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Tour-Absturz: Ullrich zeigt Nerven

Jan Ullrich nach seinem Pyrenäen-Debakel im Sturzflug: Vor der Tour zum Favoriten gestempelt, traut ihm kaum ein Experte mehr einen Podiumsplatz zu. Beleidigt sagte Ullrich die Pressekonferenz ab.

Jan Ullrich ist abgeschrieben und schmollt. 20 von 21 befragten Teamchefs legten sich am Montag in einer Umfrage der Sportzeitung "L’Equipe" auf Ullrichs großen Rivalen Lance Armstrong als Sieger der 91. Tour de France fest. Nur drei sportliche Leiter sehen den Rad-Profi aus dem T-Mobile-Team überhaupt noch auf dem Podium in Paris. Sein Chef Walter Godefroot traut Ullrich den zweiten Platz zu, zwei Mal wurde er noch auf den zweiten Platz getippt.

Klöden vor Ullrich

Mannschaftskollege Andreas Klöden hat seinem Kapitän nicht nur im Gesamtklassement den Rang abgelaufen, sondern liegt auch in der Gunst der sportlichen Leiter vorn. Der deutsche Meister erhielt elf Nennungen für den dritten Platz, Frans Maassen vom Rabobank-Rennstall erwartet ihn sogar auf Rang zwei.

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Ullrich lässt Pressekonferenz platzen

Entgegen sonstiger Gewohnheit verweigerte Ullrich am Montag der Presse im Teamhotel in Grignan Rede und Antwort und setzte sich dem Verdacht aus, ein schlechter Verlierer zu sein. Er hätte am ersten Ruhetag vor einer Woche eine Pressekonferenz gegeben, liege zur Zeit hinter Klöden auf Rang acht des Gesamtklassements und sehe deshalb keinen Grund für einen Gedankenaustausch, ließ der Olympiasieger über Team-Sprecher Olaf Ludwig der internationalen Presse ausrichten. Ullrich-Manager Wolfgang Strohband pflichtete ihm bei.

Für Riis Einbruch nicht unerwartet

Als einziger der 21 Teamchefs legte sich Bjarne Riis sechs Tage vor dem Tour-Ende verständlicherweise nicht fest. Über die mögliche Zusammensetzung des Podiums in Paris zu spekulieren, "amüsiere" ihn nicht, sagte der dänische Toursieger von 1996. Er hat in Ivan Basso noch einen heißen Kandidaten im Rennen. 18 befragte Teamchefs trauen dem 26-jährigen Italiener und Armstrong-Freund am Ende Platz zwei zu, den Ullrich in seiner Karriere bisher fünf Mal belegt hatte.

Ullrichs Einbruch in den Pyrenäen habe ihn nicht überrascht, erklärte CSC-Chef Riis. Im Jahr 2003 hatte er starkes Interesse an einer Verpflichtung Ullrichs, die aber an dessen finanziellen Forderungen gescheitert war. Der ehemalige Ullrich-Kapitän bewies im Umgang mit seinen Fahrern in den vergangenen Jahren mehrfach ein besonderes Händchen.

Talentschmiede CSC

Im Vorjahr formte er aus dem Amerikaner Tyler Hamilton einen Armstrong-Herausforderer, in diesem Jahr aus Basso. Jens Voigt aus Berlin und Jörg Jaksche aus Ansbach erlebten in dieser Saison nach ihrem Wechsel zu CSC eine unerwartete sportliche Blüte und sorgten im Frühjahr mit Top-Ergebnissen für Aufsehen. Ähnlich wie Bobby Julich (USA), der bei Telekom im Vorjahr aufs Altenteil geschoben worden war. "Bei CSC wird man wie ein Erwachsener behandelt. Das war in meinen übrigen Teams oft nicht so", sagte der Tourdritte von 1998.

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