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Tour de France: Lance, der Gnadenlose

Allen Hoffnungen seiner Widersacher zum Trotz, präsentiert sich Lance Armstrong bei seinem letzten Rad-Rennen in Topform. Im Gegensatz zu Jan Ullrich, der zum Tour-Auftakt schwächelte, versetzte der Amerikaner seine Konkurrenz in einen Schockzustand.

Nach der grandiosen Vorstellung des sechsmaligen Siegers Lance Armstrong beim Einzelzeitfahren am Samstag scheint die 92. Tour de France bereits entschieden zu sein. Der am Samstag deklassierte Jan Ullrich zeigte sich zwar 24 Stunden später kämpferisch, konnte sich aber im Gesamtklassement, das der Amerikaner David Zabriskie weiter anführt, nicht verbessern. Ullrich bleibt 12. mit 1:06 Minuten Rückstand auf Armstrong.

Demoralisierendes Ergebnis

Mit ehrfürchtigem Staunen hatten die Geschlagenen am Vortag auf den denkwürdigen Auftritt des 33-jährigen Texaners auf den ersten 19 Kilometern reagiert. Selbst dem vermeintlich stärksten Widersacher blieb eine Demütigung nicht erspart: 3,5 Kilometer vor dem Ziel "flog" der am Ende zweitplatzierte Armstrong scheinbar mühelos an Ullrich vorbei - für die deutsche Tour-Hoffnung ein bisher unbekanntes Erlebnis der demoralisierenden Art.

Aber Ullrich bewies Kampfgeist und sicherte sich am Sonntag einen Platz in einer 27 Fahrer starken Kopfgruppe, die sich auf der Zielgeraden knapp von einer Armstrong-Gruppe absetzen konnte. "Heute habe ich mich schon viel besser gefühlt - Ich kämpfe weiter. Die Tour dauert noch drei Wochen", sagte Ullrich.

Nach seinem Coup vom Samstag hatte sich der Tour-Monarch ähnlich siegessicher wie zuvor auf der Strecke gegeben: "Ich hatte großen Appetit und wollte zeigen, dass ich diesem Rennen verpflichtet bin." Die Ereignisse vom Sonntag, als der Belgier Tom Boonen die 2. Etappe von Challans nach Les Essarts über 181,5 Kilometer im Massenspurt vor Thor Hushovd aus Norwegen gewann, verblassten gegen Armstrongs Gala-Vorstellung. Nur für Ullrich, der als 19. die Ziellinie überquerte, gab es ein wenig Auftrieb.

Siegeshungrig wie eh und je

Nach Armstrongs historischem sechsten Gesamtsieg im Vorjahr ist der Erfolgshunger des Amerikaners so groß wie eh und je. "Der Gnadenlose", titelte die "L’Équipe" am Sonntag. Abgekämpft und gefrustet sprach sich Ullrich, der bei einem Zeitfahren erstmals überholt worden war, nach der Schlappe auf der Strecke von Fromentine auf die Atlantikinsel Noirmoutier selbst Mut zu: "Natürlich ist das nicht gerade mein Glückstag. Dennoch will ich nicht von einem Einbruch sprechen."

Mit ähnlichem Zweckoptimismus trösteten sich auch andere: Bis auf seinen Team-Kollegen Alexander Winokurow verloren alle Mitfavoriten wie Ivan Basso, Floyd Landis bereits über eine Minute auf Armstrong - der enttäuschende Vorjahreszweite Andreas Klöden zwei. Einzig Zabriskie, der zwei Sekunden vor seinem Landsmann Armstrong ins Ziel kam und deshalb als erster Fahrer das Gelbe Trikot überstreifte, war konkurrenzfähig. Der Tour-Neuling vom dänischen Rennstall CSC ist ein Trumpf für das Team-Zeitfahren am Dienstag.

Niederlage aufgrund von Schnittwunden?

Noch steht die Strategie im Bonner Team laut Manager Olaf Ludwig nicht in Frage. Obwohl der schon bei der Dauphiné-Rundfahrt glänzend aufgelegte Winokurow selbst in der Paradedisziplin von Ullrich 15 Sekunden auf seinen Teamchef gutmachte, soll die Hierarchie vorerst nicht überdacht werden. Schließlich könnte der Trainingsunfall des zwölftplatzierten Ullrich, bei dem er sich 24 Stunden vor dem Tour-Start Schnittwunden am Hals zugezogen hatte, die Niederlage verursacht haben. "Bis zur ersten Alpen-Ankunft in Courchevel haben wir zwei Leader - daran ändert sich nichts", sagte der zum Saisonende scheidende Manager Walter Godefroot.

Viel wird davon abhängen, wie Ullrich die Geschehnisse verkraftet. Sein Berater Rudy Pevenage ist in Sorge: "Von Armstrong überholt zu werden, war für Jan genauso schockierend wie der Unfall." Der Tour-Sieger von 1997 gibt sich aber noch längst nicht auf: "Was mir hilft, ist die Erkenntnis, dass es bei meinem Sturz am Freitag auch ganz anders hätte ausgehen können. Wenn ich nicht noch an meine Chance glaubte, würde ich nach Hause fahren".

"Heb jetzt bloß nicht ab"

Schon beim Team-Zeitfahren am Dienstag nach Blois droht jedoch neues Unheil. Gut möglich, dass sich der Abstand zwischen Armstrong und Ullrich weiter vergrößert. Denn in den letzten beiden Jahren war das von Armstrong angeführte US-Postal-Team in dieser Disziplin nicht zu schlagen. Zusammen mit seinen neuen Gefährten vom Team Discovery Channel plant der Titelverteidiger einen neuerlichen Coup. Der Wunsch von Ullrich, diesmal ohne großen Rückstand in die Berge zu gehen, wäre dann passé - genau wie der mit Spannung erwartete Zweikampf mit seinem langjährigen Widersacher.

Fast scheint es, als könnte sich Armstrong, der vor dem Tourstart überraschend zum zweiten Mal innerhalb von 48 Stunden zur Blutkontrolle gebeten wurde, auf seinem Weg zum siebten Gesamtsieg in Serie nur selbst im Weg stehen. Nämlich dann, wenn er den scheinbar mühelosen Erfolg über die Konkurrenten beim Tour-Auftakt als sicheres Indiz für weitere Erfolge wertet. Dieser Gefahr will sein Sportlicher Leiter Johan Bruyneel vorbeugen: "Heb jetzt bloß nicht ab", beschwor er Armstrong, "bis nach Paris sind es noch über 3500 Kilometer."

Heinz Büse und Andreas Zellmer/DPA / DPA

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