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Skispringen: Weiten-Jagd geht auf die Knochen

ZumAuftakt der Weltcup-Saison hat Bundestrainer Reinhard Heß einen Appell an den Internationalen Skiverband FIS gerichtet, die Weiten-Jagd zu beenden.

Vor dem Auftakt der Weltcup-Saison hat Skisprung-Bundestrainer Reinhard Heß einen eindringlichen Appell an den Internationalen Skiverband FIS gerichtet, die ungebremste Weiten- Jagd zu beenden. »Der Sport macht keinen Sinn mehr, wenn die Spitzenspringer entweder mit angezogener Handbremse springen oder Angst haben müssen, zu zerschellen. Wir sind keine Selbstmörder«, sagt Heß. Auch Martin Schmitt, der bei den Auftakt-Springen am Freitag und Samstag im finnischen Kuusamo wegen seiner Knieprobleme ausfällt, fordert ein Umdenken der Funktionäre. »Weite Sprünge sind sinnlos. Wenn 30 Athleten über den kritischen Punkt springen, hat der Wettkampf kein Niveau«, kritisiert der 24-Jährige.

Landungen im Flachen
Schmitt sieht sich selbst als Opfer der gnadenlosen Jagd nach immer größeren Weiten. »Die extreme Belastung der Kniegelenke bei Landungen fast im Flachen schadet der Gesundheit. Den Druck bei Weiten, die fast nicht zu stehen sind, bekommt man am Körper zu spüren«, stellt der viermalige Weltmeister vom SC Furtwangen fest. »Das betrifft nicht nur mich. Auch Sven Hannawald hat sich im vergangenen Winter eine Meniskusverletzung zugezogen und Adam Malysz hat ähnliche Probleme«, verweist der FIS-Athletensprecher, der nach seiner Knieoperation erst Mitte Dezember in Titisee-Neustadt in die Saison einsteigen wird, auf Gesundheitsschäden bei weiteren Spitzen- Fliegern.

»Perverse« Juryweiten


Schon seit längerer Zeit warnt Schmitt vor den Gefahren der Jagd nach immer neuen Schanzenrekorden. Das betrifft die möglichen Stürze, noch mehr aber das gesundheitliche Langzeit-Risiko. Mit der rechnerisch ermittelten Juryweite für jede einzelne Schanze hat die FIS den Wettkampf-Verantwortlichen einen Richtwert gegeben, bis wohin man gefahrlos springen können soll. »Die Juryweiten sind aber teilweise pervers. Die Linie ist bei etlichen Schanzen bereits im Flachen«, meint Bundestrainer Heß. Auch Schmitt hat diese »unschöne Entwicklung« ausgemacht. »Der Anlauf wird oft so ausgewählt, dass die guten Springer schon mit einem schlechten Versuch an den kritischen Punkt heranspringen. Bei einem guten Versuch sind sie acht Meter drüber.«

Schmalere Ski?


Auch bei den Ski-Herstellern sieht man die Gefahr, dass die besten Werbeträger durch die extremen Belastungen vorzeitig verschleißen. »Doch gerade die Stars sind es ja, die das Skispringen so interessant für Medien und das breite Publikum machen. Wenn wir sie eliminieren, machen wir den Sport kaputt«, befürchtet Pierre Heinrich, der »Sprungski-Guru« der französischen Firma Rossignol. Deshalb regt er Änderungen bei der Ausrüstung an. »Ich könnte mir beispielsweise schmalere Ski vorstellen, die nicht so weit tragen«, sagt Heinrich.

In eine andere Richtung denkt Heß. »Skispringen wird auch nicht uninteressanter, wenn in den Bereich des K-Punktes und nicht der Juryweite gesprungen wird«, meint der Thüringer. Die Anlauflängen sollten wieder so gewählt werden, dass nur die Besten die Schanze ausspringen. »Es kann nicht im Interesse des Sports sein, dass die Top-Athleten nicht ihr ganzes Können zeigen können«, sagt Heß.

Anregungen gibt es genug


Er kennt aber auch die Konsequenz aus seiner Forderung. »Dann würden zwei Drittel der Springer nur knapp über dem Vorbau landen, was nicht gut fürs Publikum-Interesse wäre«, weiß der Bundestrainer. Doch dem könne man mit einer Veränderung der Regeln leicht entgegen wirken. »Ich hätte nichts dagegen, wenn im Finale die fünfzehn Besten noch zwei Sprünge machen müssten. Das gäbe viel Spannung und Qualität bei der Entscheidung«, regt Heß an.

Eric Dobias und Uwe Jentzsch / DPA

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