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Tour-Start: Vollgas statt Abwarten

Insgesamt 3607 km sind es bei der Tour de France bis ins Ziel. Trotzdem gilt es für die beiden Top-Favoriten Ullrich und Armstrong, von Beginn an voll in die Pedale zu treten.

Für Versteckspiele bleibt keine Zeit. Gleich zum Auftakt der 92. Tour de France müssen die Favoriten Farbe bekennen. Weil die Organisatoren entgegen sonstiger Gepflogenheiten auf einen kurzen Prolog verzichteten, kann am Samstag von einer reinen Show-Veranstaltung nicht die Rede sein. Dem Einzelzeitfahren auf der windanfälligen 19 Kilometer langen Strecke von Fromentine zur Ile de Noirmoutier misst die deutsche Tour-Hoffnung Jan Ullrich (T- Mobile) große Bedeutung zu: "Ich spekuliere zwar nicht auf das Gelbe Trikot, werde aber voll fahren. Wir wollen zeigen, dass wir gut drauf sind und nicht schon immer vor den Bergen etwas verlieren", sagte der Tour-Sieger von 1997 ungeachtet seines Sturzes beim Training am Freitag, bei dem er sich Schnittverletzungen am Hals zuzog.

Vier Mal war Ullrich bisher im direkten Duell gegen Armstrong unterlegen. Packt er ihn im fünften Anlauf?

Zu groß ist die Gefahr, schon auf den ersten von insgesamt 3607 Kilometern vorentscheidend in Rückstand zu geraten. Nicht nur deshalb werden sich die Klassementfahrer mächtig ins Zeug legen. Schließlich gibt es bis zum Finale auf den Champs-Elysées am 24. Juli nur noch eine weitere Gelegenheit, im einsamen Kampf gegen die Uhr Boden gutzumachen: beim schweren Einzelzeitfahren am vorletzten Tour-Tag in St. Etienne, wo Ullrich 1996 mit seinem ersten Etappensieg die Fachwelt verblüffte. Weniger Zeitfahrkilometer als in diesem Jahr (insgesamt 75) gab es seit 1974 (57) nicht mehr.

Eine solche Tour-Planung ist nicht im Sinne von Lance Armstrong: Schließlich ist der Wettstreit "contre la montre" eine Domäne des sechsmaligen Gesamtsiegers aus den USA. Seitdem er 1999 erstmals die Tour dominierte, ließ er die Konkurrenz bei zwei Prologen, zwei Mannschafts- und sieben Einzelzeitfahren hinter sich. Armstrongs Respekt vor der Strecke am Samstag ist genauso groß wie der von Ullrich: "Es gibt eine lange Brücke, viel Wind und fünf Kreisverkehre - das fühlt sich viel länger als 19 Kilometer an."

Solche Aufgaben sind ganz nach dem Gusto von Michael Rich. Nach der Inspektion der Strecke gab sich der deutsche Zeitfahrmeister vom Team Gerolsteiner zuversichtlich. "Diese Strecke liegt mir, da geht viel mit Kraft." Auf seiner voraussichtlich letzten Tour will der 35-Jährige, immerhin drei Mal Zweiter bei Zeitfahr-Weltmeisterschaften, für einen Paukenschlag sorgen: "Ich hätte nichts dagegen, wenn ich am ersten Tag das Gelbe Trikot trage und Jan Ullrich am letzten."

Bei vielen Fahrern hält sich die Vorfreude in Grenzen - vor allem bei denjenigen, die bereits 1999 dabei waren. Damals führte die zweite Etappe von der Insel Noirmoutier über die "Passage du Gois", die nur bei Ebbe befahrbar ist. Diese mutige Entscheidung der Tour-Planer ging auf Kosten der Fahrer. Auf dem glitschigen Belag gab es einen Massensturz, in den auch Mitfavorit Alex Zülle verwickelt war. Er verlor rund sechs Minuten. Ein ähnliches Horror-Szenario bleibt den Feld diesmal erspart. Diesmal nehmen sie den Weg über die lange Seebrücke.

Heinz Büse und Andreas Zellmer/DPA / DPA

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