Radsport-Doping ARD verweigert TV-Boykott


Nach den Doping-Geständnissen zweier Ex-Telekom-Profis ist eine Debatte um Übertragungen von Radsportevents im Fernsehen entbrannt. Während die Politik ein Boykott fordert, wollen öffentlich-rechtliche Anstalten weiter senden. Die ARD sieht sich gar in einer Aufklärerrolle - das war nicht immer so.

Die Politik fordert einen TV-Boykott für den Radsport, aber ARD und ZDF wollen trotz der neuesten Doping-Geständnisse weiter senden. "Jetzt auszusteigen, wäre das Falscheste, was wir tun können", erklärte ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender bei einer Anhörung des Bundestags-Sportausschusses am Mittwoch in Berlin. "Es sind ehemalige Profi-Radsportler, die sich bisher geoutet haben. Tauchen in diesem Sommer mehrere aktuelle Dopingfälle auf, dann werden wir das neu entscheiden." Brender betonte, das ZDF beobachte die Reformbemühungen bei der Tour de France und den deutschen Radrennställen. Für die ARD stellte Programmdirektor Günter Struve heraus: "Es wäre das falsche Signal, jetzt die Tour-de-France- Veranstalter zu bestrafen."

Der Sportausschuss-Vorsitzende Peter Danckert hatte vor der Anhörung von den öffentlich-rechtlichen TV-Sendern eine Pause in der Radsport- Berichterstattung gefordert. "Ich empfehle einen vorübergehenden Boykott, bis sich die Dinge aufgeklärt haben", sagte Danckert dem Nachrichtensender n-tv. ARD und ZDF sollten "ein Zeichen setzen": "Es kann nicht sein, dass wir einen noch nicht dopingfreien Sport weiter unterstützen durch Gebühren, die ja von Millionen geleistet werden." Dem widersprach auch ARD-Sprecher Peter Meyer: "Nie war die Chance größer als jetzt, den Radsport zu reformieren." ZDF-Sprecher Alexander Stock kündigte allerdings an: "Wir werden das genau beobachten. Sollte sich herausstellen, dass aktuelle Sportler betroffen sind, dann wird das ZDF über Konsequenzen nachdenken. Zum jetzigen Zeitpunkt sehen wir keinen Anlass für einen Boykott, das hieße die Sache totzuschweigen."

"Sportasse nicht zu zu großen Helden machen"

Vor allem die ARD sieht sich spätestens seit dem Geständnis von Bert Dietz in der ARD-Sendung "Beckmann" in der Rolle des Aufklärers. "Wir haben am Verhandlungstisch mit dem Radsport und durch unsere investigative Berichterstattung zusammen mit dem ZDF ein Klima geschaffen, in dem sich jetzt ehemalige Doping-Sünder offenbaren können", sagte Meyer. "Die jüngste ARD-Sendung ’Beckmann’ und die gestrigen ’Tagesthemen’ mit dem Schwerpunkt ’Doping im Radsport’ belegen dies." Tatsächlich hat sich das Vorgehen der ARD geändert, die von 1998 bis 2004 Sponsor des Telekom-Teams war und mit Jan Ullrich im Jahr 1999 einen Exklusiv-Vertrag geschlossen hatte. Dafür hagelte es Kritik. Zu Recht, wie ARD-Sprecher Meyer einräumte: "Es war ein Fehler, eine Nähe zum Radsport zu pflegen, die vielleicht den ein oder anderen kritischen Ansatz nicht so hat in Erscheinung treten lassen, wie es vielleicht notwendig gewesen wäre."

Gegen einen TV-Boykott sprach sich auch der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Thomas Bach, aus. "Die Berichterstattung muss in vollem Umfang stattfinden", sagte Bach. "Dabei muss die Doping-Problematik allerdings einen angemessenen Platz finden. Wenn der Schirm dunkel bliebe, müsste man sich fragen, ob für andere Programmangebote aus Wirtschaft und Politik ebenfalls die Kameras abgestellt werden sollten." Die Übertragungen von Tour de France und Deutschland-Tour sollen nun anders als in früheren Jahren aussehen. "Natürlich wird das Thema Doping einen wichtigen Stellenwert in der Berichterstattung haben", kündigte ARD-Sprecher Meyer an. Dabei setzt der Sender besonders auf die neue Doping-Redaktion, die federführend vom WDR betreut wird. Meyer meinte zudem: "In Zukunft müssen wir aufpassen, Sportasse nicht zu zu großen Helden zu machen."

DPA/kbe


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