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Tennis: Fünf Dinge, die wir bei den Australian Open gelernt haben

Das Tennis-Jahr hätte kaum besser beginnen können als mit dem historischen Finale zwischen Novak Djokovic und Rafael Nadal. In der Analyse der Australian Open ordnen wir auch Victoria Azarenkas Sieg ein und lassen Sabine Lisicki in der Stöhn-Debatte zu Wort kommen.

Die Australian Open sind mit einem Match für die Geschichtsbücher zu Ende gegangen. Novak Djokovic begeisterte mit seinem Fünf-Satz-Erfolg gegen Rafael Nadal Fans und Experten gleichermaßen, auch wir können uns nur verneigen.

In den Erkenntnissen des ersten Grand Slam-Turniers des Jahres geht es außerdem um Andy Murray, wir ziehen nach Victoria Azarenkas Sieg eine Bilanz im Damen-Tennis und lassen Sabine Lisicki in der Stöhn-Debatte zu Wort kommen.

1) Das Beste kommt zum Schluss

Die Lobpreisung kam von höchster australischer Stelle und brachte die Eindrücke auf den Punkt: "Solches Tennis hat man in Australien noch nie gesehen." Ausgesprochen hatte es Rod Laver, der australische Tennis-Held, nach dem der Center Court in Melbourne benannt ist und der dem großen Sieger Novak Djokovic den Pokal überreichen durfte.

Um 19:30 Uhr Ortszeit hatten Djokovic und Rafael Nadal den Platz betreten, um 1:37 Uhr in der Nacht brüllte der Serbe seine Freude heraus und zerriss sein T-Shirt. Dazwischen lag ein Match, das aus unterschiedlichen Gründen in die Geschichte eingehen wird. Es war das längste jemals bei den Australian Open gespielte Match. Es war das längste Grand Slam-Finale in der Historie. Nadal verlor als erster Spieler überhaupt sein drittes Major-Finale in Folge. Und Djokovic trotzte den Strapazen aus dem 4:50 Stunden dauernden Halbfinale gegen Andy Murray und setzte noch einen drauf.

Allein der letzte Satz war sein Eintrittsgeld wert. Nadal führte schon 4:2, Djokovic wirkte völlig ausgelaugt und der Spanier hatte das Momentum auf seiner Seite. Bis zu diesem Unforced Error, mit dem er seinem Kontrahenten die Dynamik zurückgab – kein Energie-Riegel der Welt hätte diese Wirkung haben können. "Das war der größte physische Test in der Geschichte des Tennis", sprach der begeisterte Jim Courier in die Mikrofone – Djokovic hat ihn bestanden und gehört endgültig zu den ganz Großen seines Sports.

2) Ivan Lendl hat noch viel Arbeit vor sich

Vom Talent her gilt Andy Murray seit Jahren als Kandidat für die ganz großen Siege. Bekanntermaßen kämpft der Brite aber mit mentalen Schwächen, in den entscheidenden Momenten fehlte ihm bisher der Killerinstinkt. Deshalb verpflichtete Murray zu Beginn des Jahres Ivan Lendl als Trainer. Der Tscheche galt zu Beginn seiner Karriere ebenfalls als Verlierertyp, wurde mit harter Arbeit und mentaler Stärke aber zu einem der besten Spieler in der Geschichte.

Down Under nichts Neues lautet nun aber das Fazit der Zusammenarbeit beim ersten großen Turnier. Im Halbfinale gegen Novak Djokovic holte er einen 2:5-Rückstand auf, hatte bei 5:5 drei Breakbälle und ließ die Chance mal wieder ungenutzt verstreichen. Trotzdem glaubt Murray an den langfristigen Erfolg: "Allein in die Box zu schauen und ihn dort sitzen zu sehen, hilft."

3) Die Krise im amerikanischen Herrentennis geht weiter

Erstmals seit 1973 hat kein Spieler aus den USA das Achtelfinale bei den Australian Open erreicht. Die erfolgsverwöhnten Amerikaner haben ein Nachwuchsproblem und die alten Recken wie Andy Roddick oder Mardy Fish haben entweder ihren Zenit bereits überschritten oder sind außer Form. "Das ist schon sehr hässlich", kommentierte John Isner nach seiner Pleite in der dritten Runde. "Wir müssen das beim nächsten großen Turnier auf jeden Fall korrigieren."

Doch wie soll die entscheidende Wendung stattfinden? Altmeister John McEnroe sieht strukturelle Probleme, die nicht so schnell gelöst werden können. "Unsere besten Kids spielen American Football oder Basketball oder machen einen anderen Sport", erzählte McEnroe auf foxsports.com.au. "Wir müssen Tennis für sie wieder attraktiver machen, wir überlegen aber immer noch, wie man das am besten anstellen könnte."

Dagegen befindet sich der australische Verband im Aufwind. Mit Routinier Lleyton Hewitt und Bernard Tomic standen zwei Australier im Achtelfinale. Während die Zeit von Hewitt langsam abläuft, hat Tomic gezeigt, dass 2012 das Jahr seines endgültigen Durchbruchs werden kann. Mit James Duckworth und Benjamin Mitchell rücken weitere Talente nach, Luke Saville siegte zudem bei den Junioren.

4) Azarenkas Sieg ist nicht der Beginn einer neuen Ära

Kollege Daniel Raecke setzte im redaktionsinternen Tippspiel zu den Australian Open von Anfang an auf Victoria Azarenka als Siegerin, wurde zunächst belächelt, holte sich aber mit Hilfe der Weißrussin den Gesamtsieg. Der erste Grand Slam-Titel für Azarenka war verdient, die 22-Jährige war über die zwei Wochen in Melbourne die konstanteste Spielerin.

Als Krönung erklomm Azarenka zudem die Spitze der Weltrangliste, sie löste die bei Majors immer noch sieglose Caroline Wozniacki nach fast einem Jahr als Leaderin ab. Azarenka gilt seit Jahren als eine der talentiertesten Spielerinnen im WTA-Zirkus, bisher fehlte es ihr aber an der mentalen Stärke für die ganz großen Siege.

Zusammen mit ihrem Trainer Samuel Sumyk arbeitete Azarenka an ihren Defiziten, im Kopf wirkt die Weißrussin nun wesentlich gefestigter und auch wegen ihrer stark verbesserten Fitness sind Erfolge wie bei den Australian Open möglich.

Trotzdem bedeutet der Erfolg Azarenkas keine Zäsur im Damen-Tennis. Schon im vergangenen Jahr gab es bei den vier Grand Slam-Turnieren vier verschiedene Siegerinnen, die erweiterte Weltspitze liegt sehr eng beieinander. Azarenka ist stark, aber nicht stark genug für eine große Dominanz. In Kim Clijsters schlummern bei entsprechender Gesundheit noch einige Erfolge, wie auch in Serena Williams. Auch Na Li, Sam Stosur, Maria Sharapova, Agnieszka Radwanska oder eine gesunde Andrea Petkovic liegen in Bestform nah beieinander – Spannung ist in den kommenden Monaten garantiert.

5) Das Stöhnen wird zum Ärgernis

In deutschen Medien stand vor dem Finale zwischen Azarenka und Sharapova vor allem ein Thema im Vordergrund: Beide begleiten ihre Schläge mit lautem Stöhnen. Während Azarenka in Presserunden äußerst gereizt auf das Thema reagierte, zeigte sich Sabine Lisicki nach ihrem Achtelfinal-Aus gegen Sharapova einsichtig.

"Das ist doch Wahnsinn! Ich stöhne ja auch, aber ich schreie nicht", sagte Lisicki in einem Interview mit dem Tagesspiegel. "Das Problem ist, dass man den Klang des Balles nicht hören kann, wenn jemand so laut schreit", führte die neue Nummer 14 der Weltrangliste weiter aus. Man könne hören, "wie schnell der Ball kommt." Deshalb plädiert Lisicki für Dezibelgrenzen, tatsächlich diskutiert die WTA schon seit längerem über dieses Thema.

Marcus Krämer

sportal.de / sportal

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