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Skisprung-Verband: "Dallas" bei den "Adlern"

Manchmal ist Skispringen spannender als jede Soap: Weil die "Adler" Abnutzungserscheinungen bei ihrem Bundestrainer feststellten, ekelten sie ihn einfach hinaus. Die Geschichte einer Schlammschlacht...

Eine glanzvolle Ära geht unrühmlich zu Ende. Unter dem Druck seiner "Adler", allen voran Sven Hannawald und dessen Umfeld, trat Reinhard Heß am Wochenende als Skisprung-Bundestrainer zurück. "Ich habe diese Entscheidung bereits vergangene Woche getroffen", sagte der langjährige Erfolgscoach, der Wert auf die Feststellung legt, dass er selbst die Konsequenzen gezogen habe.

Auch sein Nachfolger steht bereits fest: Der bisherige Co-Trainer Wolfgang Steiert wird neuer Coach des A-Kaders.

Noch vor wenigen Wochen hatte der 57 Jahre alte Heß von Pfüller einen "Rentenvertrag" angeboten bekommen. Jetzt erklärte DSV-Sportdirektor und Generalsekretär Thomas Pfüller: "Wir wollen Reinhard, sein Wissen und sein Können nicht verlieren. Der Verband wird ihn auf keinen Fall abschießen."

Hannawald plädierte für Abberufung

Unmittelbar nach dem unbefriedigenden Abschneiden bei der Weltmeisterschaft im Fleimstal hatten die WM-Starter Hannawald (Hinterzarten), Martin Schmitt (Furtwangen), Michael Uhrmann (Rastbüchl) und Georg Späth (Oberstdorf) in der DSV-Zentrale ihrem Unmut Luft gemacht. Vor allem Hannawald plädierte wegen angeblicher Abnutzungserscheinungen in der langjährigen Zusammenarbeit für die Abberufung des Bundestrainers. Hannawald, der unter Regie von Heß vom fast magersüchtigen Mitspringer zum weltbesten Flieger aufgestiegen ist, hatte nach Aussage eines Beteiligten dem DSV die Pistole auf die Brust gesetzt: "Heß oder ich". Sein Heimtrainer Wolfgang Steiert - bisher Co-Trainer bei Heß - sei der richtige Mann.

Pfüller kündigte neue Strukturen rund um die Springer-Nationalmannschaft an, vermied aber vor den anstehenden Gesprächen mit dem DSV-Vorstand sowie den Auswahltrainern der Skispringer und Kombinierer eine klare Aussage. "Die bisherige Formation muss man nicht auf Ewigkeit festschreiben, wenn neue Wege möglich sind", so Pfüller, der aber keinen Zweifel aufkommen lässt, dass Heß in diesen Planungen eine Rolle spielen wird: "Der Verband hat kein moralisches Recht einen Trainer abzulösen, der neun Jahre Garant für den Erfolg war, nur weil seine Mannschaft nach massiven gesundheitlichen Problemen bei der WM einen Hänger hatte". Heß hatte die Springer-Nationalmannschaft nach der Katastrophen-WM 1993 übernommen und seitdem drei Mal olympisches Gold sowie sechs WM-Siege gefeiert. Dazu kommen elf weitere Medaillen und 62 Weltcupsiege durch sechs Springer.

Uhrmann bestreitet Demontage

Unterdessen hat Uhrmann bestritten, zur Demontage von Heß beigetragen zu haben. "Ich persönlich weiß, dass ich Reinhard viel zu verdanken habe", erklärte der Bayer. Es habe aber Probleme in der Saison gegeben. "Ich bin gespannt, wie die neue Struktur aussehen soll. Ich hoffe nur, dass nichts überstürzt wird", bemerkte Uhrmann. Olympiasieger Weißflog kritisiert Ablösung von Bundestrainer Heß Olypiasieger Jens Weißflog kritisierte die Ablösung von Reinhard Heß als Skisprung-Bundestrainer heftig. "Hier geht es wohl um Macht, deshalb wird Heß abgesägt. Ich glaube, das ganze Ding ist hinter seinem Rücken gelaufen und er wurde vor vollendete Tatsachen gestellt. Die Ablösung passiert ohne Not", sagte der dreimalige Olympiasieger in einem Interview.

Weißflog, der selbst einige Jahre unter Heß trainiert hatte, bezeichnete den Thüringer als sehr loyalen Coach, der sich immer für die Sportler eingesetzt habe. "Ich hoffe, dass er weiter im deutschen Skispringen arbeitet. Da werden seine Kenntnisse gebraucht", erklärte Weißflog.

Thoma bezeichnet Heß als cholerisch

Ex-Weltmeister Dieter Thoma hingegen hat Verständnis für die Ablösung von Reinhard Heß gezeigt und sich kritisch über den Arbeitsstil des langjährigen Skisprung-Bundestrainers geäußert. "Dass sich etwas ändern musste, wenn die Sportler nicht mehr zum Trainer stehen, war klar", sagte Thoma der Münchner "Abendzeitung". Heß sei kein einfacher Mensch und kein einfacher Trainer. "Er war sehr cholerisch", sagte der Olympiasieger von 1994. Und: "Mir haben damals am meisten die persönlichen Gespräche über Probleme gefehlt. Da geht es nicht, dass man wie ein Diktator reagiert."

Die Art und Weise des Trainerwechsels sei "nicht so toll", räumte der 33 Jahre alte Hinterzartener allerdings ein. Thoma weiter: "Man sollte das fair über die Bühne bringen und nicht dreckige Wäsche waschen und alte Rechnungen begleichen."

Seit heute steht fest: Wolfgang Steiert wird als Nachfolger von Reinhard Heß Bundestrainer der deutschen Skisprung-Elite. Heß soll künftig als Cheftrainer übergeordnet für den gesamten Springer-Bereich einschließlich Nachwuchsförderung zuständig sein. Dies teilte der Generalsekretär des Deutschen Skiverbandes (DSV), Thomas Pfüller, am Mittwoch nach einer Vorstandssitzung in München mit.

DPA

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