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Ullrich-Rücktritt: "Wie ein Schwerverbrecher"

"Wenn die innere Stimme sagt: Es ist so weit, dann soll man darauf hören", kommentierte Jan Ullrich seinen Rücktritt. Der frühere Tour-Sieger stritt alle Doping-Vorwürfe ab und erhob zugleich schwere Anschuldigungen gegen Verbände, Funktionäre und Medien.

Mit einer beispiellosen Generalabrechnung mit Verbänden, Funktionären und Medien hat Jan Ullrich einen Schlussstrich unter seine aktive Radsport-Karriere gezogen. Acht Monate nach seiner Suspendierung unmittelbar vor der Tour de France brach der unter Dopingverdacht stehende Olympiasieger von 2000 sein Schweigen und wies die Anschuldigungen erneut zurück. "Ich habe in meiner Karriere nicht betrogen und niemanden geschädigt", betonte der 33-Jährige am Montag in Hamburg.

"Ich beende heute meine aktive Karriere. Ich habe auf meine innere Stimme gehört", sagte der Wahl-Schweizer, der nach seinem Sieg bei der Tour de France 1997 zum deutschen Sport-Idol der Qualität von Boris Becker oder Michael Schumacher aufgestiegen war. Nun zieht er sich vom Leistungssport zurück, den er seit seiner Suspendierung am 30. Juni 2006 nicht mehr ausgeübt hatte. Eine Überraschung war die Mitteilung seines Rücktritts, die Ullrich im Ballsaal II des Intercontinental-Hotels von Karteikarten las, nicht. Bei seinem letzten Auftritt vor großer Journalisten- Schar, seinen Entdeckern Peter Sager und Peter Becker und seiner Familie kam Ullrich noch einmal ins Schwitzen, nahm die Hürde aber ziemlich souverän und wirkte bei seinen Ausführungen ("Gott weiß, das sind meine Gedanken") sogar zeitweise charmant.

"Chance verpasst"

Seine angeblichen Doping-Verwicklungen thematisierte er während des 45-Minuten-Auftritts nicht näher: "Wie es zum Tour-Ausschluss kam, weiß ich bis heute nicht. Es war der schwärzeste Tag meiner Karriere. Es gab eine beispiellose Vorverurteilung durch einen Teil der Presse und der Verbände". Die Suspendierung und spätere Kündigung durch T-Mobile nannte er "überzogen". Konkret attackierte er Verbands-Präsident Rudolf Scharping, den gegen ihn prozessierenden Anti-Doping-Kämpfer Werner Franke ("zerstreuter Professor"), "einige schwarze Schafe" der Presse sowie die UCI. "Der große Weltverband hat die Verantwortung, die Drecksarbeit auf die Landesverbände abgeschoben", sagte Ullrich. "Man konnte kein anderes Verhalten von Jan Ullrich erwarten wie jenes, das er heute bei seinem Auftritt gezeigt hat. Das ist Schadensbegrenzung", sagte Franke.

"Mit der Erklärung von heute hat er wohl auch die letzte Chance verpasst, für Aufklärung zu sorgen", sagte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Thomas Bach. Auch Scharping kritisierte den Auftritt, würdigte aber zugleich Ullrichs Verdienste: "Ein großes Talent, so große Möglichkeiten und Erfolge - das alles könnte ohne Schatten strahlen, wären da nicht mindestens das letzte Jahr, die schwerwiegenden Indizien und eine verwirrende Verzögerungstaktik. Das ist ein Schlusspunkt hinter einer sportlichen Karriere, der alle ein besseres Ende gewünscht hätten."

Gegen Honorar bei Beckmann

Zuvor hatte Ullrich mit dem früheren Verteidigungsminister abgerechnet: "Er war einer der größten Schulterklopfer. Es ist wahnsinnig schlecht für den deutschen Radsport, wenn solche Leute ohne Leidenschaft und Liebe für den Sport bestimmen können, was läuft." Scharping hatte von "dem großen Schaden" gesprochen, den Ullrich der Sportart zugefügt habe. "Wo war denn der deutsche Radsport vor zehn Jahren?", fragte Ullrich provozierend.

Nach seiner Erklärung verließ der Ex-Profi das Hotel an der Alster. Ohne Fragen zu beantworten, wurde er von seinem langjährigen Manager Wolfgang Strohband an 150 Journalisten und Kameraleuten vorbei hinaus eskortiert. Einen weiteren Auftritt hatte er am Abend in der ARD-Talkshow Beckmann (22.45 Uhr) - gegen Honorar. Auf seine Zukunft freue er sich: "Für mich fängt das Leben erst richtig an. Ich bin ein glücklicher, gesunder und hoffentlich auch junger Mann, der weiß, was er will." Ullrich wird sich künftig als "Berater, Werbeträger und Repräsentant" des österreichischen Zweitliga-Teams Volksbank verdingen. Dazu promotet er zwei Sportartikel-Firmen und kümmert sich um seine eigene Fahrrad-Produktion.

Kämpfen für Ullrich

Dem einzigen deutschen Gewinner der Tour de France war wegen Doping-Verdachts von seinem T-Mobile-Team am 21. Juli 2006, zwei Tage vor Beginn der Tour, die er nicht mehr fahren durfte, fristlos gekündigt worden. Die Indizien waren erdrückend. Ullrich soll sich über Jahre bei dem spanischen Arzt Eufemiano Fuentes mit manipulierten Blutkonserven und diversen Doping-Mitteln eingedeckt haben. Durch die Abgabe einer Speichelprobe, die einen DNA-Abgleich mit dem Ullrich zugerechneten Blut aus dem Fuentes-Labor in Madrid ermöglicht, schien zuletzt Bewegung in die festgefahrenen Ermittlungen gegen den zweifachen Zeitfahr-Weltmeister gekommen zu sein, der 1995 seine Profilaufbahn bei Telekom begann.

Am Wochenende hatte der spanische Gerichtshof Grünes Licht gegeben für die Weitergabe der Blutbeutel. Die Bonner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Ullrich wegen Betrugsverdacht zum Nachteil seines früheren Arbeitgebers T-Mobile. An seinem Wohnort droht ihm weiter ein Sportgerichtsverfahren des Schweizer Radsport-Verbandes Swiss Cycling wegen der Doping-Anschuldigungen. "Dass Ullrich frei gesprochen wird, dafür kämpfen wir", sagte Anwalt Peter-Michael Diestel in einem Interview der "Sport Bild online".

DPA/kbe

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