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Selbstversuch Kunstflug: 15 Minuten Dauerdröhnung

Air-Race-Action in Deutschland: Am Lausitzring messen sich die Kunstflieger unter extremen Bedingungen. Die Körperbelastung ist enorm. Ein stern.de-Reporter durfte bei einem Testflug mitfliegen.

Von Daniel Barthold

Schonungslos der Schwerkraft ausgesetzt. Als Vorlauf zum Red-Bull-Air-Race, dem Mekka für Kunstflieger, war es mir möglich, bei einem Kunstflug nahe am Lausitzring teilzunehmen. Bereits auf dem Weg von Dresden zum Flugplatz Welzow in Brandenburg versuche ich mir vorzustellen, was mich im Cockpit erwartet. Immer wieder muss ich an Stefan Raab denken, der mehrmals einen Kunstflug mitgemacht hat, und mit grünem Gesicht aus dem Flugzeug stieg. Loopings, Senkrechtflüge und schnelle Richtungswechsel bei hoher Geschwindigkeit - das wird jetzt auch auf mich zukommen.

Am Flugplatz angekommen, kommt es zunächst zu einem medizinischen Check, um für den etwa 15 minütigen Kunstflug überhaupt zugelassen zu werden. Blutdruck in Ordnung, keine Herzbeschwerden und vor allem sinnvolle Ernährung am Morgen – ich darf ins Cockpit und mitfliegen. Gerade beim Essen könnte es Probleme geben: Durch die schnellen Richtungswechsel und die hohe Beschleunigung sind ein voller Magen oder kohlensäurehaltige Getränke nicht förderlich. Die Gefahr, sich übergeben zu müssen, besteht, und ein voller Magen hat auch Einfluss auf den Gemütszustand beim Kunstfliegen.

Der Adrenalinspiegel steigt zwangsläufig

Der Arzt sagt mir, dass man in der Regel gut durch den Flug kommt, das mulmige Gefühl im Magen und Kreislaufschwächen erst bei der Landung vorkommen - wie beruhigend! Spätestens wenn man wieder heil mit beiden Beinen auf dem Boden steht. Ich nehme die Informationen sehr sachlich auf und gehe selbstbewusst an die Aufgabe. Pilot Sergio Plá, Kunstflugexperte, wird den Flug mit mir durchführen. Ich bekomme einen Rennanzug und habe vor dem Einstieg in das Flugzeug noch eine wichtige Aufgabe zu erledigen: Das Sicherheitsvideo. Wichtigste Information dort, wenn Sergio "Bail-Out, Bail-Out, Bail-Out" ruft, muss ich schnellstmöglich das Flugzeug verlassen.

Ein seltener, aber möglicher Fall, denn dann landet der Flieger entweder auf dem Wasser oder es gibt andere Komplikationen. Dann muss ich das Kabel zwischen meinem Helm und dem Flugzeug trennen, den engen Gurt öffnen, auf den Sitz steigen und springen. Mein Fallschirm sollte mich dann sicher landen lassen. Nach dem Video steige ich in die Maschine. Helm auf, Gurt fest (sehr fest) anschnallen und Mikro platzieren, um während des Fluges mit Sergio Funkkontakt zu halten. Ein Fotoapparat und eine Videokamera werden meinen Gemütszustand während des gesamten Fluges dokumentieren. Die Nervosität steigt etwas, als ein Red-Bull-Mitbarbeiter die Cockpit-Luke schließt und ich in diesem engen Flugzeug kurz vor dem Start stehe.

Die Körperbelastung ist spürbar

Der Adrenalinspiegel steigt von Sekunde zu Sekunde – das ist faszinierend. Der Funkkontakt zu Sergio steht und er fragt mich, ob ich bereit bin zu starten. Das bin ich. Kurz vor dem Start ist noch alles wie in einem normalen Flugzeug: Langsam anfahren und vor der Startbahn noch kurz anhalten. Dann gibt Sergio Gas und hebt ab. In der ersten Kurve merke ich: Die Richtung wird er schnell und abrupt ändern. Das Unerwartete macht beim Kunstflug viel aus. Fliegt er jetzt senkrecht? Nach rechts? Oder macht er einen Looping? Ich kann es nicht sagen.

Mit 5-7 G ist mein Körper einer hohen Belastung ausgesetzt, die Profis vom Red Bull Air Race gehen mit 12 G aber noch einen Schritt weiter (1 G entspricht übrigens der normalen Erdbeschleunigung). Die Loopings finde ich klasse, auch über Kopf in der Luft stehen, macht mir nichts aus. Die Aussicht entschädigt für vieles. Größere Probleme hat mein Körper mit dem plötzlichen Senkrechtflügen. Kurz steht der Flieger still in der Luft, dann folgt ein rasanter Anstieg nach oben. Es reißt mich nicht nur in den Sitz, mein Kopf ist durch die Belastung ein wenig benommen. Es fühlt sich ein an, als ob der Kopf platzt. Ein weiteres Problem tritt auf: Sergio kann mich nicht mehr hören. Ich merke nicht, dass sich das Kabel des Mikrofons gelöst hat. Glücklicherweise kann er mich über die Kamera sehen und weiß, dass es mir gut geht. Naja, den Umständen entsprechend gut.

Nach 15 sehr kurzweiligen Minuten, hat mich die Erde wieder. Die Luke wird geöffnet und ich bekomme Wasser und ein Handtuch. Ich kann aufstehen, auch gehen ist möglich. Etwas wackelig bin ich dann doch auf den Beinen. Und das Kopfdröhnen zeigt, dass der Kunstflug eine enorme Belastung für den Körper ist. Unfassbar, dass die Profis bis zu 400km/h schnell sind. Nachdem ich meine Urkunde stolz entgegennehme und mir die ersten Bilder meines Fluges angucke, bin ich erleichtert und auch etwas müde. Auch die Ärzte gratulieren mir zum Flug, die gerade vom Mittag essen kommen. Essen? Daran ist momentan nicht zu denken. Leicht benommen fahre ich wieder zurück ins Hotel nach Dresden. Dort hat sich der Kreislauf stabilisiert und ich bin wieder voll einsatzfähig. Nochmals in den Flieger zu steigen, kommt mir aber nicht in den Sinn. Der Kunstflug war eine tolle Erfahrung - eine einmalige Erfahrung, denn die Belastung ist enorm.

Wollen Sie mehr über das Kunstfliegen und den Red Bull Air Race erfahren? Weitere Informationen gibt es hier

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