T-Mobile Girls-Camp Vom Baumwipfel in die Weltspitze

Nach dem Rauswurf von Jan Ullrich weht bei T-Mobile ein neuer Wind. Der Konzern setzt jetzt verstärkt auf Girl-Power. Für den Sturm auf die Weltspitze traf sich die Damen-Mannschaft zum Teambuilding in der Schweiz.
Von Annette Jacobs, Lugano

"Boah ey, mir fallen gleich die Arme ab!", hört man aus den Bäumen rufen. Ina-Yoko Teutenberg kommentiert lautstark ihr körperliches Befinden, während sie sich im Hochseilgarten in circa zehn Metern Höhe von Schlaufe zu Schlaufe hangelt um die zwanzig Meter Distanz zwischen zwei riesigen Eichen hinter sich zu bringen. Nachdem sie sich mit den Karabinerhaken, die sie in dieser Höhe absichern, auf der Plattform festgehakt hat, gibt sie ihren Nachfolgerinnen Tipps.

Aufgabe kapiert und erfüllt: Als Kapitänin sagt Teutenberg ihrer T-Mobile-Mannschaft auch im Klettergarten, was zu tun ist. "Der Umgang mit Angstsituationen und die Bewältigung der Aufgaben in schwindelerregender Höhe wird uns helfen, uns besser kennen zu lernen und ein Team zu werden", erklärt die neue Trainerin Petra Roßner.

Sie erzählt von einer Athletin, die noch am Vortag nach dem Wandern am gleichen Berg, dem Monte Tamaro im Schweizer Tessin, zu Fuß ins Tal zurücklief, weil sie wegen ihrer Höhenangst nicht in die Seilbahn einsteigen wollte. "Und jetzt hüpft sie hier in den Baumgipfeln herum, unglaublich", sagt Roßner, für die das Erlebnis mit ihrer Radsportlerin eine tolle Erfahrung für die nächste Saison ist. "Immer, wenn ihr mir erzählt, dass die Gegnerinnen zu stark sind, oder ihr euch irgendetwas nicht zutraut, werde ich euch diese Geschichte erzählen", droht Roßner lachend.

Balanceakt zwischen den Bäumen

Die Sonne schafft es an diesem Nachmittag, noch einige wärmende Strahlen durch die Baumkronen des Eichenwaldes zu schicken. Im Herbstlaub am Boden steht Trainerin Roßner, beobachtet ihre Schützlinge, gibt Anweisungen und ermutigt, wenn sie merkt, dass eines der Teammitglieder Angst vor der nächsten Aufgabe hat. In den drei Abschnitten des Hochseilgartens ist die gesamte Damen-Mannschaft des Team T-Mobile unterwegs - inklusive der neuen Teammanagerin Kristy Scrumgeour, der sportlichen Direktorin Anna Wilson sowie des Mechanikers und des Mannschaftsarztes.

Alle versuchen, in luftiger Höhe so gut wie möglich auf Drahtseilen zu balancieren, von Schaukel zu Schaukel zu hüpfen oder tarzangleich an einem Seil hängend von Baum zu Baum zu springen. Ausgerüstet mit Helm und Sicherungssystem kann eigentlich nichts passieren. Dennoch, die Höhe nimmt von Hindernis zu Hindernis zu und in den Gesichtern einiger Frauen ist die Angst vor dem Sprung in den freien Fall deutlich zu sehen. Auf den Plattformen, die an den Stämmen der Bäume befestigt sind, treffen sie sich vor und nach den Aufgaben, tauschen ihre Erfahrungen aus und sprechen sich Mut für die folgenden Aufgaben zu.

Auf dem Weg zum besten Team der Welt

Zum ersten Mal trifft sich die Mannschaft hier in der Schweiz um sich kennen zu lernen. In einem Luxushotel in Lugano ist das Team untergebracht. Die 17-jährige Schwedin Emilia Fahlin steht noch ein bisschen schüchtern abseits der Gruppe, aber auch sie soll als junges Talent in die Gruppe integriert werden. Die vergangene Saison verlief für das weibliche Pendant nicht ganz so katastrophal wie für die Herren-Mannschaft - die sich nach dem Rauswurf von Jan Ullrich zum großen Teil neu formiert.

Aber auch für die Frauen gilt: "Es kann nur besser werden." Kapitänin Ina-Yoko Teutenberg erzählt von der unglücklichen ersten Saison der T-Mobile-Mannschaft in Europa. Erst im vergangenen Jahr wurde das Team, das noch vor zwei Jahren das amerikanische Nationalteam war, dem deutschen T-Mobile-Rennstall angegliedert. Doch schon in den ersten Wochen der Saison gab es viele Ausfälle, einige Fahrerinnen beendeten nach schweren Verletzungen noch während der Saison ihre Karriere. Dennoch schaffte es die Mannschaft am Ende der Saison noch auf Platz zwei der Weltragliste. "Leider sind nur drei Fahrerinnen aus dem ursprünglichen Kader übrig geblieben", sagt Teutenberg. Neben ihr selbst gehören dazu die Texanerin Kim Anderson und die ehemalige Weltmeisterin und der Star im Team Judith Arndt.

Weltspitze als Zielvorgabe

Beim Frühstück am nächsten Morgen schwärmt Kristy Scrymgeour von der neuen Mannschaft, mit der sie in der nächsten Saison arbeiten wird. Einige ihrer neuen Kolleginnen kennt die Managerin noch aus ihrem alten amerikanischen Team: Damals fuhr sie zusammen mit der neuen Sportlichen Direktorin Anna Wilson sowie Trainerin Petra Roßner - beides ehemalige Weltklassefahrerinnen. Damals mit dabei auch die derzeitigen T-Mobile-Stars Teutenberg und Arndt.

Stärkster Neuzugang unter den Fahrerinnen ist die zweifache Weltcupsiegerin Oenone Wood - sie stand auf dem Wunschzettel der deutschen Trainerin Roßner ganz oben. Zu ihnen stoßen sieben weitere Fahrerinnen - eine Mischung aus erfahrenen und jungen Talenten. "Wir wollen in der nächsten Saison so viele Rennen wie möglich gewinnen", sagt Wilson, die für ihren Job im Teamfahrzeug ihre Anwaltskanzlei in Melbourne vorübergehend geschlossen hat. Scrymgeour will der Mannschaft eine Saison Zeit lassen, um zusammen zu wachsen und die beste Mannschaft der Welt zu werden.

Stapleton versammelt seine Teams in der Schweiz

Der Sponsor hofft so schnell wie möglich auf große Erfolge der Damen-Mannschaft, auch um die Bilanz der Männer auszugleichen. Denn nach dem Skandal um deren ehemaligen Kapitän Jan Ullrich, dem wegen Dopingverdacht gekündigt wurde, befindet sich auch das Männerteam im Neuaufbau. Und der wird nach dem weltweiten Dopingskandal im Männerradsport ein schwierigerer werden. So sollen die Frauen T-Mobile wieder dort hinbringen, wo die Männer einmal waren. "Unser Engagement im Frauen-Radsport ist ein wichtiger Bestandteil des Radsport-Sponsorings von T-Mobile. Es wird T-Mobile weltweit repräsentieren", hofft René Obermann, Vorstandsvorsitzender T-Mobile International.

Neuer Besitzer beider Teams ist Bob Stapleton, der sich genüsslich im Luxushotel zurücklehnt und den herrlichen Blick über den Luganer See genießt. Mit einem Auge verfolgt er das Filmteam, das er engagiert hat, um "seine" Frauen perfekt aussehen zu lassen. Nach dem Aufenthalt des neuen Damen-Teams in Lugano wird er weitere Tage hier verbringen um die neue Herren-Mannschaft in der Schweiz zu begrüßen. Auch sie werden sich zum ersten Mal treffen.

Zwei Teams in einer Hand

Der Amerikaner hat einen turbulenten Sommer hinter sich. Nach dem Ullrich-Skandal löste der ehemalige Mobilfunkmanager aus den USA den glück- und erfolglosen Olaf Ludwig als Teamchef der Männer ab. Ihm vertraut T-Mobile beide Profi-Teams an. Zunächst wolle er sich um den Kampf um das Doping kümmern, sagt Stapleton.

Zusammen mit den Ärzten beider Teams will er dafür sorgen, dass seine Fahrer und Fahrerinnen sauber an den Start gehen. Sein fernes Ziel sei es, dies auch bei den gleichen Rennen zu schaffen. Denn Stapleton will die Popularität des Frauenradsports dadurch steigern, dass beide Rennen am gleichen Ort stattfinden. "Bei einem Rennen in Belgien standen Weltmeister Tom Boonen und Ina-Yoko Teutenberg am Ende gemeinsam ganz oben auf dem Treppchen. Dass es diese Szenen häufiger gibt, ist mein Traum für die Zukunft." Eine ganz neue Form von Teambuilding.


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