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NBA: NBA-Kolumne - Die Überraschungen der bisherigen Saison

Während unterschätzte Teams in der laufenden NBA-Saison für Furore sorgen, läuft es bei zwei eigentlichen Playoff-Anwärtern nicht rund. Wir werfen einen Blick auf vier Teams, die bisher positiv oder negativ überrascht haben.

Bei welchen Teams läuft es richtig gut? Und welche kommen wider Erwarten überhaupt nicht in Schwung? Wir wollen heute einen Blick auf die Überraschungen des bisherigen Saisonverlaufs werfen – sowohl die positiven als auch die negativen.

Wie in jeder Teamsportart und Liga ist es natürlich auch in der NBA so: Vor der Saison haben alle Experten eine Meinung, welche Teams auf jeden Fall gut abschneiden werden und welche eine sehr schwierige Saison vor sich haben werden. Oft liegen sie damit richtig, aber immer wieder schleichen sich Überraschungen ein, die für niemanden so vorhersehbar gewesen wären.

Teamgeist siegt eben manchmal doch

Beginnen wir mit den Teams, die niemand so stark auf der Rechnung gehabt hatte, und dabei muss man wohl in erster Linie die Philadelphia 76ers aufzählen. Vor der Saison als eine der Mannschaften gewertet, die wohl nicht gut genug für die Playoffs, aber zu stark für die Top-Draft-Plätze – die in der NBA ja von der schlechtesten Bilanz aufwärts verteilt werden – sind, stehen die 76ers mit ihren 18 Siegen bei nur sieben Niederlagen ligaweit mit der viertbesten Bilanz da, geschlagen nur von den Titelfavoriten aus Chicago, Miami und Oklahoma City. Zu Saisonbeginn noch belächelt, hat allein die letzte Woche mit Siegen gegen Orlando, Chicago und die Los Angeles Lakers gezeigt, das man Philadelphia durchaus ernst nehmen sollte.

Die Mannschaft von Coach Doug Collins – übrigens dem Vorgänger von Phil Jackson bei den Chicago Bulls zu Zeiten von Michael Jordan – zeigt genau das, was jedem Basketballfan das Herz erwärmen sollte. Ohne einen eigentlichen Superstar in ihren Reihen gelten die 76ers als ausgeglichenstes Team der Liga und zeigen in jedem Spiel einen unheimlich gut austarierten, teamorientierten Basketball.

Es geht auch ohne Superstar

Der Topscorer, Lou Williams, ist nur der eigentliche sechste Mann und stand in dieser Saison noch nie in der Startformation, die Topverdiener, der als notorisch schwierig geltende Elton Brand sowie Andre Iguodala, fügen sich ohne zu murren ins Mannschaftsgefüge ein und geben jedem ihrer Mitspieler die Chance, Verantwortung zu übernehmen. Die Fans in Philadelphia sind nach Jahren der Unruhe rund um den letzten Superstar der Stadt, Alan Iverson, froh, endlich mal wieder im Wells Fargo Center feiern zu können.

Mittlerweile steht die Defensive sogar besser als die der Chicago Bulls und dementsprechend auf Platz eins der Liga. Aber auch die Offensive, in der sechs Spieler im Schnitt zweistellig punkten, muss sich vor niemandem verstecken – wie der durchschnittliche Punkteunterschied pro Spiel von +10 beweist. Für die Meisterschaft wird es wohl nicht reichen, aber ein tiefer Run in den Playoffs ist den 76'ers durchaus zuzutrauen – vor allem, wenn der momentan verletzte Stammcenter Spencer Hawes endlich wieder einsatzbereit ist.

Höhenluft tut Nuggets gut

Eine weitere positive Überraschung sind die Denver Nuggets. Nachdem Superstar Carmelo Anthony und Routinier Chauncey Billups während der letzten Saison für ein Paket aus vier Spielern und drei Draftpicks nach New York abgegeben wurden, rechnete niemand mit einer guten Saison des Teams aus Colorado.

Doch da hatten die Experten die Rechnung ohne Coach George Karl gemacht. Der Mann mit über 1000 NBA-Siegen unter dem Gürtel scheint nämlich eine neue Motivation daraus gezogen zu haben, aus jungen, motivierten Spielern ein Team zu formen, das in den oberen Regionen der Western Conference mitspielen kann. Wie auch die 76'ers ist es die Ausgeglichenheit, die das Fehlen eines Superstars kompensieren kann. Die Big Men Nene und Mozgov gehören zu den treffsichersten der Liga, beim Point-Guard-Duo Ty Lawson und Andre Miller ergänzen sich Jugend (Lawson) und Erfahrenheit (Miller) prima, und von der Bank kommt mit Al Harrington ein Mann, der in seiner Karriere bereits so einige Playoff-Schlachten geschlagen hat und dem Team die nötige Ruhe und Sicherheit bringt.

Und dann wäre da ja noch der ebenfalls aus New York gekommene Danilo Gallinari. Als sechster Pick im Draft 2008 mit großen Vorschusslorbeeren in die Liga gekommen, konnte der Italiener nie zeigen, was tatsächlich in ihm steckt – bis George Karl es dies Jahr scheinbar geschafft hat, die letzten Prozente aus dem Forward herauszukitzeln. Passend dazu hat Denver seinen Vertrag auch schnell verlängert – die 42 Millionen Dollar über vier Jahre dürften gut angelegtes Geld sein. Und auch wenn die Nuggets in den letzten Spielen etwas geschwächelt haben - ich denke, in Denver darf man langsam anfangen, sich auf die Playoffs zu freuen.

Alter bringt Weisheit, aber keine Beine

Eins der bisher am enttäuschendsten agierenden Teams sind sicherlich die Boston Celtics. Als im Jahr 2008 mit den Trades von Kevin Garnett und Ray Allen das Zeitalter der Golden Four (Garnett, Allen, Paul Pierce und Rajon Rondo) eingeläutet wurde, hatten die Fans sofort mehrere Meisterschaften im Kopf. Aufgrund von Verletzungen blieb es zwar bei einem Titel sowie einer weiteren Finalteilnahme in den letzten vier Jahren, aber trotzdem waren die Celtics in der Regular Season immer eins der vier besten Teams.

Doch alles Gute hat ein Ende, so auch die Leistungskurve der Celtics. Drei der Topstars sind mittlerweile Mitte 30, und das merkt man ihnen besonders in dieser von wenigen Erholungspausen geprägten Kurz-Saison stark an. Zwar konnten die Celtics von den letzten neun Spielen acht siegreich bestreiten, doch nur zwei der Spiele gingen gegen Rivalen mit positiven Bilanzen – alle anderen sechs Spiele gegen Teams mit einer Siegquote über 50 Prozent wurden verloren.

Ohne Ergänzungsspieler geht es nicht

Allens Dreier fallen nicht mehr so regelmäßig, Garnett hat viel von seiner Power unter dem Korb verloren, und Rondo ab und zu schlichtweg keine Lust mehr auf Basketball – der junge Point Guard hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er sauer darüber ist, im Sommer fast von den Celtics im Tausch für Chris Paul an die Hornets abgeschoben worden zu sein. Und natürlich wiegt der Verlust von Kendrick Perkins nach wie vor schwer. Unter dem Korb ist man mit O'Neal, Stiemsma und Brandon Bass einfach zu schwach besetzt, und die ligaweit zweitbeste Defensive resultiert mehr aus der nach wie vor eingespielten Zonenverteidigung als aus dem Reboundspiel – beim Zulassen von zweiten Wurfchancen stehen die Celtics im letzten Drittel aller NBA-Teams.

Die nächsten zwei Wochen werden für die Celtics mit Spielen gegen die Lakers, die Bulls (zwei Mal) sowie die Mavericks richtungsweisend sein – für die Playoffs dürfte es im schwächer besetzten Osten der Liga zwar noch reichen, aber gegen Teams wie Miami, Chicago, die Pacers oder eben die 76ers dürfte die Kraft nicht mehr ausreichend sein.

Geheimfavorit auf Abwegen

Und auch bei den Memphis Grizzlies liegt einiges im Argen. In der letzten Saison sah alles noch rosig aus – ein toller Run bis in die Playoffs, in den selbigen eine großartige Serie gegen die an Nummer eins gesetzten Spurs gespielt und letzten Endes erst nach hartem Kampf und sieben Spielen an den Oklahoma City Thunder gescheitert – und das ganze mit einem Kader aus jungen, hungrigen Spielern.

Prompt wurden die beiden Verträge der Stars verlängert – Zach Randolph und Marc Gasol wurden für jeweils vier weitere Jahre und insgesamt fast 130 Millionen Dollar an die Franchise gebunden, und die Experten diskutierten munter drauf los, ob man den Grizzlies den Stempel des Geheimfavoriten aufdrücken sollte.

Doch das sieht mittlerweile nach einem typischen Fall von "zu früh gefreut" aus. In den ersten vier Saisonspielen gab es drei Niederlagen, und dazu verletzte sich Randolph im vierten Spiel schwer am Knie und muss nun bangen, ob er in dieser Saison überhaupt noch spielen wird. Und auch die Abgänge von Shane Battier, Xavier Henry und Greivis Vasquez sowie die schwere Verletzung von Darrell Arthur lassen sich für Memphis bisher nicht kompensieren.

Besserung in Sicht?

Zugegeben, die Grizzlies haben ein schweres Startprogramm gehabt und freuen sich sicherlich, im zweiten Drittel der Regular Season mehr leichte Gegner auf dem Zettel zu haben – doch im gut besetzten Westen kann einen ein schwacher Start in die Saison bereits den Playoff-Rang kosten. Momentan rangieren die Grizzlies mit einer Bilanz von 12 siegen aus 25 Spielen auf Rang 11 in der Western Conference.

Sicherlich hätte man gerade bei den positiven Überraschungen noch andere Teams wie die San Antonio Spurs, die Los Angeles Clippers oder die Indiana Pacers aufzählen können – so wie bei den negativen die Phoenix Suns, die New Orleans Hornets oder die Washington Wizards – aber dafür finden wir im Verlauf der Saison sicherlich auch noch Gelegenheit.

Oliver Stein

sportal.de / sportal

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