HOME

Rolf Aldag: Der Abstrampler

Bei der Tour de France werden Champions zu Göttern. Aber was, wenn einer weiß, dass er es nie nach ganz oben schafft? Nirgendwo opfern sich Athleten für den Ruhm anderer so auf wie beim Radsport. Wasserträger Rolf Aldag ist einer der stillen Helden der Drecksarbeit.

Von Markus Götting

Hätte er nur was Vernünftiges gelernt. Draußen drehen die feinen Leute der Gegend ihre Runden auf frisch manikürtem Rasen; Rolf Aldag liegt auf der Massagebank in Zimmer 121 des Golfhotels in Arras, er richtet sich auf und greift zur Fernbedienung: "Haben wir deutsche Sender? Oder wenigstens MTV?" Guckt er eben Eurosport, da kickt gerade Salzburg gegen Tiflis, und Aldag, der so mager ist, dass sich fast jede Ader auf seinen bleichen Beinen abzeichnet, legt sich wieder hin und seufzt. Der Masseur breitet eine dünne weiße Decke über seinem todmüden Patienten aus, dann knetet er die Strapazen von 200 staubigen Kilometern Radfahren aus dem klapprigen Körper.

Ein Malocher wie Aldag passt so gut in das Ambiente der Golferherberge wie ein Grubengaul in die Spanische Hofreitschule. Er ist ein wackerer Vorarbeiter im Team T-Mobile, einer, der selbst beim fiesesten Gegenwind in der Bretagne mit hängender Zunge und stierem Blick in die Pedale tritt und seinen Chef Jan Ullrich über die französischen Landstraßen zieht. Zwei Tage vor dem Start der Tour de France sollte Aldag den obligatorischen Fragebogen des französischen Fernsehens beantworten. "Ich saß vor der Kamera und hab gesagt, mein Name ist Rolf Aldag, ich bin 36 Jahre alt, 1,90 Meter groß und wiege 75 Kilo - und dann sollte ich sagen, welche Etappe ich wohl gewinnen werde. Da hab ich gedacht: Hey, Mann, ich werde gar keine gewinnen." Das ist auch nicht sein Job.

Eine merkwürdige Aussicht,

knapp 3400 Kilometer durch die Lande zu radeln, ohne Chance auf einen persönlichen Erfolg. Vielleicht stellt man sich deshalb einen Wasserträger als ziemlich traurige Gestalt vor. Als einen, der zum Ruhm des Helden geknechtet wird und später ein Lottogeschäft eröffnet. Was treibt einen bloß an, sich beim härtesten sportlichen Wettbewerb der Welt derart zu schinden? "Ich bin glücklich, wenn ich anderen zum Sieg verhelfen kann", sagt Aldag. "Und wenn die monatliche Überweisung kommt."

Seit 13 Jahren ist er Profi, seit elf Jahren bei Telekom, ein Mann, der sich keine Illusionen macht. Desillusioniert sollte man ihn dennoch nicht nennen. Warum auch? Er verdient etwa 250.000 Euro im Jahr, das ist doch eine solide Entschädigung für die Plackerei. Und es reicht für ein gutes Leben, auch wenn einer wie Ullrich angeblich fast das Zehnfache verdient. Es ist ja auch so, dass sämtliche Prämien im gesamten Team (neun Fahrer, Masseure und Mechaniker) aufgeteilt werden, und allein der Gesamtsieg bringt 400.000 Euro.

In keiner anderen Sportart opfert sich einer bis zur Erschöpfung für den Erfolg eines anderen auf - es widerspricht dem natürlichen Egoismus eines Spitzenathleten. Allerdings: Von 188 Tour-Startern kommt eh nur eine Hand voll Alphamännchen für den Gesamtsieg infrage.

Der Rest muss mitunter die Grenze zur Selbstverleugnung überschreiten. Bei der Tour 1990 war der Franzose Gilbert Duclos-Lassalle bravourös enteilt, als sein Kapitän Greg LeMond mit einem Platten liegen blieb. Den ersten Etappensieg vor Augen, ausgerechnet in seiner Heimatstadt, musste der alte Domestik stoppen und seinen Chef wieder ans Feld ranfahren. LeMond gewann die Tour, von Duclos-Lassalle hat man nie wieder etwas gehört.

Der Begriff Wasserträger beschreibt Aldags Job nur unzureichend. Klar, er holt hinten am Begleitfahrzeug Getränke, stopft acht, neun Flaschen ins Trikot, hechelt durchs ganze Feld und liefert sie bei den Kollegen ab. Und vorn sorgt er für Windschatten - Ullrich spart so etwa 30 Prozent Kraft. "Aber Rolf soll auch Ausreißversuche verhindern und vor allem für Erik Zabel den Spurt anziehen", sagt Mario Kummer, sein Sportlicher Leiter. In den turbulenten letzten Minuten des Rennens fährt Aldag die Ellbogen aus und stößt in die allerkleinsten Lücken an der Spitze des Feldes vor, riskiert dabei Kopf und Kragen. "Manchmal würde ich lieber zurückziehen", sagt Aldag, "aber Erik verlässt sich auf mich." Zabel klemmt sich an Aldags Hinterrad und schießt am Schluss wie von einem Turbo getrieben an allen vorbei - sechsmal hat er so das grüne Trikot des besten Sprinters gewonnen. Er sagt: "Das kann ich Rolf nie im Leben zurückzahlen."

Im Fernsehen hat Salzburg gerade das 3:0 geschossen, Aldag liegt bäuchlings auf der Massagebank und spricht durch das Loch am Kopfende. Es klingt etwas dumpf, als er sagt: "Jan Ullrichs Leben möchte ich nicht haben. Wenn der sich irgendwo am Flughafen mit Eis bekleckert, sehen das gleich zig Leute, und am nächsten Tag steht in der Zeitung: Jan Ullrich zu blöd zum Eisessen." Über Rolf Aldag steht nicht viel in den Zeitungen. Vergangenes Jahr haben sie über ihn geschrieben, als er in den Hochalpen fast eine Etappe gewonnen hätte und tags darauf im Bergtrikot Anstieg um Anstieg für seinen wilden Ritt leiden musste wie ein Hund.

Der Spitzensport

ist ja eine gewaltige Maschinerie, die immer wieder Helden generiert. Aldag hat sich dem früh entsagt. Die Karriere eines Radrennfahrers entscheidet sich in den ersten Profijahren: Hast du die Eier zum Siegfahrer oder nicht? "Wenn sich die Mannschaft 150 Kilometer lang für dich quält, und du wirst am Ende nur Fünfter, hast du ein Problem, passiert das öfter, hast du ein großes Problem", sagt Aldag, "die Verantwortung ist gigantisch." Er sagt: "Das ist eine Charakterfrage." Das Peloton bei der Tour de France funktioniert letztlich wie eine archaische Stammesgesellschaft. Aldag hat dabei für sich erkannt, dass er zum Häuptling nicht richtig taugt.

Vergangenes Jahr, bei sengender Hitze, wurde Wasserträger Aldag seiner Funktion im Wortsinn gerecht. Doch diesmal schüttet es oft vom Himmel wie bei den gefürchteten Frühjahrsklassikern, dazu bläst ein Wind, der junge Bäume knickt. Für Aldag ist seine zehnte Tour eine Chronologie der Pannen: Beim Mannschaftszeitfahren platzt ihm schon nach zehn Kilometern der Vorderreifen; ein einsamer Mann im Regen, der sich verbissen seinen Kollegen hinterherkämpft, das Gesicht vor Anstrengung zur Fratze verzerrt. Am nächsten Tag kollidiert er im strömenden Regen mit dem Spanier Carlos Sastre und kracht in eine Verkehrsinsel. Nun rackert er sich mit geprellter Rippe ab, dekoriert mit Pflastern und Netzverbänden. "Rolf steht immer wieder auf", sagt Teamarzt Lothar Heinrich emotionslos, "vor zwei Jahren hat er sogar mit gebrochener Rippe die Tour zu Ende gefahren."

Dieser Tage beginnt die Zeit der schweren Bergetappen. Dann hat Aldag seine Schuldigkeit getan. "Ich halte Jan lange Zeit aus dem Wind", sagt Aldag, "wenn's aber rauf geht zum Plateau de Beille oder so, verabschiede ich mich und wünsche ihm viel Glück." Dann sind Leichtgewichte wie Giuseppe Guerini oder Andreas Klöden gefragt. Klöden ist einer von Ullrichs besten Kumpeln, die beiden kennen sich schon ewig und trainieren gemeinsam am Bodensee. Vor drei Wochen ließ Ullrich ihm in Freiburg freie Fahrt zum Deutschen Meistertitel. Jetzt muss Klöden zurückzahlen. So wie Aldag im Jahr 2000, als er mit dem schwarzrotgoldenen Brustring zwar nicht zur Tour, dafür aber zu den Olympischen Spielen nach Sydney reiste.

Vor fast 50 Jahren hat der französische Philosoph Roland Barthes in seinen "Mythen des Alltags" die Tour als ein großes Epos beschrieben; damals gab es noch keine stundenlangen Live-Übertragungen, die das Spektakel zu einer dreiwöchigen Daily-Soap machen. Doch auch die dramatischste Seifenoper kommt nicht mit nur ein paar Hauptdarstellern aus. Es braucht auch Leute wie Aldag, und ausgerechnet der hat sich den Traum eines jeden Soap-Darstellers erfüllt: den Sprung ins große Kino.

Mit seinem Zimmergenossen Erik Zabel spielt Aldag die Hauptrolle in Pepe Danquarts grandiosem Dokumentarfilm "Höllentour", der zurzeit das deutsche Kinopublikum begeistert. In Lüttich, nach dem Prolog, schiebt Aldag sein Rad durch die Fans, es herrscht ja immer viel Aufregung vor dem Bus von T-Mobile. Und dann kommt diese Frau auf ihn zu, hält ihm einen Eddingstift hin und das Kinoplakat. Aldag unterschreibt wie ein Leinwandheld, er schwingt sich auf sein Rad und fährt davon. Und lächelt.

Ist das, neben all dem Geld,

der Lohn für die Qualen? Endlich selbst im Mittelpunkt zu stehen, durch einen Film, der ihn, mehr noch als sportliche Leistungen, zum Star macht? Aldag sagt: "Vielleicht begreife ich das erst in ein paar Jahren, was dieser Film für mich wert ist."

36 ist er jetzt. Udo Bölts, Aldags Vorgänger als Kultfigur des Malochertums, wurde vom Team Telekom in dem Alter etwas uncharmant abserviert. Angst, dass ihm das Gleiche passiert? "Es kommt darauf an, wie sie es einem sagen", sagt Aldag, und es komme auch darauf an, die Zeichen frühzeitig zu erkennen. Er sagt: "Mit 36 wirst du dich nicht mehr verbessern, und dann kommt der Zeitpunkt, wo dein Arbeitgeber sagt, für das Geld kriege ich auch zwei Ausländer." Er sagt: "Wenn du ersetzbar wirst, bist du weg." Einstweilen ist er nicht ersetzbar, der treue Helfer Aldag, einstweilen wird er weiter seine 40000 Kilometer pro Jahr den Buckel krumm machen. Aber er hat's ja so gewollt. Und außerdem, sagt er: "Ich kann ja nix anderes."

print

Wissenscommunity

  • Markus Götting