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Schwacher Boxkampf: Walujew besiegt Holyfield nach Punkten

Weltmeister Nikolai Walujew darf seinen Titel behalten. Doch der haarige Hüne tat sich schwer, seinen elf Jahre älteren Herausforderer zu besiegen. Das ist eine Genugtuung für "Boxlegende" Evander Holyfield - und das Preisgeld kann er auch gut gebrauchen. Immerhin hat Holyfield elf Kinder.

Von Anne Meyer

Als Nikolai Walujew die Arme in Siegerpose reckt, pfeifen ihn die Zuschauer erbarmungslos aus. Der haarige Hüne hat zwar erwartungsgemäß seinen Herausforderer besiegt. Er hat den WBA-Titel im Schwergewicht verteidigt und darf sich nun schon zum dritten Mal den Gürtel um die massigen Hüften legen. Und doch kann er einem Leid tun, der 2,13 Meter große russische Riese, denn ein glanzvoller Sieg war es nicht. Die Sympathien der 12.000 Zuschauer im ausverkauften Zürcher Hallenstadion gehörten von Beginn an seinem Gegner, dem 46-jährigen "Box-Opa" Evander Holyfield aus Atlanta, Georgia.

Dieser Boxkampf wurde schon mit Häme überschüttet, bevor er überhaupt begonnen hatte. Es werde eine Rummelboxnummer werden, eine Freak-Show, Boxen im Altersheim, so sagten Box-Kundige und ehemalige Profis. Der Opa und der Riese - eine einzige Farce. Und auch danach sind sich die Experten ziemlich einig: Auch wenn es nicht die totale Lachnummer geworden ist, so war der Kampf doch vom sportlichen Aspekt her ziemlich dürftig.

Der Längste gegen den Ältesten

Den Mangel an Klasse versuchten die Organisatoren schon im Vorfeld mit einem umso größeren Brimborium auszugleichen. Den "Kampf der Rekordzahlen" nannte Waldemar Hartmann die Partie, und so stand es auch in den Zeitungen: Der größte Boxer der Welt gegen die größte Boxlegende, der Längste gegen den Ältesten. Holyfield hätte seinen fünften Titel im Schwergewicht holen und gleichzeitig seinen Landsmann George Foreman als ältester Weltmeister aller Zeiten ablösen können.

Kein Interesse für Walujew

Bei diesem Boxkampf könne Nikolai Walujew nur verlieren, so hieß es. Denn er ist nicht nur 24 Zentimeter größer und 43 Kilo schwerer als sein Gegner, sondern auch elf Jahre jünger, also galt er als kaum zu schlagender Favorit. Deshalb interessierte sich im Vorfeld niemand für ihn; die ganze Aufmerksamkeit galt seinem Herausforderer. Seit Mike Tyson Holyfield das halbe Ohr abgebissen hat, genießt er Kultstatus. Bei öffentlichen Auftritten passt er deshalb stets gut auf, dass sein angeknabbertes Ohr auch sorgfältig ausgeleuchtet wird. Er gilt als der toughe, aber trotzdem elegante Boxkünstler. Walujew hingegen ist nicht eben für technische Raffinesse bekannt; seinen Weltmeister-Titel verdankt er wohl allein seiner erdrückenden Physis.

Der Tanz um den Bären

Die Loblieder auf Holyfield haben ihre Wirkung auf den tapsigen Riesen nicht verfehlt. Walujew scheint Komplexe entwickelt zu haben und wirkt in den ersten Runden wie gelähmt. "Schlaf nicht ein", befiehlt ihm sein Trainer, "drück ihn einfach weg". Doch Walujew will nicht hören, zumindest nicht in der ersten Hälfte des Kampfes. Wie ein großer, dicker Tanzbär dreht er sich in der Mitte des Rings um die eigene Achse und beobachtet den lästigen Amerikaner.

Holyfield wiederum hält sich an das Kommando seines Trainers ("dreh ihn wie einen Kreisel!") und tänzelt permanent um Walujew herum. Dabei wirkt er tatsächlich nicht wie ein Mann, der auf ein Lebensalter von 50 Jahren zugeht. Manchmal gelingt es ihm, mit einem Schlag zu dem Russen durchzukommen, doch der zeigt keine Reaktion. Ab der zweiten Hälfte werden die Tanzschritte Holyfields etwas langsamer, die Gehilfen wischen in den Pausen immer mehr Schweiß von seiner Glatze. Walujew gelingen einige Schlagkombinationen, so dass ihm schließlich, äußerst knapp, der Sieg nach Punkten zugesprochen wird (114:114, 116:112, 115:114).

Hoffnung auf ein bisschen Glamour

Was ist das für ein Weltmeister, der gegen einen Box-Opa noch nicht einmal klar nach Punkten siegt? Von einem amtierenden Champion hätte man erwartet, dass er einen 46-Jährigen schon nach wenigen Runden aus dem Weg räumt, auch wenn der ARD ein kurzer Kampf sicher weniger gut gefallen hätte. Den Sinn dieses Kampfs kapiert niemand so richtig. Die Zuschauer sahen einen schwachen Weltmeister und einen fitten Alten mit Adonis-Körper. Die Begeisterung über Holyfields Figur war folgerichtig auch das einzige, was Schauspieler Heiner Lauterbach, vom Reporter befragt, von der Partie in Erinnerung geblieben ist. Die Verantwortlichen der Boxverbände hatten Evander Holyfield aus der Versenkung geholt, weil sie hofften, dass er den Glamour der 90er Jahre mitbringen würde, einer Zeit, als es noch echte Box-Stars gab, Lennox Lewis, Mike Tyson, Michael Moorer. Heute haben nur die Klitschko-Brüder eine gewisse Berühmtheit, allerdings eher aus der Milchschnittenwerbung. "Es wird Zeit für die Jungen in der Szene", sagt ARD-Kommentator Andreas Witte, um dann leicht verzweifelt hinzuzufügen: "Aber ich sehe sie nicht."

Holyfield wirkt nach dem Kampf nicht sonderlich enttäuscht, mit einem Sieg hat er offenbar nicht gerechnet. Es waren wohl doch eher die horrenden Unterhaltszahlungen für seine elf Kinder (von fünf Frauen) und die 109-Zimmer-Villa, die ihn zu seinem Comeback-Versuch motiviert haben. Für das Duell gegen Walujew hat er 600.000 Euro bekommen, im Vergleich zu früheren Preisgeldern zwar ein Witz. Doch ein kleines finanzielles Polster ist nun da. Das nächste Kind kann kommen.

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