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Skilanglauf: ..und ich gaaanz weit hinten

Beim Engadiner Skimarathon starten 11 000 Langläufer - neben beinharten Profis auch ein lustiges Völkchen und Anfänger wie unsere Mitarbeiterin. Die hatte gar nicht so viel zu lachen.

Die Engadiner ist eine Wurst. Und der Engadiner ist ein Marathon auf Skiern und zumindest den Langläufern alles andere als wurscht. Natürlich gibt es den Wasa-Lauf, da oben in Schweden, den ältesten und längsten, ein Nationalritus. Aber viel zu ernst, viel zu ambitioniert, viel zu kühl. Der Engadiner hat bei weitem nicht diese Tradition. Er bietet aber was anderes: ein gewaltiges Panorama und abgefahrene Mitläufer.

Die Dreitausender

mit ihren schneebedeckten Gipfeln rundum bilden die Arena für die Strecke entlang dem Inn. Am Loipenrand erklingen ab und zu Alphörner. Mein Puls hämmert, das Blut jagt durch die Adern, und von links überholt mich auch noch eine Dusche. Der Mann, der mit Brause und Duschvorhang verkleidet durch die Spur jagt, winkt mir freundlich zu - und bringt mich komplett aus dem Rhythmus.

Wir passieren Kilometer fünf. Im Blickfeld habe ich Sils-Maria und im Sinn Friedrich Nietzsche. Der hat hier an seinem "Zarathustra" geschrieben, am Übermenschen. Um mich herum tummelt sich aber lediglich das Gaudi-Volk, die Profis sind längst am Horizont entschwunden. Vor mir rennt jemand mit einer ausgestopften Ziege im Schlepptau, daneben zwei Jungs mit hellblonden Frauenperücken. Ich bin eingekeilt zwischen zwei Typen in Sträflingsklamotten. Wie passend. In dieser Gruppe geht es nicht um Streckenrekord, das ist schon mal klar. Auf meinem hellblauen Leibchen steht ja die Nummer 5799, das bedeutet "Damen, klassische Technik". Hellblau heißt Anfängerin, erbärmliche Anfängerin.

Der Engadiner, von Maloja über St. Moritz bis nach S-chanf, sei einer der leichteren Läufe auf Skiern, hatte die Frau bei der Anmeldung gesagt. "Im Großen und Ganzen flach" und somit bestens geeignet für Leute wie mich. "Flach" hat im Engadin aber eine völlig andere Bedeutung als zum Beispiel in der norddeutschen Tiefebene, und bis zur Verpflegungsstation in Surlej sind es noch gut vier Kilometer. Mindestens einer davon schlängelt sich bergauf, die restlichen drei liegen im Schatten - und ich bin plötzlich allein unterwegs. Das nächste hellblaue Leibchen ist 100 Meter entfernt, und Zwischenspurts sollte man tunlichst vermeiden, hat der Skilehrer gesagt.

Das war vor zwei Monaten, im Trainingscamp; der Skilehrer hieß Sandro und sah so aus, als habe er beim Schweizer Skilehrer-Casting den ersten Preis gewonnen. Er war charmant und lustig, unterrichtete indische Millionäre ebenso wie besserwisserische Frührentner und ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen. "Bei manchen dauert es etwas länger", sagte er immer. Ich hatte drei Tage. "Du musst den Stock genau dort einsetzen, wo dein Schatten aus dem Fuß herauswächst", war einer seiner Tipps. Oder er ließ uns mit geschlossenen Augen trainieren und schickte uns den ersten Abhang hinunter. "Beim Bremsen aufkanten, sonst rast du in deinen Vordermann hinein", riet er mir. Den Diagonalschritt übten wir mit zwei Jungs aus dem Schweizer Nationalteam, und ich glaubte, das Prinzip Langlauf verstanden zu haben.

Hinter der Verpflegungsstation in Surlej suche ich mir einen neuen Windschatten. 42 Kilometer sind einfacher zu bewältigen, wenn man hinter jemandem her läuft, vor allem, wenn er so routiniert und souverän gleitet wie der junge Mann mit der viel zu kurzen Jacke vor mir. Nach 90 Minuten erreichen wir gemeinsam die erste große Prüfung der Strecke: der Anstieg zur Sprungschanze kurz vor St. Moritz. Es ist fast elf Uhr, der Sieger hat schon sein erstes Interview gegeben.

Der Berg ist nicht sehr hoch, aber verdammt steil. Zwölf Minuten bleiben uns, um die Zeitkontrolle in St. Moritz zu erreichen. Und die Veranstalter sind gnadenlos: Wer die Zeitnahme zu spät passiert, wird aus dem Rennen genommen. Mein Tempomacher weiß das, wir bleiben in der Spur, eine Kollision würde den Zeitplan jetzt völlig durcheinander bringen. Noch 200 Meter bis zur Zeitnahme, die Mittsechzigerin in meiner Spur gibt alles, ist aber zu langsam. Wie geht gleich der Spurwechsel? Ausscheren, einsetzen, gleiten - jawohl! Und schon passiere ich die Markierung, zwei Minuten vorm Besenwagen.

Wer lange läuft, lebt länger. Habe ich irgendwo mal gelesen. Hört sich gut an. Erst recht hier im Engadin, wo der Winterurlaub vor rund 140 Jahren erfunden wurde. Und wo schon zweimal Olympische Spiele stattfanden. Den Engadiner kann man somit durchaus als ernst zu nehmende Herausforderung ansehen. Und wo die Leute sich messen, ist die Eitelkeit nicht weit. Den Fachgeschäften der Engadiner Bergwelt beschert sie schöne Umsätze. Alle wollen vor dem Start nur das teure Hochfluorwachs auf ihre Bretter geschmiert haben. Fast 400 Euro pro Tag geben die Leute aus, die am Engadiner teilnehmen - so viel wie bei keinem anderen Sport-Event in der Schweiz. Das hat eine Studie ergeben.

Die Strecke nach Pontresina führt durch den Stazerwald. Ein einziger endlos langer Anstieg! Ich pflüge an singenden Zuschauern vorbei, die mir "Zuckerlis" entgegenstrecken. Aber zum Lutschen ist mein Mund zu trocken, das bisschen Spucke brauche ich zum Schlucken. Ich überhole zum ersten Mal einige Leute, ein gutes Gefühl. Doch aus der Abfahrt aus dem Stazerwald hinaus stürzen von den 11 000 Startern etwa 500, das verkündet der Veranstalter nicht ohne Vorfreude. Das Schweizer Fernsehen hat sich an den Schlüsselstellen positioniert. 900 Kalorien verbraucht man angeblich in einer Stunde Marathon. Beim Beischlaf seien es nur 600, auch das hat der Veranstalter ausgerechnet und messerscharf gefolgert: "Langlauf-Marathon ist besser als Sex."

Die Skispitzen schieben

sich durch die Rillen im Schnee. Ich halte meinen Rhythmus. Endlich. Vor mir bäumt sich die letzte Herausforderung des Marathons auf: die Golanhöhen! Was für ein Name für diese Hügelkette, die bei den Profis nach 37 Kilometern die Könner von den Meistern trennt. Bei den Anfängern ist längst keine Langlauftechnik mehr zu erkennen, wer sich überhaupt noch auf den Beinen hält, läuft im Trott einer Nordpolexpedition.

Noch drei Kilometer. Der Stadionsprecher verkündet schon die Namen der Ankömmlinge. Ich überhole die Jungs im Sträflingsdress auf der Zielgeraden, die 50 Zuschauer, die ausgeharrt haben, klatschen belustigt. Nach fünf Stunden, 42 Minuten und 23 Sekunden stolpere ich durchs Ziel. Der Sieger lief vor rund vier Stunden durch.

In der Nacht träume ich. Ich laufe durch einen verschneiten Wald ohne hohe Berge. Mein kalter Atem bildet kleine Wolken. In der Spur sehe ich Abdrücke. Es sind die Tritte eines Elches. In der Ferne ein rotes Holzhaus. Bin ich wirklich schon so weit? Das nächste Mal doch der Wasa-Lauf?

Stéfanie Souron / print

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