Tour de France Warum Klöden nicht gewinnen durfte


Schönes Wetter, eine prächtige Londoner Kulisse und geschätzt eine Million Zuschauer vor Ort: Die Tour de France legte einen Traumstart hin. Das Thema Doping schien für einen Nachmittag vergessen - bis die Etappensieger feststanden.
Von Annette Jacobs, London

Welch eine faszinierende Kulisse! London als Grand Depart der Tour de France 2007. Auch wenn die Doping-Diskussion im und um den Tour-Tross noch längst nicht beendet sind - und die Strecke aus Angst vor einem neuen Anschlag durch 5000 britische und 80 französische Polizisten zusätzlich gesichert wird - viel besser kann ein Tour-Auftakt nicht inszeniert werden. Der Streckenplan des 7,9 Kilometer langen Prolog-Kurses liest sich wie das Kulturprogramm einer Touristengruppe.

Unter den strengen Augen der Horse Guards - dort wo zu Ehren des Geburtstages der Queen jedes Jahr die Parade "Trooping of the Colour" stattfindet, rollen die 189 Fahrer erstmals in diesem Jahr von der Startrampe der Tour de France. Der gesamte Prolog führt durch das Regierungsviertel Westminster: Vorbei am Wohnsitz des neuen Premierministers Gordon Brown, 10 Downing Street, dessen Arbeitsplatz dem Parlament bis zum Wohnbereich der Queen, dem Buckingham Palace. Durch den geflaggten Union Jack zeigt sie ihren Untertanen an, dass sie an diesem wichtigen Tag sogar zu Hause ist. Nach dem Ausflug durch den Hyde Park geht es für die Radprofis weiter in den nächsten Teil des "Royal Garden", dem Green Park, bis ins Ziel auf der Londoner Prachtstraße "The Mall".

Tour de France als "High Five"

Schon früh kommen die ersten Besucher, deren Anzahl sich bis zum Höhepunkt der Etappe am späten Nachmittag auf geschätzte eine Million Menschen hochschraubt, in die Stadt, um sich die besten Plätze an der Strecke zu sichern. Und das trotz der großen Konkurrenz an sportlichen Großereignissen an diesem Wochenende in und um die britische Hauptstadt. Von der "Daily Telegraph" wurde die Tour de France zwar zu den "High Five" gezählt, doch in der Vorberichterstattung der meisten anderen englischen Medien spielte das importierte Radsportspektakel kaum eine Rolle.

Es fehlt gegenüber dem Tennis-Turnier in Wimbledon, der "Royal Henley Ruder-Regatta" oder einem Kricket-Spiel der britischen Nationalmannschaft gegen Westindien die britische Tradition. Und gegen den neuen englischen Helden Lewis Hamilton, der in Silverstone um seinen ersten WM-Sieg auf heimatlichem Boden kämpft, hatte es das 104-jährige französische Radrennen in den englischen Medien ebenfalls schwer. Dennoch füllen sich an diesem sonnigen Samstag in London die Straßen mit Tourfans, die zunächst auf den Start der Werbekarawane - eine Art Karnevalsumzug der Toursponsoren - warten.

Englische Bobbys kümmern sich

Wer nicht an der Strecke steht, den zieht es gegen Mittag zum Teamparkplatz. Dort stehen die 21 riesigen, frisch gewienerten Mannschaftsbusse mit den dunkel verspiegelten Scheiben in einer langen, bunten Reihe hintereinander. Jede Mannschaft hat in seiner Parzelle sein eigenes Lager aufgebaut. Von weitem sieht man das leuchtende Gelb des französischen Saunier-Duval-Teams, das knallige Orange der baskischen Mannschaft Euskaltel sowie das grelle Magenta des Team T-Mobile.

Neben dem hellblauen Gerolsteiner-Mannschaftsbus inmitten der hellblauen Zeitfahrräder lehnt ein britischer Bobby an einem Zaun. Ob er aus Angst vor einem neuen Terroranschlag das Lager bewacht? "Nein", sagt er. Die großen Teams wurden mit Polizeieskorte in die Stadt gebracht, damit sich in den Straßen der 12-Millionen-Einwohner-Metrolpole niemand verirrt. "Das war schon vor den versuchten Anschlägen so geplant. Und jetzt stehe ich hier, falls das Team meine Hilfe braucht. Das ist nicht der schlechteste Job heute", sagt der Polizist, der ein bisschen stolz darauf ist, ein Teil des großen Radrennens zu sein "Wer weiß, wann die Tour das nächste Mal zu Gast in London ist."

Plauderei im Fahrerlager

Während sich die meisten Profis wenige Stunden vor Beginn der dreiwöchigen Rundfahrt den Blicken der Fans hinter den schützenden Scheiben der Teamfahrzeuge verstecken, steht Jens Voigt mit seinem Plastikteller zwischen den Fans und plaudert gemütlich. Hin und wieder unterbricht er seine Mahlzeit aus Reis und Omelett und schreibt Autogramme. "Ich wollte den Fans zeigen, dass wir da sind", sagt der deutsche Profi des dänischen CSC-Teams. "Der Bus mit den dunklen Scheiben sieht ja aus wie eine unbezwingbare Burg."

Trotz der Anspannung vor der Tour, die sich auch bei ihm bemerkbar macht, kann er ohne Druck ins Rennen gehen. "Ich bin kein Spezialist für diese kurzen Zeitfahr-Distanzen und gehe heute ohne Siegchancen ins Rennen. Anders ist es bei meinen Kollegen David Zabriskie und Fabian Cancellara. Die können heute um einen Podiumsplatz mitfahren und sind deshalb sehr konzentriert", sagt Voigt, der sich nach dem kurzem Gespräch wieder ganz um die Autogrammwünsche seiner Fans kümmert.

Astana meidet Zuschauerkontakt

Auch bei den anderen Mannschaften werden nun die letzten Vorbereitungen für den bevorstehenden Prolog getroffen. Die Sportlichen Leiter von T-Mobile, Rolf Aldag und Valerio Pivo beugen sich über die Rennmaschine einer ihrer Fahrer und machen letzte Abstimmungen und vor dem Bus der holländischen Mannschaft Rabobank lässt sich nun auch der Weltmeister Oscar Freire blicken. Nur beim kasachischen Team Astana ist es wie immer. Man hört und sieht nichts. Wie schon die gesamte Saison über machen sich sowohl die Topstars Andreas Klöden und Alexandre Vinokourov als auch die Sportlichen Leiter wie Mario Kummer rar.

Zurück an der Strecke herrscht Tourstimmung. Man sieht verkleidete Fans in Gelben, Grünen und gepunkteten Tour- oder komplett bunten Fantasietrikots, die wild mit aufblasbaren Handschuhen wedeln und egal welcher Fahrer an den Fans vorbeirollt, jeder wird mit Jubel begrüßt. Im Minutenabstand wiederholt sich das Bild: Hinter einem blau blinkenden Polizeimotorrad folgt in einigen Metern Abstand der Radprofi - der mit dem Teamfahrzeug von seinem Sportlichen Leiter verfolgt und durch ein Mikrofon angefeuert wird. Damit die Zuschauer wissen, wem sie gerade zujubeln, klebt vorne am Auto ein großer Aufkleber mit dem Namen des Fahrers.

Armstrong gedopt? Egal!

Eine Gruppe von Engländern wird jedes Mal besonders euphorisch, wenn ein Amerikaner oder ein Mitglied des US-Teams Discovery Channel vorbeiflitzt. Sie sind noch immer große Fans des siebenfachen Toursiegers Lance Armstrong und feuern deshalb vor allem sein Team an. Auf die Frage, wieso sie noch immer für einen nachgewiesen gedopten Sportler schwärmen, lacht die Gruppe lauthals. Das spielt im Fieber der Tour de France offensichtlich keine Rolle. Und noch größer ist der Jubel selbstverständlich, wenn einer ihrer Landsmänner mit hoher Geschwindigkeit auf dem Zeitfahrrad an ihnen vorbeirollt.

Ein fast perfekter Tag für die englischen Tourfans, die mit dieser Demonstration auf die Straßenradrennen der Olympischen Spiele 2012 in der britischen Hauptstadt eingestimmt werden sollen. Denn traditionell schlägt das Herz des britischen Radsportfans für Bahnradsport. Nach tagelangem Dauerregen spielte in der britischen Hauptstadt sogar das Wetter mit. Nur der erhoffte britische Sieg bleibt aus.

Trotz der Tatsache, dass es schon ein großer Erfolg ist, dass vier Briten an diesem Radsportereignis teilnehmen, hatten die meisten Fans auf Bradley Wiggins gehofft. Der Londoner hatte nach eigenen Aussagen schon seit Jahren für den Sieg in seiner Heimatstadt trainiert und schaffte am Ende doch nicht über den dritten Platz hinaus. Strahlender Sieger war der Schweizer Fabian Cancellara aus dem dänischen CSC-Team von Jens Voigt, vor dem Deutschen Andreas Klöden. Ein Sieg von Klöden aus dem des Dopings verdächtigten Teams Astana wäre für viele eine Katastrophe gewesen. Und so holte die Diskussion um die verbotenen Hilfsmittel die Tour de Fance schon am Abend des ersten Wettkampftages wieder ein.


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