Snooker-Champ O'Sullivan Tickende Zeitbombe


Er lebt und spielt zwischen Genie und Wahnsinn. In der Welt der Snooker ist er als Rüpel verschrieen. Ronnie O'Sullivan soll drogenabhängig sein und gilt als depressiv. Und ist fast immer kurz vorm Durchdrehen. Ganz nebenbei ist er aber auch dreifacher Weltmeister.
Von Jens Fischer

Am Ende sah mal wieder alles ganz einfach aus. 18:8 gegen Ali Carter, locker und souverän hatte er sich seinen dritten WM-Titel gesichert. Ronnie O'Sullivan beherrscht die Snooker-Welt wie kein anderer, im Crucible Theatre von Sheffield ließ er während der WM seine Rivalen wie Anfänger aussehen.

Die sportliche Bilanz des "Rocket-Mans" liest sich in diesem Jahr mehr als beeindruckend: Platz 1 in der Weltrangliste, Doppel-Sieg bei den UK Championships und eben der WM – das haben in der Snooker-Historie erst Steve Davis und Stephen Hendry geschafft.

Vater im Knast

O'Sullivan ist einzigartig – und das in jeder Beziehung. Die gesamte Karriere des Enfants terribles ist gezeichnet von Skandalen, Entgleisungen und psychisch bedingten Eskapaden. Angefangen hat alles im Jahr 1992. Schon damals wurde O'Sullivan auf Grund seiner Erfolge in der Jugend frenetisch gefeiert, aber dann passierte etwas, was den 32-Jährigen bis heute nicht mehr loslässt.

O'Sullivans Vater, damals Besitzer mehrerer Erotik-Geschäfte, erstach bei einem Pub-Besuch einen anderen Mann und wanderte ins Gefängnis. Für seinen exzentrischen Sohn ein Schock, den er im Laufe der Jahre mit Alkohol und Drogen zu bekämpfen versuchte.

Genie und Wahnsinn

Bis heute leidet dieser geniale Spieler, dieser Zauberer am Snooker-Tisch, unter Depressionen und den Folgen seiner Abhängigkeit. "Ich habe immer noch diese Dämonen im Kopf, und sie machen mich jeden Tag verrückt. Ich denke, ich sollte lernen mit ihnen umzugehen.", gibt O'Sullivan offen zu. Aus diesem Grund hat er sich auch entschieden, während seiner Therapie gänzlich auf Antidepressiva zu verzichten und alle Medikamente abzusetzen.

Ambivalenter kann ein Sportler kaum sein. Genie und Wahnsinn – bei O'Sullivan gibt es beides nur im Doppelpack. Auf der einen Seite sein unglaubliches Talent am Snooker-Tisch. Er spielt dank unfassbar guter Technik beidhändig, auf der Liste der schnellsten Maximum Breaks, das heißt die maximale Punktezahl in einem Turn, belegt er die ersten fünf Plätze. Auf der anderen Seite hat er seine Nerven nur sehr selten im Griff und verstößt mit Vorliebe gegen die Etikette des edlen Snooker-Sports.

Flucht und pöbelt

Er flucht, zeigt Kugeln, die er nicht versenkt hat, den Mittelfinger oder verlässt in depressiven Phasen unvermittelt die Halle. So geschehen im Jahr 2006, als er bei den britischen Meisterschaften im Spiel gegen Stephen Hendry austickte. Nach einem missglückten Stoß schüttelte er dem Schiedsrichter und seinem Gegner die Hand, motzte "Ich hab genug, Mann" und ging. Mal wieder ein Eklat.

Oder zuletzt bei den China Open in diesem Jahr. Er verlor in der ersten Runde gegen den weitgehend unbekannten Marco Fu. Bei der anschließenden Pressekonferenz nahmen von O'Sullivan erneut die Dämonen Besitz. Während die Dolmetscherin auf die Übersetzung wartete, fühlte er sich unbeobachtet und bepöbelte den Pressesprecher der Veranstaltung aufs Übelste. Dabei ging es um oralen Sex und die Größe seines Genitals. Danach war er gezwungen, auf seiner Homepage mal wieder Abbitte zu leisten.

Liebevoller Vater

Und seine Fans verzeihen. Sie lieben ihren "Rocket-Man", sein geniales Spiel, sein Talent, und am Ende auch seinen Wahnsinn. Und wenn er - wie nach seinem WM-Sieg in Sheffield – seine beiden Kinder Lily und Ronnie Jr. in den Arm nimmt, wirkt er wie ein kleines Kind: Zerbrechlich, mit Genie gesegnet, einfach menschlich.

Aber O'Sullivan weiß auch, auf welch weicher Basis sein Erfolg gebaut ist. "Jeder weiß um meine Probleme. Ich verbringe jetzt erst einmal einen ruhigen Sommer, denke viel nach und bin dann hoffentlich wieder in der nächsten Saison wieder da", grübelte er laut in Sheffield. Zu schade, wenn nicht. Aber bei O'Sullivan sind Magie und Wahnsinn auch in Zukunft nicht zu trennen.


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