittlungsprovision für den Transfer des Kreisläufers Igor Anic gewesen, erklärte Volarevic. Bhakti Ong, der französische Berater von Anic, weiß allerdings nichts davon; an diesem Deal im Juni 2007 seien lediglich Montpellier, der THW und er beteiligt gewesen.

Der Verdacht der Staatsanwälte freilich lautet, dass mit diesem Geld das Halbfinale 2007 gegen Portland San Antonio gekauft worden sei. Das ukrainische Paar Alexander Ljudowik/Walentin Wakula, das das Hinspiel des THW in Pamplona pfiff (28:30), bestreitet dies. Der damalige Portland-Trainer Javier Equisoain ist indes davon überzeugt, Opfer eines Komplotts gewesen zu sein. Ljudowik/Wakula stehen auch für das Halbfinalhinspiel 2008 gegen den FC Barcelona (41:31) unter Verdacht; zuvor soll der THW rund 40 000 Euro abgehoben haben. Auch das entscheidende Hauptrundenspiel 2008 gegen Ademar León, das die Slowenen Darko Repensek/Janko Pozeznik leiteten, wird von der Kieler Staatsanwaltschaft untersucht; vor diesem Spiel habe der THW sich rund 20 000 Euro besorgt.

Spekulierte Verdächtigungen

Kiel hat derweil mit Gerald Goecke und Stefan Purrucker zwei Anwälte mit der Wahrnehmung der Klubinteressen beauftragt, die die Interpretation der Zahlungsvorgänge als "lediglich spekulierte Verdächtigungen" bezeichneten.

Die Kieler Staatsanwaltschaft erklärte, dass die Ermittlungen trotz intensiver Anstrengungen noch Wochen in Anspruch nähmen und auch ins Ausland ausgeweitet würden. Der vermeintliche Handballskandal hat sich mittlerweile zu einem spannenden Kriminalfall entwickelt, dessen Ausgang die Handballwelt mit bangem Blick erwartet. Denn der Boom der letzten Jahre könnte jäh enden.

FTD

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